Auspuffanlagen von Polizei beschlagnahmt: Report (Archivversion) Rohr frei

Rings um den Nürburgring kennt die Polizei keine Gnade: Biker, die mit ausgeräumtem Rohr oder Racing-Topf erwischt werden, müssen abschrauben und zu Fuß gehen.

»Ich wußte nicht, daß der Auspuff zu laut ist. Lassen Sie mich doch wenigstens noch nach Hause fahren. Wie soll ich denn sonst heimkommen?« Mit Engelszungen versucht der CBR 600-Fahrer den Polizisten zu überreden. Nützt alles nichts: »Sie könnten eventuelle Manipulationen rückgängig machen. Der Auspuff wird sichergestellt. Schrauben Sie ihn bitte ab.« Mit Krawalltüten kennt Polizeikommissar Günter Romes kein Pardon: »Wegen der Nordschleife ist hier jedes Wochenende der Teufel los. Für die Anwohner ist die Lärmbelästigung eine Zumutung«, rechtfertigt der Polizist das harte Vorgehen. Da bleibt Klaus Petersen* aus Aurich keine andere Wahl. Schweren Herzens greift der Honda-Fahrer zum Bordwerkzeug. Jetzt könnte er den langweilig-leisen Serienauspuff der CBR gut gebrauchen. Doch der Topf liegt in der heimischen Garage. 450 Kilometer weit im Norden. Und das Motorrad steht ungeschützt am Straßenrand. Wie er es sicher unterbringt, ist das Problem des Bikers. So wie dem Ostfriesen mit seiner Honda geht es an diesem Samstag nachmittag noch vier weiteren Bikern.Ein blauer Passat mit dem Radarmeßgerät steht kurz vor Barweiler, auf der nördlichen Hauptanfahrtsroute zum Nürburgring. Am Ortseingang winken Beamte der Polizeiinspektion Adenau die geblitzten Temposünder heraus. Autos und Motorräder gleichermaßen. Mit der roten Kelle in der Hand postiert sich dort auch Günter Romes. Der Polizeikommissar, der privat eine Honda CBR 600 fährt, ist auf das Herausfiltern von Krawalltüten spezialisiert. Schnellfahrer interessieren ihn nicht. Aber wenn seine Kollegen ein Motorrad anhalten, schweift sein Blick routinemäßig kurz über den Auspuff: »Sieht nach Serie aus, alles okay.« Weil auf die Augen allein kein Verlaß ist, vertraut der Kommissar lieber seinem Gehör. Und das sagt ihm, daß die dunkelblaue Honda VFR 750, die in moderatem Tempo auf die Kontrollstelle zurollt, viel zu laut ist. Also Kelle raus. Tatsächlich: Anstelle des Serienschallldämpfers prangt an der Honda ein Harpoon-Nachrüst-Topf. Die Tüte ist weder in den Kfz-Schein eingetragen, noch kann der Fahrer mit einem Gutachten dienen. Dennoch wähnt der VFR-Pilot aus Saarbrücken sich sicher: »Sehen Sie, hier ist eine Nummer eingestanzt, der Auspuff hat EU-ABE.« Doch der Polizist bleibt stur: »Sind Sie mit einer Standgeräusch-Messung einverstanden?« Laut den Papieren darf die VFR ein Standgeräusch von 87 dB (A) entwickeln - gleich ob mit der Serien- oder einer Nachrüstanlage. Doch das Display des Meßgerätes zeigt schließlich 97 Dezibel. Da sich Lautstärke alle zehn Dezibel verdoppelt, ist die Nachrüst-Tüte also doppelt so laut wie das Serienteil. Von dem Wert muß der Polizist fünf dB (A) Meßtoleranz abziehen - bleiben immer noch fünf Dezibel zu viel auf dem Konto des VFR-Fahrers. Und 136 Mark weniger. Drei Flensburg-Punkte gibt es obendrein, und dank Bordwerkzeug ist auch die VFR zehn Minuten später rohrfrei. Während der Kommissar noch die Formulare ausfüllt, donnert eine Ducati 916 vorbei. Dem gedemütigten VFR-Fahrer klingt das illegale Geboller aus den Racing-Töpfen wie Spott in den Ohren: »Und der, was ist mit dem?« will er trotzig von dem Polizisten wissen. Doch der zuckt nur die Achseln: »Wären wir tausend Beamte, würden wir sie alle kriegen.«*Name von der Redaktion geändert

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