Bericht Eurobike AG (Archivversion)

Gründerzeit

Der finanziell angeschlagene Eurobike-Konzern soll wieder flott gemacht werden. Der Mann der ersten Stunde, Hein Gericke, kehrt zurück.

»Ich bin nicht der Typ, der auf einer Yacht im Süden mit dem Whiskyglas in der Hand vor sich hin welkt. Ich brauche immerzu Erfolgserlebnisse«, sagt Hein Gericke, der 1970 ein Unternehmen gründete, das sich auf Motorradzubehör und –bekleidung spezialisierte. 1987 verkaufte der flachsblonde Düsseldorfer die Hein Gericke GmbH, mit der er zuletzt über hundert Millionen Mark im Jahr umsetzte, an seinen Geschäftsführer Herbert Will und andere Geldgeber. »Ich hatte in allen Disziplinen gewonnen, bin von Null zum größten Händler aufgestiegen. Da wollte ich etwas Neues ausprobieren.« Der umtriebige Gericke versuchte sich als Firmenmakler, Charterflugunternehmer und Herrenbekleider, bevor er im Juni 2001 ins Motorradzubehörgeschäft zurückkehrte. »Einige Großaktionäre haben mich gefragt, ob ich mir die Eurobike AG mal angucke. Die hatten Angst, dass ihnen das Geld wegfliegt.« Inzwischen hält er als größter Einzelaktionär 14 Prozent der Anteile am Eurobike-Konzern, zu dem die Hein Gericke GmbH gehört. »Ich engagiere mich als Aufsichtsrat, damit es mit der Firma wieder aufwärts geht. Das ist ein gewaltiges Tier, im Moment angeschlagen, aber immer noch marktbeherrschend. Das Potenzial ist da. « Neben der Hein Gericke GmbH, die der frühere Vorstandsvorsitzende Herbert Will 1987 sofort in Eurobike umtaufte, umfasst der Konzern seit 1988 den Einzelhändler Polo. Später kamen die GoTo Helmstudios sowie die Großhändler Schuh, Helmet House, Difi und die amerikanische Firma Intersport Fashions West dazu. Durch die Expansionspolitik, die Herbert Will betrieb, wuchs der Umsatz der Eurobike AG beträchtlich: allein zwischen 1995 und 2000 von 268 auf knapp 526 Millionen Mark. Und die Aktiengesellschaft verbuchte Gewinne. Doch das änderte sich. Am 28. November 2000 meldete Will ein vorläufiges Ergebnis vor Steuern von 35,1 Millionen Mark für das Geschäftsjahr 1999/2000. Sieben Tage später folgte jedoch die Korrektur. Nur fünf bis zehn Millionen Mark. Die Gewinnwarnung wirkte wie ein rotes Tuch auf die Anleger, Börsenanalysten sprachen von Vertrauensverlust. Der Aktienkurs sauste in den Keller. Und Vorstandschef Herbert Will musste gehen. Sein Nachfolger, Peter Mrosik, der als Chef der Konzernentwicklung beim Kosmetikmulti Douglas tätig war, will neue Wege einschlagen: »Versprechen werden nur noch dann gegeben, wenn sie auch eingehalten werden. Es kann nicht sein, dass wir die Latte so hoch hängen, dass wir sie am Ende des Tages nicht mehr überspringen können. Wir werden realistisch und klar kommunizieren.«Im Geschäftsjahr 2000/2001 rechnet der Konzern mit einem Fehlbetrag von bis zu 80 Millionen Mark. Belastend wirken sich die Schulden aus, die im Februar 2001 die Summe von 270 Millionen Mark erreichten. Mrosik: »Wir sind zu hoch verschuldet. Daran führt kein Weg vorbei.« Vor allem Lagerverkäufe sollen Bestände reduzieren und Liquidität schaffen. Was mit dem defizitären Großhandel künftig geschieht, ist noch unklar (siehe auch Interview rechts). Völlig ins Firmenkonzept passt er nicht. Denn Polo und Hein Gericke sind die schärfsten Konkurrenten der Einzelhändler, die wiederum von den Eurobike-Unternehmen Difi und Schuh ihre Ware beziehen. Sicher ist: Die Übernahme der Firma Difi im vergangenen Sommer entpuppte sich als Fehler. Vor allem, weil die belieferten Einzelhändler schon damals aufgrund der Marktlage Gewinneinbrüche erlitten. Auch die Finanzierung der Übernahme verlief ungewöhnlich. Der geschasste Vorstand Herbert Will soll auf laufende Kreditlinien der Einzelgesellschaften zurückgegriffen haben, weil die Banken beim Kauf von Difi nicht mitziehen wollten.Beim Einkauf von Ware spekulierte der frühere Vorstand auf fallende Dollarkurse. Doch das Gegenteil geschah und sorgte für Miese in Millionenhöhe. Mrosik: »So etwas wird garantiert nicht mehr geschehen.« Während der Großhandel verlustreich vor sich hin siechte, verbuchte der Einzelhandel den Großteil des Umsatzes und der Gewinne. Auch heute noch das Schwergewicht: die Hein Gericke GmbH. 78 Shops in Deutschland und 71 Filialen in sechs europäischen Ländern setzten im letzten Geschäftsjahr 236 Millionen Mark um. Dicht dahinter Polo. 68 Läden in Deutschland erwirtschafteten 124,5 Millionen Mark Umsatz, was einem Plus von 16,8 Prozent entspricht. In den letzten Jahren haben sich Katalog, Auftritt und Preise von Polo und Hein Gericke angenähert, kritisiert Mrosik. »Das Logo von Hein Gericke hat eine Evolution erfahren, wie es andere Marken in 20 Jahren mitmachen. Das ging zu schnell.« Künftig will der Vorstand die Hein Gericke GmbH mit dem alten Emblem wieder als Premiummarke positionieren. Im Jahr 2002 hofft Mrosik auf ein ausgegliches Betriebsergebnis: »Wir wollen die Kurve kratzen.« Ab 2003 soll die Eurobike AG wieder Gewinn abwerfen. Großaktionär Hein Gericke: »Daran habe ich ein vitales Interesse.«
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Eurobike AG: Reportage (Archivversion) - Interview

