Ausstellung »The Art of the Motorcycle” (Archivversion) The Show must go on

Die Ausstellung »The Art of the Motorcycle«, die in New York und Bilbao Besucherrekorde erzielte, ist jetzt in Las Vegas zu sehen.

Täglich sinkt die Titanic. Nur ein paar hundert Meter trennen Eiffelturm, Empire State Building und Seufzerbrücke. Wirklichkeit in der Wüste Nevadas, wo Las Vegas Illusionen schafft. Im neuesten Hotel, das sich einem Thema widmet, dem Venetian, täuscht ein blaugestrichenes Gewölbe mit weißen Wölkchen den ewig gleichen Abendhimmel über Venedig vor. In der künstlichen Dämmerung schmettern Gondoliere auf dem Canale Grande im zweiten Stock »O sole mio.« Zwischen Kitsch, Kopien und Kasinos mischt sich neuerdings Kunst.Die New Yorker Guggenheim Foundation eröffnete Anfang Oktober zwei neue Museen im riesigen Gebäudekomplex des Venetian. Das kleinere in der Empfangshalle zeigt Meisterwerke von Picasso, Monet, Matisse, Kandinsky. Das größere die Ausstellung »The Art of the Motorcycle«. Die Kunst des Motorrads avancierte bereits 1998 in New York und 1999 in Bilbao zur erfolgreichsten Schau der Guggenheim Foundation. Populärer als Picasso, zog die Technik- und Designgeschichte des Motorrads mehr als eine Million Besucher an, die über 130 Motorräder vom Dampf-Veloziped, das Micheaux Pereaux 1968 designte, bis zum Hightech-Renner MV Agusta F4 bestaunten. Anfangs als Entweihung eines Kunsttempels geschmäht, beweist die museale Schau inzwischen den Aufstieg des Vehikels zum Kulturgut. »Motorräder repräsentieren Technologie, Innovation, Geschwindigkeit, Freiheit und Verlangen«, sagt Thomas Krens, Direktor der Guggenheim Foundation.Zur Eröffnung ritt Krens samt Prominenz aus der Filmbranche stilgerecht aus der Wüste nach Las Vegas. Vor laufenden Kameras schwärmte Dennis Hopper, der vom rebellischen Easy Rider zum sicherheitsbewussten BMW-Pilot mutierte, über das Naturerlebnis Motorrad fahren. Der englische Schauspieler Jeremy Irons cruist am liebsten mit der K 1200 LT durch die Weiten Amerikas, weil er dabei rauchen kann. Und das fröhliche Ex-Modell Lauren Hutton hinkt seit einem Motorradunfall im letzten Jahr immer noch. Wenn sich Kameras auf sie richten. Das Medieninteresse war riesig, Marco von Maltzan, Chef von BMW Motorrad, glücklich. Denn die Weißblauen sponsern die Ausstellung. »Dieses einzigartige Konzept ist ein Meilenstein für die Motorradwelt. Die Grenzen zwischen Kunst und Technik verschwimmen.«Wie sehr sich kulturelle Trends und Motorraddesign durchdringen, erklärt Ultan Guilfoyle, fachlicher Berater der Ausstellung: »Das Design der BMW R 32 steht ganz in der Tradition der Architekturschule des Bauhauses. Die Form folgt der Funktion, und doch sind die Linien harmonisch. Die raffiniert verspielte Megola Sport spiegelt dagegen Elemente des Art Deco wider.« Im Gegensatz zum Sternmotor, der 1922 das Vorderrad der Megola antrieb und ein einmaliges Experiment blieb, sind Boxermotor und Kardan der R 32 seit 1923 Kennzeichen von BMW. Motorräder zeigen, so Guilfoyle, Unterschiede zwischen Kulturen. Statt schmaler italienischer Renner wie der Gilera Saturno mit 500 cm3 bauten US-Hersteller in der Nachkriegszeit 1200-cm3-Dickschiffe. Guilfoyle: »Auf einer Indian Chief reitet der Fahrer mit vorgestreckten Beinen wie John Wayne auf seinem Westernpferd dem Sonnenuntergang entgegen.« Dazu braucht´s Vorstellungskraft. Denn in einer Ausstellung gefriert Bewegung zur starren Immobilität. Vielleicht deshalb hat Architekt Frank Gehry kleinere Räume in der 6000 Quadratmeter großen Halle durch konische Spiralen abgeteilt. Die Motorräder stehen, durch schmale Stahlseile gehalten, senkrecht, manche davon auf Podesten aus poliertem Aluminium, so dass sich die Unterseite des Motors spiegelt. Rennmotorräder wie die Derby 50 Grand Prix (1970), deren 15,5 PS starker Zweitakter mit 15000/min wie eine Nähmaschine rattert, thronen auf gebogenen chromüberzogenen Bühnen. Durch die mannigfachen Reflektionen kommen je nach Perspektive des Betrachters bizarre Formen zustande, die ineinander verfließen und Bewegung simulieren. Die verspielte Installation mit transparenten Metallvorhängen und einer Videowand, die Dennis Hopper und Marlon Brando in Filmausschnitten zeigen, setzt sich krass vom Museumsgebäude ab, die der Star-Architekt Rem Koolhaas im Stil einer Lagerhalle entwarf: Rollgitter am Eingang, ein Laufkran an der Decke, der 32 Tonnen bewegen kann, und ein Tor, das 22 mal 22 Meter misst, sind funktionell. Sonst nichts. Die nüchterne Halle grenzt an den goldenen Styroporstuck und die nachgeahmten Fresken, die die Decken der marmornen Hotelhalle des Venetian zieren. Nebenan im Kasino dröhnt eine Kakophonie von 2200 Spielgeräten, alles untermalt von gängiger Popmusik. Dagegen ist die Ausstellung »The Art of the Motorcycle«, die noch ein Jahr läuft, eine Erleichterung für die betäubten Sinne. »Ein ruhiger Ort, an dem man reflektieren kann«, meint einer der ersten Gäste.»37 Millionen kommen jährlich nach Las Vegas, viele davon sind Konferenzteilnehmer, die nicht unbedingt spielen. Wir erwarten rund 5000 Besucher täglich«, meint der geschäftstüchtige Krens. Macht bei 15 Dollar Eintritt jährlich über 25 Millionen Mark. Das Geld soll teilweise dem Eremitage in St. Petersburg, das mit der Guggenheim Foundation kooperiert, für die Restaurierung von Museum und Kunstschätzen zugute kommen. Motorräder sorgen für Kunst. Und die, weiß Eremitage-Direktor Michail Piotrowski, gehört dem Volk. »Und hier sind wir, wo das Volk ist.«

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