Auf Tour mit Stéphane Peterhansel (Archivversion) Peterchens Mondfahrt

Zwei Peters auf Tour. MOTORRAD-Mann Peter Mayer ließ sich vom Rallye-Star Stéphane Peterhansel über die Feld- und Waldwege seiner französischen Heimat hetzen.

Ein ekliger Nieselregen hat sich über dem Vogesen-Städtchen Vesoul, etwa 80 Kilometer nordwestlich des deutsch-französischen Grenzübergangs Mühlhausen gelegen, breit gemacht. Eigentlich ein Wetter, um zu Hause zu bleiben. Doch abgemacht ist abgemacht. Und letztlich haben wir uns über das spontane Ja von Stéphane Peterhansel zu unserer Idee, ihn auf seiner Trainingstour zu begleiten, fast kindlich gefreut.Doch zunächst haben Fograf Dave und ich liebe Mühe, unseren Sparringspartner ausfindig zu machen. Hausnummer 16 in der rue des Muriers. Ein blickdichter Bretterzaun umgibt das Anwesen, kein Namensschild, keine Hausnummer. Wir klingeln trotzdem. Wie von Geisterhand bewegt, öffnet sich das riesige Tor. Unten in der Garage steht Stéphane und schraubt höchstpersönlich an seiner Viertelliter-Zweitakt-Yamaha. »Ich kümmere mich eigentlich nie um die Technik, doch mein Mechaniker ist krank«, versucht der Meister seinen in der Tat etwas ungelenken Versuch, eine Lampenmaske an den Crosser zu pfrimeln, zu entschuldigen. Derweil schauen wir uns ein wenig um. Riesiges Haus, Swimming pool, Sauna, Whirl pool, ein stattlicher Autofuhrpark, mehrere Motorräder, ein Jetski, einige Mountain Bikes - fünf Siege bei der Dakar-Rallye scheinen sich ganz offensichtlich auszuzahlen, nicht wahr Stéphane?Der 31jährige wird beinahe etwas verlegen. Denn er weiß, daß er damals nur ganz knapp einer bürgerlichen Berufskarriere als Klempner in der elterlichen Firma entronnen ist. Letztlich mit Zutun von Monsieur Papa, selbst passionierter Enduro- und Trialfahrer, der Stéphane mit acht Jahren ein Trial-Yamaha vor das Kinderzimmer stellte.Wobei sich schon Klein-Stéphane nie zur bedingungslosen Hingabe überwinden konnte. Denn vier Jahre später stellte er kurzerhand seinen Winz-Trialer in die Ecke und ließ sich von der zu jener Zeit grassierenden Skateboard-Welle mitreißen. Bereits damals mit der für ihn typischen Art des Erfolgs. Aus dem Stadtmeister wurde der Regionalmeister und bald darauf der französische Champion. Erfolg total - aber immer nur gespeist aus der kaum schlagbaren Kombination aus einem unglaublichen Bewegungstalent und der reinen Freude am Tun.Und genau diese Freude war es, die ihn mit 16 Lenzen urplötzlich wieder zum Motorradsport zurückführte. Natürlich verbunden mit verrückten Ideen. »Ich schlug meinem Vater vor, daß ich Enduro-Profi werden möchte. Der erklärte mich für übergeschnappt, ließ sich aber dann doch überreden. Freilich unter der Bedingung, daß wenn am Ende der Saison die kühne Überschätzung von der Realität korrigiert worden wäre, die Klempnerlehre unausweichlich bliebe«, grinst Stéphane noch heute. Am Ende des Jahres war der selbstbewußte Teenie Juniorenmeister und erhielt einen Profivertrag von Husqvarna. Der Grundstein zu einer der erfolgreichsten Karrieren im Off Road-Sport (Ergebnisse siehe Kasten) war gelegt.Inzwischen hat Stéphane seine Enduro-Ausrüstung übergezogen. Kann´s losgehen? Was bleibt mir schon anderes übrig. Gleich hinter dem Ortsschild biegen wir auf einen ausgefahrenen Feldweg links ab. Der Regen hat die Fahrspuren fast bis an den Rand mit brauner Brühe gefüllt. Stéphane kennt keine Gnade. Dritter, vierter, fünfter Gang und durch. Mir bleibt das Nachsehen - und der kalte Wasserstrahl von Peterhansels durchdrehendem Hinterrad im Gesicht. Noch einige Kilometer geht dieses Spiel. Immer vierter, fünfter Gang. Für Stéphane sicherlich ein Klacks. Wer mit 180 Sachen durch die unbekannte Wüste rast, den kann der halbe Speed auf heimischem Terrain nicht aus der Reserve locken. Und just in dem Moment, als auch mir die Chose Spaß zu machen beginnt, scheint sie auch schon vorbei zu sein. Ein Landwirt hat seinen Traktor auf dem Weg geparkt und fuchtelt wild herum. Stéphane rollt aus. Na ja, ich stelle mich doof. Er wird sich schon zu verteidigen wissen. Falschmeldung. Freudestrahlend kraxelt der Bauersmann von seinem Trecker und schüttelt Stéphane und mir die Hand. Jeden Tag hätte er im Fernsehen die Dakar verfolgt und wäre stolz gewesen, daß Stéphane es wieder allen gezeigt hat. Als der Landmann weitertuckert, grinst Stéphane und erzählt. Nach dem letzten Dakar-Sieg organisierte die Stadt Vesoul einen pompösen Empfang mit gesperrter Hauptstraße, Autokorso und allem drum und dran. Solche Dinge motivieren. Genauso wie die Tatsache, daß Verkehrskontrollen oder sonstiges autoritäres staatliches Gehabe an dem Prestige-Enduristen einfach vorbeigehen. Ach so, Herr Peterhansel, fahrn´s weiter, Euer Gnaden. Auch unsere Off Road-Tour ist hier im Departement Haute Saone eigentlich nicht gern gesehen. Doch bei Herrn Peterhansel ist das natürlich was anderes. 30 Minuten tägliche TV-Übertragung der Dakar zur besten Sendezeit haben Stéphanes Leben deutlich verändert.Überhaupt, die Dakar. Stéphane weiß, daß er dieser Rallye alles zu verdanken hat. Sein Vertrag mit Yamaha basiert nur auf dem Erfolg bei dem populärsten Sandspiel der Welt. Nur dafür wird er bezahlt. Bei allen weiteren Off Road-Glanzlichtern, läuft der Wüstenfuchs quasi nur Kür. Dennoch: Daß der mehrfache Sixdays-Gesamtsieger in der Einzel-Enduro-WM gegen die gnadenlos ehrgeizigen und konditionsstrotzenden Kämpfer noch keinen Titel holen konnte, wurmt ihn gewaltig. Dazu, das weiß er, reicht selbst sein ausgeprägtes Bewegungstalent allein nicht aus. Doch sich täglich bis zur Erschöpfung mit Konditionstraining zu quälen, dazu kann sich die Künstlernatur nicht aufraffen.Apropos aufraffen. Weiter geht´s. Die Route bleibt schnell, aber einfach. Ich weiß ja jetzt: Bloß nicht quälen. Nur die Bachdurchfahrt ganz am anderen Ende unserer Runde bringt alles wieder ins Verhältnis. Stéphane schickt mich vor. Das Bachbett ist verdammt tief, das Motorrad bis über die Naben unter Wasser. Fast bin ich durch, als ich am gegenüberliegenden Ufer hängen bleibe. Wo ist Stéphane? Ich drehe mich um - und sehe ihn gerade über meinen Kopf hinwegfliegen. Der Kerl hatte einfach eine kleine Böschung als Schanze benutzt, um sich Plagerei und nasse Stiefel zu ersparen. Wenigstens hilft er mir, die KTM hochzubugsieren. Fünf Minuten später öffnet sich wieder das Tor in der rue des Muriers. Geschafft, hätte aber schlimmer sein können. Das weiß auch Stéphane, doch er weiß auch, daß »Rennen nicht auf der Strecke, sondern im Kopf gewonnen werden.«In diesem Kopf steckt vor allem ein Ziel: Sich im kommenden Jahr mit der Rekordzahl von sechs Dakar-Siegen ein unumstößliches Denkmal zu setzen. Denn was danach kommt, ist längst geplant. In der in Frankreich populären Winter-Rennserie auf Schneepisten, der sogenannten Trophée Andros, hat sich Stéphane längst in der Spitze der Auto-Szene etabliert, ein Dakar-Einsatz auf vier Rädern wäre die logische Konsequenz. Und um die vier Siege von Rekordhalter Ari Vatanen zu egalisieren, hat er mit 31 Jahren ohnehin noch genügend Zeit.

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