Berühmte Marken im Rennsport, Teil 5 - MV Agusta (Archivversion) Years Ago

Eine beispiellose Siegesserie machte MV Agusta zur Legende - dank Fahrern wie Giacomo Agostini (Foto), der vor 31 Jahren auf dem Nürburgring seinen ersten Grand Prix für den italienischen Rennstall gewann.

Kein anderer Hersteller hat im Grand Prix-Sport bisher so geglänzt wie MV Agusta. Mit 38 Titeln ist die italienische Marke die erfolgreichste in der Geschichte der Straßen-WM. Obwohl der berühmte Rennstall schon vor 20 Jahren für immer seine Pforten schloß, war bis heute niemand in der Lage, MV vom ersten Platz der ewigen Bestenliste zu verdrängen.Begonnen hatte die MV-Motorradgeschichte in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs. Das kleine Verghera nahe der italienischen Metropole Mailand war damals wie das umliegende Land zum großen Teil im Besitz der Familie des Grafen Domenico Agusta. Ihr Firmenimperium beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Bau von Flugzeugen. Um die Flugzeugwerke besser auszulasten, hatte der Conte 1943 in der zum Konzern gehörenden Meccanica Verghera, kurz MV, die ersten Motorräder bauen lassen.Nach dem Krieg kam das Luftfahrtgeschäft - nicht zuletzt durch den Lizenzbau der amerikanischen Bell-Hubschrauber - bald wieder in Schwung. Da in jener Zeit für die Straße vor allem billige Transportmittel gefragt waren, florierte auch die Produktion der einfach konstruierten Motorradmodelle, und die Zweiräder entwickelten sich zunehmend zum Hobby des Grafen. Bereits 1949, im ersten Jahr der offiziellen Straßen-Weltmeisterschaft, war MV Agusta natürlich mit dabei. Die von den Serienmodellen abgeleiteten Zweitaktrenner mit 125 cm3 hielten sich wacker im Feld der Konkurrenten. Auf der Mailänder Messe 1950 zog die MV-Mannschaft als Trumpf dann zwei Viertaktmotorräder aus dem Ärmel: die 125er Bialbero mit zwei obenliegenden Nockenwellen und die 500er Vierzylinder.Ingenieur Pietro Remor hatte schon 1923 für die italienische GBR und anschließend für Gilera Vierzylinder-Reihenmotoren konstruiert. Ähnlich konzipierte er auch den MV-Vierzylinder, der als Besonderheit allerdings einen Kardanantrieb zum Hinterrad hatte. Mit gut 50 PS bei 9000/min begann die Karriere der 500er.Von Gileras Weltmeisterteam kam damals auch der junge Arturo Magni zu MV Agusta. Zunächst Chefmechaniker, führte Magni später das Team als Rennleiter durch alle Höhen und Tiefen des Rennsports. Seine Motivation und Begeisterung übertrugen sich auch noch nach endlosen Nachtschichten im Fahrerlager auf Mechaniker und Piloten gleichermaßen. Bei jedem der 270 Grand Prix Siege, die MV Agusta in den folgenden 25 Jahren erringen sollte, war Arturo Magni der Mann im Hintergrund. Seine Ideen und sein profundes technisches Wissen standen Pate für praktisch alle Entwicklungen an den Vierzylinder-Maschinen. Bereits im November 1950 wurde eine faszinierende Straßenversion der 500er Rennmaschine präsentiert. Kaufen konnten sie die MV-Fans allerdings nicht. Zu groß war die Sorge des Grafen Agusta, daß private Teams die Motorräder im Rennsport einsetzen und den guten Ruf seiner Marke schädigen könnten.Bei den Grand Prix zeigten die neuen MV-Renner auf Anhieb ihr Potential. Mit der 125er wurde der Engländer Cecil Sandford 1952 der erste Weltmeister auf MV Agusta. Im Jahr darauf kam Carlo Ubbiali - Weltmeister auf Mondial - zu MV. Achtmal sollte der Italiener in den kommenden Jahren seinem neuen Arbeitgeber in der 125er und 250er Klasse zu Weltmeister-Ehren verhelfen.Die großen Erfolge der 500er blieben zunächst allerdings aus. Zu stark war noch die Konkurrenz von Gilera oder Norton. Für die Saison 1952 wurde der Vierzylinder grundlegend überarbeitet und dabei auch der Kardan- durch einen Kettenantrieb ersetzt. Nach Rückschlägen durch die tödlichen Unfälle der MV-Werkspiloten Leslie Graham und Ray Amm zeigte sich für das italienische Werk erst mit John Surtees der Silberstreif am Horizont der 500er Klasse. Der ruhige, unscheinbare Engländer dominierte die britische Rennszene, bevor er Ende 1955 zu MV Agusta kam. In jenem Jahr hatte er 65 von 72 Rennen, bei denen er gestartet war, gewonnen.1956 war MV Agusta in der Straßen-WM das Maß der Dinge. Seine Stärke demonstrierte der Rennstall zum Beispiel mit eindrucksvollen Siegen in allen vier Klassen - also 125, 250, 350 und 500cm3 - beim Grand Prix von Belgien. Drei WM-Titel gingen in jenem Jahr an die Mannschaft des Grafen: John Surtees holte die langersehnte 500er Krone, Carlo Ubbiali neben der 125er auch die erste 250er Weltmeisterschaft für MV.1957 präsentierte MV die spektakuläre R6 - eine 500er mit sechs Zylindern. Als sich die Werksteams