Berger, John: Porträt des Schriftstellers (Archivversion)

Jean fährt Motorrad. Eine rote CBR 1000 mit 85000 Kilometern auf der Uhr. Sie bringt ihn zur Hochzeit seiner Tochter Ninon. Über die Alpen hinein nach Italien. Dahin, wo der Po in die Adria mündet. »Es ist unser Motorrad, das die Welt in Schräglage bringt«, erinnert sich Ninon an gemeinsame Ausfahrten mit ihrem Vater. Und daran, daß das Hineinlegen in die Kurve »der Zentrifugalkraft und dem Trägheitsgesetz entgegenwirkt«. Ihrer Krankheit kann sie nichts entgegensetzen. Ninon weiß, sie muß sterben. Unter fürchterlichen Schmerzen. Sie ist HIV-positiv - Resultat ihrer flüchtigen Liaison mit einem rauschgiftsüchtigen Koch. Dennoch heiraten sie und Gino, der Unversehrte, und sie feiern ein grandioses Fest. Schräglage eben - das tun, was notwendig ist, um nicht aus der Bahn zu geraten - und dann noch dieses kleine bißchen mehr, um dabei sein Vergnügen zu haben. Und sei der Weg, der vor einem liegt, noch so schmerzlich. Wie der Jeans zur Hochzeit seiner todgeweihten Tochter: Er »bleibt einen Sekundenbruchteil länger in Schräglage, als es die Sicherheit erfordern würde«. Klingt alles fürchterlich kitschig - ist es aber nicht. Weil John Berger nicht zur peinlichen Fraktion der ewig Betroffenen gehört. Statt mitleidigem Geschwätz gibt’s Lapidares, Sätze, wie in Stein gehauen, die mitunter ins Schwerpoetische abdriften. »Du wirst eine Frau heiraten, kein Virus. Schrott ist kein Müll, Gino. Heirate sie.« Der so spricht ist Ginos Vater - und natürlich Schrotthändler von Beruf. Dessen Stimme und auch die aller anderen Personen des Romans vernimmt ein blinder Amulettverkäufer in Athen. Ihn, den Seher, läßt Berger die Geschichte erzählen - als moderne Tragödie, ebenso aussichtslos wie ihre antiken Vorläufer. Schicksalsgöttin HIV. Ihr Held ist Gino, sein Problem die Zeit. Die läuft ihm und der aidskranken Ninon davon. Ginos Lösung: symbolische Handlungen mit der Aura des Ewig-Gültigen. Die Hochzeit, natürlich. Aber auch seine Kahnfahrt mit Ninon auf dem Po, der als Sinnbild des Stroms der Zeit fungiert - Gino steuert zuerst dagegen, läßt sich dann ans Ziel treiben. Bergers in einer wunderschön einfachen Sprache geschriebener Roman hat in allen seinen Episoden, auch wenn’s ums Motorradfahren geht, den unstillbaren Drang zur Bedeutsamkeit. Aber der stört nicht. Im Gegenteil. Daß Ninons Mutter Tschechin ist, die Prag anno 1968 verlassen mußte, als aus dem Frühling ein Herbst geworden war, und Ninon also Tochter einer gescheiterten Revolution, das mag Klischee sein - aber es paßt. All die Menschen, die Berger um sein Liebespaar Ninon und Gino gruppiert, sind einfach zu gut und zu schön, um nicht wahr zu sein. Weil sie die allgegenwärtige Trägheit auf ihre Weise überwinden In Schräglage. Offen, frei, verletzlich. sonoJohn Berger: Auf dem Weg zur Hochzeit. Roman. Aus dem Englischen von Jörg Trobitius; Hanser Verlag, München 1996, 216 Seiten, 36 Mark.

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