Beirer, Pit: Reportage über sein Training (Archivversion)

Puls 180

Montag morgen, acht Uhr. Glatt wie ein frisch gebügeltes Leintuch breitet sich der Bodensee vor uns aus. Doch die Aussicht auf die herrliche Landschaft ist mittlerweile dem beschränkten Tunnelblick auf die Uferpromenade gewichen, die friedliche Ruhe längst von meinem gehetzten Hecheln abgelöst. Dabei habe ich noch Glück gehabt. Denn Konditionstrainer Bernhard Deufel hat Pit Beirer beim Jogging heute gewissermaßen Schongang verordnet. Insgesamt zwölf Kilometer, moderates Tempo - aber nicht für mich. Für Pit nichts Besonderes mehr. Fast jeder Tag des Profi-Crossers aus Ludwigshafen am Bodensee beginnt so. Je nach Trainingsplan mal etwas entspannter oder bereits mit streßigen Intervall-Sprints. Und nie später als acht Uhr. Der 24jährige nimmt seinen Job ernst. Schließlich darf er sich mit dem aktuellen dritten Platz in der 250er WM mit Fug und Recht zu den besten Off Road-Cracks der Welt zählen.Noch bevor mein Puls unter die Hunderter-Marke fällt, sitzen wir bereits beim Frühstück. Müsli und Banane. »Talent besitze ich wenig. Was ich heute kann, mußte ich mir komplett antrainieren«, erklärt Pit. Stimmt. Bis heute gilt der Fahrstil des Blondschopfs eher als eine Aneinanderreihung zu spät gelegter Brems- und zu früh gewählter Beschleunigungspunkte, die der vollgasfeste Matador mit bewunderns- und sehenswertem körperlichen Einsatz auf zwei Rädern zu verbinden vermag. Gerade deshalb weiß Pit, wie wichtig körperliche Fitneß für ihn ist. Dieses Wissen und ein nahezu besessener Ehrgeiz treiben den Sportsmann pausenlos voran. Auf geht´s. Carpe diem - nütze den Tag. Noch kleben die letzten Haferflocken am Gaumen, als wir uns auf den Weg zur städtischen Turnhalle machen. Pit besitzt als lokaler Vorzeige-Sportler einen Generalschlüssel. Bernhard baut ein Zirkeltraining auf. Keine Gewichte, nur Sprinten, Klettern, Liegestützen. 60 Minuten, 20 Stationen, diesmal soll´s an die Belastungsgrenze gehen. Bereits nach zehn Minuten bin ich klatschnaß geschwitzt. Pit auch. Puls 190 mißt er zwischen den Sprints. Ich selbst ziehe Luft wie ein auftauchendes Nilpferd. Die einzelnen Herzschläge verschmelzen zum Dauerton. Die Zeit wird elend lang. Kurz vor Mittag winkt Bernhard endlich ab.Pit genehmigt eine Stunde Pause. Statt Schnitzel und Kartoffelsalat gibt´s einen Korb mit Äpfeln, Pfirsichen und ein paar Brezeln. Leicht verdaulich und problemlos tragbar. Denn Herr Beirer verstaut nebenbei seine Moto Cross-Utensilien im Reisegepäck. Ach ja, carpe diem. Bernhard, als Teilnehmer des Ironman-Triathlon auf Hawaii allerhand gewohnt, kann den Biß seines Schützlings auch im dritten Jahr ihrer Zusammenarbeit immer noch nicht fassen. »Die Motivation dieses Menschen ist unglaublich«, lacht der Diplom-Sportlehrer. Muß sie auch sein. Denn zumindest in den Vorbereitungsmonaten gibt´s kein Verschnaufen. Sieben Stunden verbringt das Duo in dieser Zeit täglich miteinander. Laufen, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik, Konditionstests auf dem Ergometer, sieben Tage die Woche von November bis Februar, Heiligabend und Neujahr inklusive. Den Rest des Jahres schaut Bernhard eher sporadisch vorbei. Zumal er sich für den motorisierten Teil der Beirerschen Fortbewegung kaum zu interessieren vermag.Apropos Fortbewegung. Rein ins Auto. Freibad Stockach. 