der italienischen Konkurrenz von Gilera, Moto Guzzi und Mondial aber nach Ende dieser Saison aus wirtschaftlichen Gründen von den Rennen zurückzogen, wurde das Projekt mangels ernsthafter Gegner nicht weitergeführt. Doch auch ohne die Sechszylinder ging die spektakuläre MV-Erfolgsserie munter weiter. Von 1958 bis 1960 hieß die Weltmeister-Marke dank Carlo Ubbiali, Tarquino Provini und John Surtees jeweils in allen Klassen MV Agusta. Surtees wechselte dann in die Auto-Formel 1, um sich 1964 auch hier im Ferrari zum Weltmeister zu krönen - bis heute blieb er der einzige WM-Champion auf zwei und vier Rädern.In den kleinen Klassen zeigte sich 1960 für MV erstmals unerwartete Konkurrenz aus Japan. Honda und Suzuki hießen die Maschinen, die man im Fahrerlager bisher nur vom Hörensagen kannte. Vor allem Honda hatte damals schnell Erfolg. Als MV Agusta 1961 offiziell den Rückzug des Werksteams - angeblich wegen zu hohem finanziellem Aufwand - verkündete, blieb das Feld in den unteren Kategorien den japanischen Marken überlassen. Für die großen Klassen bis 350 und 500cm3 wurde die Entscheidung allerdings gleich wieder revidiert. Einige bewährte Piloten sollten als sogenannte Privatfahrer mit Werksunterstützung an den Start gehen. Daher zierte das MV-Emblem am Tank fortan der Zusatz »Privat«. Ein glücklicher Entschluß des Grafen Agusta, denn der talentierte Rhodesier Gary Hocking wurde 1961 Doppelweltmeister beider Klassen. Und mit der Verpflichtung von Mike Hailwood traf der Firmenboß erneut ins Schwarze. Wenn der Brite heute als der beste Motorrad-Rennfahrer aller Zeiten bezeichnet wird, gibt es wenige, die widersprechen. Zweifelos hatte Hailwood, der bereits seine erste Rennerfahrung auf einer 125er MV Agusta machte, die seltene Gabe, das Optimale aus jeder Rennmaschine herauszuholen. 1959, als junger Spund von 19 Jahren, war er bereits Meister aller vier britischen Soloklassen. 1961 bescherte er Honda den ersten 250er WM-Titel und auf der Isle of Man-TT gewann er im selben Jahr drei von vier Rennen. Am Saisonende kam »Mike the Bike«, wie ihn die Fans bald nannten, zu MV Agusta und trumpfte für die Italiener mächtig in der 500er WM auf: vier Titel in Folge für Hailwood.Als der Star Ende 1965 wieder zu Honda ging, hatte für MV bereits eine neue Ära begonnen. In jener Saison saß der damals 23jährige Giacomo Agostini zum ersten Mal auf einer MV. Die neuentwickelten 350er und 500er Dreizylinder lösten nach 15 Jahren die legendären Vierzylinder-Rennmaschinen ab. Schon beim ersten Einsatz am Nürburgring 1965 holte Agostini seinen ersten Grand Prix-Sieg mit der neuen 350er.Nach dem Rückzug der japanischen Werksteams 1968 beherrschten Agostini und MV die großen Klassen nach Belieben. Unglaubliche dreizehn WM-Titel bei den 350ern und 500ern holte der Multi-Champion aus dem oberitalienischen Bergamo in nur acht Jahren für MV Agusta.Das Team war am Gipfel des Erfolgs angelangt, als Graf Domenico Agusta 1971 einem Herzinfarkt erlag. Autokratisch hatte er sein Imperium geführt und keine Entscheidung dem Zufall und schon gar nicht seinen Mitarbeitern überlassen. Domenicos Bruder, Corrado, übernahm zunächst die Geschicke von MV Agusta, und der italienische Staatskonzern EFIM schnappte sich 51 Prozent der Firmenanteile, um die Rüstungsinteressen im Flugzeugbau zu wahren. Auf den Rennstrecken machten sich jetzt die japanischen Hersteller mit Zweitakt-Rennern daran, die italienischen Überflieger vom Thron zu stoßen. Mit der neuen, 1971 eingesetzten 350er Vierzylinder-Maschine hielten Agostini und MV dem Druck vorerst stand. Die Vierzylinder-500er, inzwischen knapp 100 PS stark, führte Phil Read 1973 und 1974 gegen Agostini, der mittlerweile zu Yamaha gewechselt war, zur Weltmeisterschaft der Königsklasse. Doch die wahren Gegner von MV saßen jetzt in den Verwaltungsetagen der EFIM. Und so kam MV Agustas Geheimwaffe gegen die damals in der 500er Klasse rund zehn PS stärkeren Zweitakter, ein längs zur Fahrtrichtung eingebauter Vierzylinder Boxermotor, nicht mehr zum Einsatz.1976 fuhr Giacomo Agostini nach seinem Zwischenspiel bei Yamaha noch einmal für seinen alten Arbeitgeber. Am Nürburgring gewann er den deutschen 500er Grand Prix. Für Agostini, MV Agusta und damit auch die Viertakter war es der letzte WM-Sieg. Am Ende der Saison sagte MV ciao. Die neuen, kühl rechnenden und rationell denkenden Firmenchefs hatten den Geldhahn für die Abteilung Motorrad in ihrem Konzern zugedreht. Der Grund: Die Marke versprach für die Zukunft weder sportliche, geschweige denn wirtschaftliche Erfolge durch den Verkauf von Serienmaschinen.

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