Bergrennen in Barr/Frankreich (Archivversion)

Stumpf und Stil

Glamour, VIPs, Sponsoren - egal. Beim Bergrennen im elsässischen Barr reizen andere Dinge: Rennsport im französischen Stil.

Jean Balthazard lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Auch jetzt nicht. Gang rein, und ganz sacht lehnt er seine R1 an die Stützmauer neben der Landstraße. Erst danach trauen sich Gilles, Eric und Luc, dem schnellen Jean mal ordentlich auf die Schultern zu klopfen. Hat er gut gemacht. Bestzeit. Wie immer eigentlich. Neid ist für die drei Kollegen deshalb längst ein Fremdwort. Respekt passt da schon besser. Obwohl jeder auch gern einmal auf dem Podest ganz oben stehen möchte. Später, bei der Siegerehrung im Tal. Doch bevor die Jungs richtig zu Wort kommen, unterbricht Rennleiter Jean-Louis´ Trillerpfeife das Gipfeltreffen. Runter, alle Mann runter. Die 30-köpfige Meute stülpt sich ihre Helme über und lässt ihre YZF-Rs, GSX-Rs oder ZX-Rs bergab ins Fahrerlager rollen. Mit abgestelltem Motor. Weil die Seele nur allzu gern jedes einzelne Klatschen der Fans auf dem Weg nach unten aufsaugt. Und ganz nebenbei verräuchern die Vierzylinder so nicht den Duft von Pastis und gegrillten Würstchen, den so genannten Merguez, der über der Landstraße liegt. Landstraße? Pardon, Rennstrecke natürlich. Wenigstens für dieses eine Wochenende im Jahr. Für das Course de Côte, wie die Franzosen Bergrennen nennen. Und das hier in Barr soll das beste von allen sein, sagen sie. Jean auch. Und er muss es wissen. Seit 16 Jahren flitzt der Mann aus Besancon schon die Berge hoch.Bergrennen. Gewissermaßen die Dinosaurier des Rennsports, von denen hier in Barr, fast genau auf halbem Weg zwischen Straßburg und Sélestat am Fuß der Vogesen, noch ein kleines Refugium zum Überleben gefunden. Ein ganzes Zeitalter entfernt von der Welt der modernen Rennerei. Und gerade deshalb mit ganz eigenem Flair. Steak-Frittes statt Kaviar, Mutzig statt Champagner, Grill statt VIP-Bereich. Aber vor allem: Herz statt Kalkül.Herz, das brauchen freilich auch Jean und seine Kollegen. Ein ganz großes sogar, wenn sie unten stehen am Start, gleich hinter dem Ortsausgang von Barr. Denn die knapp 2800 Meter hinauf in Richtung Obernai verzeihen nicht viel. Eigentlich gar nichts. Stürzen? Nein, nie und nimmer. Denn auch das unterscheidet die Kletterpartie vom herkömmlichen Rennsport: Maschendrahtzäune statt Auslaufzonen, Bordsteine statt Kiesbetten, Isle of Man statt Magny Cours. Deshalb gilt in der Klettergemeinschaft vor allem eine eiserne Regel: bei 80 Prozent ist Schluss. Alles geben heißt zu viel zu geben. Und zu viel gibt man in dieser Branche meist nur einmal. Wie vor Jahren zwei Jungs in Barr. Man denkt an sie in einer Schweigeminute vor dem Start. Seitdem kamen sie alle heil oben an. Wohl auch deshalb pflegen die bereits etwas abgeklärteren Herren diesen Sport. Erst in den späten Dreißigern weiß man offensichtlich, dass man sich in den Bergen nichts beweisen muss. Schließlich haben die Fahrer schon vieles hinter sich: vier Titel in der französischen Straßenmeisterschaft wie Jean oder Auftritte in den Anfängen der Superbike-WM wie Kollege Marc Gramé. Was nicht heißt , dass der Gipfelsturm zum Economy Run verkommt. Gut 200 km/h zeigt die Tachonadel, kurz bevor die scharfe Spitzkehre an der Kreuzung Richtung Kirneck angebremst wird. Und immer wieder schaudert es die Fans, wenn die Bremsscheiben singen, das Heck schwänzelt und gleich darauf die Knieschleifer in der langgezogenen Rechts über den Asphalt rasseln. Denn auch das ist Bergrennen: den Lufthauch der Maschinen spüren statt das Fernglas fokusieren.Nur mittendrin wäre noch näher dran. Freilich, die Tuchfühlung muss erarbeitet werden. Geklettert wird nicht nur auf der Piste, sondern auch nebenan. Per pedes, versteht sich. Bis der Trampelpfad im Wald die Lichtung an der Spitzkehre freigibt, brauchen selbst wackere Wandervögel eine gute halbe Stunde. Doch als Lohn lockt – wie gesagt – eine aufregende Nähe zur Szene.Und die schillert in allen Farben. Jeans Liga, die großen Vierzylinder, gilt als die Königsklasse. Darunter fährt eigentlich alles, was zwei Räder hat. 600er-Supersportler, 125er- und 250er-Zweitakter, Gespanne, Veteranen, Super Motos, Dirttracker. Zwei Tage lang. Zwei Trainings, drei Läufe. Jeder für sich, auf Zeit, versteht sich. Die Bestmarke steht bei knapp unter einszwanzig.Für die Klettermäxe selbst bleibt´s ein günstiges Vergnügen. Ein Satz Reifen – Slicks sind übrigens verboten – hält bei kaum sieben Minuten Fahrzeit pro Veranstaltung locker eine ganze Saison. Der Benzinpreis interessiert den Asphalt-Hillclimber auch herzlich wenig. Eher schon die Dieseltarife. Denn für die französische Meisterschaft der Bergleute kommen ein paar tausend Kilometer im Transporter schnell zusammen. Die Normandie und das Zentralmassiv gelten neben den Vogesen als Hochburgen der Gipfelstürmer. Sinnigerweise entwickelte sich bislang weder in den Alpen noch in den Pyrenäen viel Begeisterung für die Bergsprinter.Ganz im Gegensatz zum Dörfchen Barr. Gut 10 000 Fans sind es, die jedes Frühjahr die eigentümliche Mischung aus Vogelgezwitscher und Vierzylinder-Fauchen, aus Moostribüne und Reifenwärmern anzieht. Zumal der Ausflug zum nächsten Klettertermin am 5. und 6. Mai nicht nur von der urigen sportlichen Seite reizt. Rund um Barr locken die Elsässer Weinstraße oder die Route des Crêtes auch die Tourenfans respektive Gourmets in die Vogesen. Für den Abstecher zum Rennen taugt am besten der Sonntag. Freundliche Flics lassen die Zweiradler fast bis ins Fahrerlager vorfahren. Gerannt wird ab 9 Uhr, wobei der Großteil der gezeiteten Sprints am Nachmittag über die Bühne geht. Der Eintritt kostet zirka 20 Mark inklusive Fahrerlager. Eine Liste mit Übernachtungsmöglichkeiten ist beim - deutschsprachigen - Tourismus-Büro in Barr erhältlich. Telefon 0033/3 88 08 66 65, Fax 0033/3 88 08 66 51. Alles andere weiß der Veranstalter: MC Barr, Telefon 0033/3 88 95 43 99.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote