Ausfahrt an Allerheiligen (Archivversion)

Endlich allein

Mit der Guzzi am »ersten Tag nach der Saison« durch den Schwarzwald und im Kopf ein Lied von Tom Waits. November – und keine Ausfahrt mehr? Von wegen. Jetzt fängt das Motorradfahren doch erst richtig an.

»November - It only believes - In a pile of dead leaves - And a moon - That´s the color of bone”. Hat Tom Waits, der alte Miesmacher, damit etwa recht? Ist der November nur ein Haufen toter Blätter in der Dunkelheit, von einem fahlen Mond beschienen? Er hat wohl zu früh sein Moped abgemeldet, denn gerade ab Allerheiligen ist die richtige Zeit für kleine Touren. Die wenigen, die sich herauswagen, schaffen es meist nur bis zum nächsten Motorradtreffpunkt. Für die Schwaben das Glemseck an der alten Solitude-Rennstrecke. Doch, oh Wunder: Dort tummeln sich am 1. November überraschend viele Bikes. Eine MV Agusta F4, mehrere Harley, Sportler und Sporttourer, sogar ein Zeus-Gespann, das als blau-silberner Blitz das Auge irritiert – Maschinen, die ich größtenteils schon im trockenen Stall vermutet hätte. Und ich dachte, ich hätte die Welt für mich allein. Am ersten Tag jenseits des üblichen Saisonkennzeichens, das von April, manchmal März, bis Oktober reicht. The day after sozusagen. Auch eine Ducati 750 SF steht da, chromblitzend und gepflegt. »Ja, ich fahre die auch im Winter. Wenn´s schneit eigentlich nicht, aber man weiß es beim Losfahren ja nicht immer«, so Bernd Soffa. Und er erzählt von dem Treffen in Augustusburg, zu dem er bei strahlendem Sonnenschein aufgebrochen war, um dann ab Hof durch Schneetreiben und Nebel zu irren. »Da muss man dann hinterher gleich ran und putzen.« Echt? Muss man? Naja, ist eigentlich am besten.... Mit schlechtem Gewissen schiele ich zu meiner verwarzten Guzzi. Viele Ganzjahresfahrer – mich nicht ausgenommen – leben die Devise: »Das ist ein Fahr- und kein Putzzeug.« Für Hartgesottene fängt die Saison jetzt erst an, zum Winter hin, mit Schaffellen, Hörnerhelmen, alten Bundeswehrmänteln und sonstigem Equip frei nach Mad Max trotzen sie Eis und Schnee. Okay, es gibt auch Textilklamotten. Wenn´s schön macht...Auf dem Weg an der Würm entlang dünnt sich die Zahl der Mopedfahrer tatsächlich aus, hinter Pforzheim Richtung Nagoldtalsperre bin ich fast allein, vor allem auf den Nebenstraßen. Und genau darin liegt der eigentliche Reiz des Herbsts. Es ist plötzlich Raum da – und Zeit. Zeit für Rückzug ins Innere und Zeit, langsam zu fahren, wo im Sommer gerast wird, überholt, gedrängelt und auch kurvengeprotzt. Keiner scheucht mich, fegt überraschend an mir vorbei oder schleicht vor mir her. Ich kann mein Tempo fahren. Der Wald steht dunkel und still, und still und ruhig wird´s auch im Inneren.Der Sommerstress fällt ab. Warum war ich eigentlich wieder auf so vielen Treffen und fast kein Wochenende daheim? Sehnsucht nach ein bisschen Ruhe. Bald kommen zwar die Wintertreffen, doch zum Glück nur ein paar, sonst wär´s wieder nichts mit Durchschnaufen. Gemütlich Glühweinschlürfen unter Gleichgesinnten. Lagerfeuer. Und tropfende Nasen und kalte Füße. »November seems odd«, behauptet Tom Waits. Ach was! Ich genieße das Fahren in dieser Zeit des Langsamerwerdens von Natur und Maschine. Selbst wenn die Tannen düster in die diesigen Täler starren, Teile des Waldes wie tot da liegen – Freude stiehlt sich ins Herz, Freude darüber, dass die Straße vereinsamt vor mir liegt, dass heute ein trockener Tag ist und dass meine Guzzi unter mir so regelmäßig vor sich hinklappert. Und zwischendurch fingern sogar Sonnenstrahlen auf bunten Bäumen umher, die ihr letztes Laub tapfer festzuhalten suchen. Gelb glänzt es dann auf, auch rot und in warmen Brauntönen, und ich kenne wieder einen der Gründe, warum ich mein Moped nicht ab Oktober abmelde, sondern nach solchen Momenten jage.An der Nagoldtalsperre sehe ich im Vorbeibraaatzen ein paar Mopeds vor dem »Seeheiner« stehen. Noch habe ich aber nicht genug und möchte noch eine Portion Herbstluft und Kurven schnuppern. Erst als es dämmert und deutlich abkühlt, drehe ich um und schaue, ob die Mopedfahrer noch beim »Seeheiner« sind, aber die hat´s schon heim hinter den warmen Ofen gezogen. Keiner mehr da außer mir, ich nehme beschwingt ein paar Kurven flotter. Bis es zu finster ist, um weit genug vorausschauen zu können und feuchtes Laub oder Dreck auf der Fahrbahnrechtzeitig zu erkennen. Ich drossele das Tempo. Ist dann auch nicht ganz so kalt vom Fahrtwind.Dabei hatte ich aber noch auf der ganzen Linie Glück: keinen Tropfen abgekriegt. Denn kommt zur Kälte noch Niesel, ist der Fahrspaß sehr viel trüber. Auch hierzu kann Tom Waits sein Liedchen trällern: »November´s cold chain – Made of wet boots and rain…” Jaja, Regen und nasse Stiefel, das kenne ich nur zu gut. Die Zehen kalt, die Finger nass, Wasser tropft ins Visier, Feuchtigkeit kriecht in den Kragen. Durchgefroren erreiche ich mein Ziel. Alles so klamm und kalt, dass auch der Kopf langsamer wird, Zeit braucht, um aufzutauen. Warum ich nicht lieber Auto fahre? Isch abe gar kein Auto. Und die Leute schauen so schön blöd, wenn man wie ein Michelin-Männchen in die Tankstelle trieft und die kalten Klauen um einen Becher heißen Kaffee krallt. Das gibt Punkte auf der Selbstwertskala, auch wenn die Nase tropft. Und es reizt mich einfach, widrigem Wetter zu trotzen. Schließlich tut nichts so gut, wie sich nach einer eisigen Fahrt in eine heiße Badewanne zu versenken, Tässchen Grog dabei, die kalten Knie zu entfrosten und zu hoffen, dass die Erkältung noch mal an einem vorübergehen möge.
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Allerheiligen, Ausfahrt an (Archivversion) - Ski und Rodel gut