1000 Meter Schwimmen - für Pit. Ich schaffe in der gleichen Zeit vielleicht zwei Drittel der Distanz, und dies auch nur, weil allein die Angst vor dem Ertrinken die müden Glieder am Zappeln hält. Raus aus dem Wasser, zurück nach Ludwigshafen. Die Hoffnung auf eine Kaffeestunde habe ich längst aufgegeben. Wie erwartet gibt´s nur Wasser. Dafür aber unbegrenzt. An regulären Tagen kippt Pit vier Liter in sich hinein, ab Donnerstag nimmt der Getränkekonsum kamelartige Ausmaße an: Mit bis zu sechs Litern pro Tag füllt der Crosser seine Flüssigkeitsdepots für das Rennwochenende. Wenig später wird zusammengepackt. Wir fahren quer durch den Schwarzwald nach Emmendingen bei Freiburg, wo Pit bei Ex-Cross-Champion und Mentor Ludwig Reinbold seit acht Jahren sein Lager aufgeschlagen hat. Der Abschied von zu Hause, Freundin Anette und dem geliebten See fällt Pit auch heute noch spürbar schwer - aus seiner Sicht das einzige wirkliche Opfer, daß er seinem Beruf bringen muß. Nach zwei Stunden Fahrt sind wir im Rheintal. Um 21 Uhr fallen die Jalousien in Pits Zweitwohnsitz. Ja, ich weiß noch, morgen früh pünktlich um acht in der Werkstatt. Carpe diem.Fünf nach acht bin ich da. Dafür stehen Pits Honda und meine Suzuki schon im Transporter. Sechs nach acht fahren wir bereits in Richtung Moto Cross-Piste Stollhofen. Zwei Stunden später parken wir in der prallen Sonne im Fahrerlager. Auf Anordnung des Chefs, um sich an die Hitze zu gewöhnen. Fürs Rennwochenende sind über dreißig Grad gemeldet. Erst massive Proteste von Tuner Werner Schwärzel und Mechaniker Uwe verlagern den Ort des Geschehens in den angenehmen Schatten.Zu meinem Glück sind Materialtests angesagt. Drei, vier schnelle Runden genügen Pit jeweils, um neue Membranen und Auspuffanlagen auszuprobieren. Sonst sind zumindest einmal in der Woche zwei Vierzig-Minuten-Distanzen angesagt, im Winter sogar deren drei. Und weil ich schon da bin, pflüge ich eben auch so lange durch den Sand, wie es mir die Kräfte erlauben. Carpe diem. Zwölf Uhr, Rückfahrt. 14 Uhr, Emmendingen. Ausladen. 14.30 Uhr sitzen wir auf den Rennrädern. Warum muß der Schwarzwald so bergig sein? Überraschenderweise kann ich mithalten - bis zu einem kernigen Anstieg. 18 Prozent trennen den Profi-Crosser vom Hobby-Radler. 50 Kilometer später ist unsere Tor-Tour vorbei. Und damit auch unsere befristete Trainingspartnerschaft. Und warum diese ganze Schinderei? Pit hört die Frage nicht mehr. Er sitzt bereits im Wäscheraum, Brillen vorbereiten fürs Wochenende. Ja, ich weiß: Carpe diem.
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Beirer, Pit: Reportage über sein Training (Archivversion) - So trainieren die Champions

Ohne Schweiß kein Preis. Niemand weiß dies besser als Pit Beirer. Zumal sich der Modellathlet mit Moto Cross sicherlich die mit Abstand konditionsraubendste Motorrad-Sportart ausgesucht hat. Während Beirers direkte WM-Konkurrenten in Sachen Trainingsaufwand dem Profi kaum nachstehen, können deren Kollegen aus anderen Sparten ihre Trainingsschwerpunkte anders legen. Dennoch gilt: Ohne ein gewisses Maß an körperlicher Fitneß ist heute in keiner Motorradsportart mehr ein Blumentopf zu gewinnen. Nur manchmal - so gestehen wir den Faulpelzen zu - hilft viel Gefühl in der Gashand mehr als tausend Liegstützen.

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