Benzintransport in Westafrika (Archivversion) Rollende Bomben

Sie kutschieren an die 400 Liter Sprit in umgebauten, klapprigen Mofas und Motorrollern von
Nigeria nach Benin, ein riskanter Ritt auf einer rollenden Bombe. Doch für Tausende in Westafrika die einzige Möglichkeit, sich ein Auskommen zu sichern.

Das Ganze könnte ein Szenario à la Mad Max sein. Die Realität jedoch, sie ist viel brutaler. In dieser Geschichte gibt es keine Hollywoodhelden, nur Frauen und Männer, die überleben wollen mit
ihrem Geschäft. Ihrem verbotenen Geschäft mit dem Benzin. Der Treibstoff kommt
aus Nigeria, wo er hergestellt wird und pro Liter für 200 CFA-Francs* zu haben ist,
30 Cent, nichts. Im benachbarten Benin gibt es nicht mal Tankstellen. Dort wird
das Benzin für 270 CFA-Francs mitten
auf der Straße verkauft, aus Flaschen
oder Kübeln, ein Liter, fünf, zehn, selten 20.
Allein die Reichen leisten sich Kanister
zu 50 Litern. Öffnungszeiten der Straßentanken: 24 Stunden am Tag. Kreditkarten allerdings werden nicht akzeptiert. Bargeld lacht. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage – und umgekehrt. Je größer die Menge, desto mieser der Preis.
Germain ist Nigerianer. Jeden Tag, auch sonntags, krabbelt er auf eine zusammengeschusterte Dreirad-Vespa, unter dem Hintern 370 Liter Sprit. Sicherheitsventile, dichte Verschlüsse oder Entlüftungsschläuche Fehlanzeige. Wie alle anderen, die so unterwegs sind, kennt er die Risiken nur allzu gut: Explosionen.
Diejenigen, die so einen Knall, wie auch
immer, überstanden haben, lassen sich an einer Hand abzählen. In diesen Breiten nahe des Äquators geht die Sonne gegen sechs Uhr auf, morgens um acht hat es
bereits 30 Grad. Um Verluste durch die Verdunstung in der Hitze zu vermeiden und nicht irgendwelchen Wegelagerern zu begegnen, macht sich Germain schon nachts
um vier auf den Weg. Er passiert die Grenze
nach Benin in Sémé, einem fremdartigen Niemandsland, bevölkert nur von Lkw-
Karawanen und Durchgangsverkehr.
Die Grenzbeamten kennen die Benzinlieferanten und haben nicht das schlechteste Verhältnis zu ihnen. Weil sie für
jede Durchfahrt eine »Steuer« von ihnen kassieren. In Afrika ist gerade das illegale
Business besteuert. Eine Steuer, die später dann der Kunde zu berappen hat, hartes Gesetz des Geschäfts. Auf der anderen Seite drücken die Grenzer, soziales Gesetz der Straße, beide Augen zu, weil es sich bei den Fahrern ohne Ausnahme um Menschen handelt, die mit meist schweren körperlichen Behinderungen zu kämpfen haben. Diesen Job macht kein Gesunder, keiner, der ihn nicht machen muss. Die Kuriere kamen mit Missbildungen zur Welt, leiden an den Folgen unbehandelter Kinderlähmung, oder es waren andere Unfälle des Lebens, die sie die gesunden Beine kosteten.
Germain ist nicht mal 30, und es ist nicht schwer, sich sein Leben ohne den Roller vorzustellen: im Chaos eines dreckigen und stinkenden Marktes von Lagos als armseliger Bettler. So lebt er dank seines Geschäfts als aufrechter und stolzer Mann.
In Benin warten die Weiterverkäufer am Straßenrand auf die Ankunft der seltsamen Gefährte. Germain legt die 200 Kilometer zu seinem Händler in gut vier Stunden zurück. Mit etwa 50 Kilometern pro Stunde zieht die unzählige Male geflickte Vespa ein Gewicht von über einer halben Tonne.
Eine gefakte Oakley-Sonnenbrille auf der Nase, nimmt Germain hin und wieder einen Passagier mit. Als Gelegenheitstaxifahrer verdient er sich so ein kleines
Zubrot. Luxus kann er sich damit nicht
leisten, nein, aber das Nötigste zum Überleben. Die drei komplett runtergerittenen Rollerreifen tragen dann also eine Last
von gut und gerne 600 Kilogramm. Daran, wie schnell sie platzen könnten, denkt
man besser nicht.
Der Asphalt kocht, und der Treibstoff dunstet Germain ins Gesicht, als er mit
der Scooter-Zisterne endlich am Bestimmungsort seiner Lieferung eintrifft. Es ist acht Uhr. Um den Hals einen Taschenrechner, leert er seinen Tank mit Hilfe eines Gartenschlauchs in 50-Liter-Kanister, von wo die gelbe Flüssigkeit sofort in Flaschen und Bottiche verschiedener Größen umgefüllt wird. Die Käufer stehen Schlange. Ein Mofafahrer kauft einen Liter in der
Flasche, der eines ollen Peugeot-Transporters nimmt zehn.
Erstanden für 200 CFA-Francs in
Nigeria, verkauft Germain den Liter für
etwa 250 an seinen Händler weiter, der wiederum verlangt vom Endverbraucher 270. Nur wer auf einen Schlag mindestens 50 Liter abnimmt, kann mit einem Preis von rund 260 CFA-Francs pro Liter rechnen.
Sieht so aus, als bliebe dem Benzinkurier der Löwenanteil der Marge. Zieht man allerdings die Miete für den Roller
ab, der nur in den seltensten Fällen dem
Transporteur selbst gehört, die Spritkosten für die Fahrt und die diversen »Trinkgelder«, die er unterwegs an alle möglichen Pseudoautoritäten zu berappen hat, bleiben Germain allenfalls 20 CFA-Francs pro Liter. Drei Cent. Drei Cent: ein magerer Lohn für die Angst im Bauch, ein magerer Lohn für einen, der auf einer rollenden Bombe unterwegs ist.

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