Wer es wagt, sich mit Schnee und Eis oder einfach nur mit dem Herbstwetter anzulegen, der sollte sich warm anziehen. Noch dazu ein paar Ratschläge fürs Moped beherzigen. Und dann nix wie raus in die klare Luft!
KleidungDas Zwiebelprinzip sollte allen winterharten Fahrern bekannt sein. Ebenso, dass die Luftschichten zwischen den Schalen für Wärme sorgen. Die Klamotten dürfen also nicht zu eng sitzen. Es muss ja noch gekickt, gelenkt oder schultergeblickt werden. Bei den Zubehörhändlern findet der Frostunerschrockene alle Zutaten für den Zwiebeltopf: Funktionsunterwäsche, Neopren-Kniewärmer, isolierende Socken, Innenschuhe, -handschuhe, Thermowesten, Flanellhemden und weitere wärmende Accessoires. Etwa Seidenhandschuhe, auch die bringen ein paar Grad plus. Wirklich unerlässlich ist die gute alte Sturmhaube – das Ding sorgt für ein bisschen Gemütlichkeit unterm klammen Helm. »Hummerscheren«, also Dreifinger-Handschuhe, haben sich im Eigenversuch als bislang heißester Finger-Tipp erwiesen. Obwohl sich immer weniger Hartgesottene durch Frost und Schnee kämpfen; ist die Thermokombi noch nicht ganz ausgestorben. Bei Polo wurde immerhin noch ein letztes Exemplar dieser Gattung gesichtet. Leider auch auf der Liste der bedrohten Arten: gefütterte Gummistiefel. Sind sie zu peinlich? Dafür gibt´s bei Polo eine ganze Palette von wintergeeigneten Stiefeln mit Gore-Tex-Membran. Bei Gerbing in den Niederlanden bekommt man Ganzkörperheizanzüge, die über die Bordelektrik betrieben werden (www.gerbing.nl, Telefon 0031-555788788). Beheizbare Einzelteile wie Sohlen oder Innenhandschuhe gibt´s auch im Zubehörhandel.MotorradFaltenbälge schützen die Gabelstandrohre vor Beschädigungen durch Salz und Rollsplit. Wintermopeds sollten öfter unter den Dampfstrahler, um Salzkristallen vorzubeugen; außerdem kann eine Ölschicht Lack und Chrom konservieren. Während sibirischer Temperaturen ist ein Öl mit höherer Viskosität ratsam. Das Herzstück: eine gute Batterie. Zum Beispiel die leistungsfähige Hawker-Batterie von Hawg-Shop, Telefon 04131-180726, www.hawg-shop.de. Und ganz wichtig: Der Motor braucht länger, um warm zu werden. Also nicht gleich den Hahn aufreißen, sanfte Fahrweise empfiehlt sich freilich ohnehin, sonst wird die Winterfahrt schnell zur Schlitterpartie. Richtig gut sind Handprotektoren, die Regen abhalten und Auskühlung durch Fahrtwind vorbeugen. Eine Knieschutzdecke, zum Beispiel von Vogler Motorradzubehör (Telefon 07257-930681), ist zwar ebenso uncool wie gefütterte Gummistiefel, wärmt aber. Louis, Polo und Hein Gericke bieten mehrere Heizgriff-Modelle an, Gericke sogar ein beheizbares Visier, das freie Sicht garantieren soll.Für TreffenWer noch alte Schaffelle besitzt – immer heraus damit. Auf nichts ruht sich´s wärmer, wenn nur noch Glühwein als Getränk was taugt. Beste Erfahrung: Daunen-Schlafsack der US-Armee, gebraucht erstanden auf der Veterama.Merke: Nicht den Helden markieren. Bei Glatteis lieber das Moped in der Garage lassen und leise nörgelnd mit den Öffentlichen oder dem Auto fahren.

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