Bei Loris Capirossi zu Hause (Archivversion) capirex

Klar, die größte Bewunderung der Rennsportfans gilt
Valentino Rossi. Doch der heimliche König der Herzen ist
ein anderer: Ducati-Pilot Loris Capirossi, seit 16 Jahren
im Geschäft und eine Kämpfernatur wie aus dem Bilderbuch.

Aufgeben? Kommt für ihn nicht in Frage. Beispiel Assen, 500er-Grand-Prix im Juni 2000: Da fuhr Loris Capirossi die Pole Position heraus, brach sich jedoch im Warm-up zwei Finger der linken Hand. Die Ärzte ließen ihn Liegestützen machen,
auf dass er einsehe, dass ein Start keinen Sinn habe. Doch der damalige Honda-Pilot überstand nicht nur den Foltertest, sondern wurde im Rennen sogar Dritter, fiel nach dem Zieleinlauf vor lauter Schmerzen allerdings in Ohnmacht. Angesichts solcher Kämpfer-Qualitäten nennen die Italiener ihren kleinen Landsmann (1,65
Meter) einen König – Capirex eben. »Ich will nun mal immer gewinnen”, sagt der 32-Jährige augenzwinkernd, »selbst wenn die Lage schier aussichtslos ist.” Das gilt auch außerhalb der Rennstrecke, wie seine gleichaltrige Frau Ingrid Tence erzählt: »Monopoly haben wir nur ein einziges Mal gespielt”, sagt sie und verdreht lachend die Augen. »Als es für ihn gar nicht gut aussah, haben wir abgebrochen, weil er so beleidigt war.”
Das Paar lebt einschließlich Malteser-Hündchen Niky in Monte Carlo, in einem großzügigen Appartement mit riesiger Terrasse und Aussicht auf die azurblaue Bucht des Fürstentums. Für das Leben nach der Rennsportkarriere erträumt sich Landkind Capirossi allerdings einen großen Bauernhof »mit vielen Tieren«. Keine Kinder? »Doch, aber ein Kind will ich erst dann, wenn ich mich wirklich darum kümmern kann. Derzeit sind wir ja dauernd auf Achse rund um den Globus.” 17 Rennen gilt es in der Saison 2005 zu bewältigen, dazu Tests und Sponsoren-Termine. »Dass Ingrid zu jedem Rennen mitkommt, ist sehr wichtig für mich”, sagt Capirossi. »Eine gute Beziehung gibt Stabilität, und ich bin überzeugt, dass 60 Prozent des Rennerfolgs von der Psyche abhängen.”
In Monte Carlo ist das Paar inzwischen heimisch geworden. »Ich will gar nicht mehr nach Italien zurück, hier leben wir viel ruhiger und sicherer.” Mit zahllosen Überwachungskameras und Polizisten schützt das Fürstentum seine prominenten Einwohner,
Capirossi ist da nur einer unter vielen, kann im »Café de Paris” vor dem Spielcasino einen Espresso genießen, ohne großes Aufsehen zu erregen. Ein paar junge Männer am Nebentisch drehen sich
jedoch immer wieder nach ihm um, trauen sich aber nicht, ihn anzusprechen. Capirossi zeigt Erbarmen und verhilft ihnen zu einem unverhofften Autogramm. Mit seinen Fans beweist er generell eine fast endlose Geduld, posiert mit ihnen für Erinnerungsfotos, sogar ein kurzer Schwatz ist meistens drin. »Sie machen uns Rennfahrer schließlich groß”, meint er. »Ihnen ein bisschen Zeit zu opfern ist nur recht und billig.”
Trotz seines mondänen Wohnorts bezeichnet sich der dreimalige Weltmeister (zweimal 125er, einmal 250er) als ausgesprochen häuslich. »Wir gehen vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr zu
Festen, sonst sind wir abends meist zu Hause.” Gern in Gesellschaft des Australiers Troy Bayliss, der sich mit seiner Familie ebenfalls in Monaco niedergelassen hat. »In den zwei gemeinsamen Jahren bei Ducati sind wir enge Freunde geworden, selbst wenn wir uns auf der Piste bekriegen.”
Über Kollegen herzuziehen liegt Capirossi sowieso nicht – ausgenommen vielleicht den Japaner Tetsuya Harada. Im 250er-Finale 1998 hatte Capirossi, damals auf Aprilia unterwegs, seinen Teamkollegen in der letzten Runde von der Strecke geräumt
und sich in der Folge den WM-Titel geholt. Aprilia entließ ihn
deswegen, seine Popularität in Italien litt vorübergehend. Bei
diesem Thema verliert der sonst so gutmütige Capirossi heute noch die Nerven: »Ich kann’s nicht mehr hören! Die Motorsportkommission hat mir attestiert, dass es ein legales Überholmanöver war”, ereifert er sich. »Und den Prozess gegen Aprilia wegen der Entlassung habe ich auch gewonnen. Wie viele
Beweise braucht es denn noch?”
Okay, wechseln wir das Thema und reden über Ducati. Mit zwei Siegen bei den GP-Läufen in Japan und Malaysia beendete Capirossi eine lange Durststrecke für das Team und sich selbst und bewies wieder einmal Steherqualitäten. Von Anfang an beim Grand-Prix-Projekt der Bologneser dabei, ließ sich der Mann aus der Romagna, nur rund 40 Kilometer östlich des Werks geboren, nicht mal durch die miese Saison 2004 abschrecken. »Klar war
ich erst nicht begeistert, als Ducati 2005 auch noch von Michelin zu Bridgestone wechselte”, gibt er zu. Schließlich bedeuten
neue Reifen eine komplett andere Abstimmung des Motorrads, und zwar auf allen Rennstrecken. Doch Capirossi ließ nicht nach,
tüftelte mit den Ingenieuren monatelang an Verbesserungen und wurde schließlich belohnt. Seinen Vertrag mit Ducati hat er bereits um ein Jahr verlängert. »Es gab gute andere Angebote”, verrät er. »Und es gibt sicher Motorräder, die sich leichter fahren als die Desmosedici. Aber einfach aufgeben und wechseln, nur weil‘s mal nicht so läuft – das wäre ja regelrecht feige, oder?”

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