Aufkleber an Bord (Archivversion) Kleben und Kleben lassen

Warum ist Sören an Bord, und wieso sollte jemand ­das wissen müssen? Was ich jetzt mal zugeben muss: Diese Kinder-Aufkleber kann ich nicht leiden.

Es sind weniger geworden in letzter Zeit, glaube ich. Aber es sind immer noch zu viele, finde ich. Es ist eine Charakterschwäche, ich weiß, ich sollte nachsichtig sein. Aber ich kann nicht. Ich rege mich jedes Mal auf.
Letzthin zuckelte ich hinter einem grünen Nissan Almera Tino her. Im Tino saߟ eine blonde Enddreißigerin mit der Art von Haarschnitt, den solch blonde Enddreißigerinnen »flott« finden. Dazu passte, was an ihrem Family-Van-Auto klebte: Sören mit durchgestrichenem O an Bord.
Aus welchem Grund und zu welchem Zweck machen die das, die Nachfahrenden mit den Namen der Nachfahren be­helligen? Es muss eine Erklärung geben für diesen Drang, die Welt per Haftfolieam Pkw zu informieren, wie die Menschlein heißen, die da schattenbekatzt umherchauffiert werden.
Erstens: klebt keiner sein Lieblings­rezept ans Auto. Zweitens: klebt keiner ­seine Kinder ans Motorrad. Ein Motorrad war vielleicht schon in Schottland oder Südtirol, aber es hat keine »Bärbel an ­Bord«, und nie war es mit »Timo on Tour«. Kein Koffer, der je über »Sozius Sorin« oder »Sozia Sofia« sich ausließ. Immerhin fahren Kinder manchmal ja auch auf Motorrädern mit.
Der Tino mit Sören und seiner Mami ließ mich ratlos, doch wenig später einem Fiat Palio Weekend (Sonja und Torben) folgend, stellte sich eine Vermutung ein. Wirklich, nur eine Vermutung: Es geht um Aufwertung. Neben dem elterlichen Stolz, etwas so Wunderbares wie einen Jasper oder eine Stefanie zusammengeliebt zu haben, erhält die Autofahrt erst dadurch ihre eigentliche Bestimmung, dass die Früchtchen »on tour« gehen. Zu profan an sich – Supermarkt, Tante Erna, Schwimmkurs –, wird die Partie im Auto dem rein Zweckmäßigen erst dadurch enthoben, dass »Robin an Bord« ist.
Wow! Da ergibt es plötzlich richtig Sinn umherzudieseln, weil ja jeder wissen ­kann, dass es Charlottes Papi ist, der an der Ampel schläft, dass es Sörens Mutti vorzieht, in der Dreißiger-Zone 22 zu fahren (der grüne Tino), und dass es Valentins Vater über zwei Autobahnkilometer nicht bewerkstelligt, wieder auf die rechte Spur zu wechseln. Weil da doch immer wieder so ein langsamer Lkw ist.
Folglich braucht das Motorrad solche Aufkleber nicht. Sie sind überflüssig, weil doch keine Fahrt im Zweckmäßigen sich erschöpft. Weil die Fahrerei (mal mehr, mal weniger, aber immer mindestens ein bisschen) Spaß macht. Das ist Sinn respektive Unsinn genug. Fahren, basta.
Möglicherweise meinen die Auto-Eltern auch, durch den mit Bedacht gewählten Rufnamen der Kleinen vor den Mitmenschen in besonderem Licht dazustehen. Möglicherweise meinen sie, als Vati eines Volkmars anders wahrgenommen zu werden denn als Papi eines Peters oder Mutti einer Melanie.
Das ist komisch, gilt doch das Auto dem Deutschen, vielen Deutschen, als Statussymbol und sogar als Ausdruck von Persönlichkeit. Du bist, was du fährst. Ein ­Seat Alhambra in Himmelblau zum Beispiel. Oder auch ein Citroën Xsara Picasso, zart malven-metallic.
Das trifft natürlich aufs Motorrad mindestens genauso zu, diese Identifikation mit dem Fahrzeug. Sie scheint indes besser zu funktionieren. Weil keiner die Maschine mit den Namen der lieben Kleinen tapeziert, um sie derart zum Besonderen zu wandeln, des Gewöhnlichen zu berauben. Wer bitte käme auf die Idee, in seiner Maschine etwas Gewöhnliches zu sehen? Sitzen Sie nicht auf Ihrer Maschine im Bewusstsein, etwas nicht ganz und gar Gewöhnliches zu tun und zu haben? Finden Sie etwa nicht, dass speziell Ihre etwas ganz Besonderes ist?
So besonders ist Golf, Kangoo oder Meriva nicht. Möglicherweise steckt hinter dem Kind an der Heckscheibe auch eine ganz profane Erwägung.
Es könnte (und so wie manche Idioten durch den Verkehr pflügen, ist das nicht abwegig) die diffuse Hoffnung sein, der Aufkleber werde die Hinterdreinfahrenden zu spezieller Vorsicht, zu erhöhter Rücksichtnahme mahnen. Der Volltext von »Rabea an Bord« hieße also »Achtung, hier verkehrt die kleine Rabea, das beste Kind ­der Welt, zur Krabbelgruppe, weswegen ­du da hinten ganz arg aufpassen und besonders viel Abstand halten musst, damit nix passiert, gell«.
Vielleicht ist das wirklich das Beste. Man sollte seine Distanz wahren. Indem man flott, aber gesittet vorbeizieht.

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