Der neue Vorstandsvorsitzende Peter Mrosik zur Situation und Zukunft der Eurobike AG.
Wie beurteilen Sie die Situation der Eurobike AG?Bei uns herrscht Aufbruchsstimmung. In der Vergangenheit sind einige Fehler gemacht worden, die dazu führten, dass Kunden verärgert waren und Aktionäre sehr böse über die Entwicklung wurden. Letztlich hatten auch die Banken so ein kleines Fragezeichen auf der Stirn. Aber jetzt findet ein Neuanfang statt. Wir krempeln die Ärmel hoch, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten. Dafür stehe ich. Welche Geschäftszweige sind erfolgreich?Wir sind ein im Kern gesundes Unternehmen. Im Kern heißt im Einzelhandelsgeschäft. Wir haben zweistellige Umsatzzuwächse bei Polo. Die Firma Hein Gericke hinkt etwas hinter den Erwartungen hinterher, das Ergebnis ist aber befriedigend. Was den Großhandel angeht, haben wir einen Umsatzeinbruch zu verzeichnen. Was ändern Sie bei den Verlustbringern?Wir sind dabei, die Großhandelsaktivitäten von Difi und Schuh zu verschmelzen. Das hat natürlich Einspareffekte. Wir haben die Belegschaft um über hundert Mitarbeiter verkleinert und den Vertrieb vereinheitlicht. Das ist aber erst der Anfang. Wir sind dabei, Konzepte aufzustellen, wie eine Großhandelsplattform erfolgreich gestaltet werden kann, aber auch nicht abgeneigt, Teile oder die Gesamtheit des Großhandels abzustoßen oder in Kooperation mit Dritten zu gehen. Worin liegt der Unterschied zwischen Polo und Hein Gericke?Wir sind ein dezentral organisierter Konzern und wollen den Wettbewerb zwischen den Gesellschaften. In den letzten zwei Jahren hat sich Hein Gericke mehr und mehr Polo angenähert. Hein Gericke ist aber vom Image her ein Technologie- und Designführer und im Konzern die Premiummarke, die auch Zubehör für Kunden anbietet, die ein paar Mark mehr in der Tasche haben. Die Qualitätsführerschaft hat Ausstrahlung auf den Rest des gesamten Sortiments, und das ist verwaschen worden. Wir müssen schnellstmöglich versuchen, Hein Gericke neu zu positionieren, indem wir seine ureigensten Stärken wiederbeleben. Welche Ziele haben Sie?Die nächsten zwölf Monate werden wir das Unternehmen konsolidieren, bevor wir dann ab 2003 in die Expansionsphase eintreten. Wir konzentrieren uns zunächst auf Zubehör, können uns aber auch einen Geschäftsbereich vorstellen, der sich mit Reisen, Veranstaltungen, Konzerten oder ähnlichen Dingen beschäftigt. Polo könnte wie Hein Gericke im Ausland aktiv werden. Und wir überlegen uns auch innerhalb der einzelnen Shopkonzepte, ob der Freizeitbereich stärker betont wird. Wir planen in verschiedenen Städten Eurobike Center, wo unter einem Dach unsere Zubehörmarken, aber auch Motorräder präsentiert werden, Events stattfinden, Restaurants angesiedelt sind. Zentren, die dem Biker eine Erlebniswelt vermitteln. Das wird die Zukunft sein, da halten sich Kunden wesentlich länger auf. Wir wollen aber bereits jetzt dokumentieren, dass wir powern. In vier Monaten steht das größte Motorradcenter Europas. Wir wollen auf über 5000 Quadratmetern in der Reisholzer Werfstraße in Düsseldorf ein Eventcenter bauen, das alle Aktivitäten von Hein Gericke bündelt. Wir sind in Diskussion mit einigen Motorradherstellern, die großes Interesse haben, ihre Motorräder hier anzubieten. Glauben Sie, dass die Konzentration im Einzelhandel zunehmen wird?Wir gehen davon aus, dass viele Einzelhändler in Deutschland einen enormen Umsatzrückgang haben und sich ein Umstrukturierungsprozess vollzieht.Die Zeichen für Eurobike stehen extrem gut, weil es uns substantiell gut geht. Das bedeutet einen Wettbewerbsvorteil, weil die bestehenden Märkte expansiv aufgerollt werden können. Es werden viele kleine Anbieter die Segel streichen müssen. Das eröffnet neue Marktchancen für die großen Anbieter.

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