Berühmte Marken im Rennsport; Teil 7 - NSU––––– (Archivversion) Schwaben Streich –––––

Die Rennsporttradition des schwäbischen Zweiradunternehmens aus Neckarsulm ist fast so alt wie die Rennsportgeschichte selbst. Bereits 1904 gingen die ersten Fahrer auf NSU an den Start.

Die Qualität der schwäbischen Motorräder machte bei Sportfahrern bald die Runde. Bereits 1905 war die erste käufliche Rennmaschine von NSU, der ehemaligen Neckarsulmer Strickmaschinen Union, erhältlich. Drei PS aus 400 cm³ leistete die kleine Einzylindermaschine, die noch stark an ein Fahrrad mit Hilfsmotor erinnerte. Hauptsächlich Bergrennen und Langstreckenwettbewerbe waren zu Beginn des Jahrhunderts der Weg zum motorsportlichen Lorbeer, und NSU hatte eine ganze Palette an käuflichen Rennern vom 210 cm³-Einzylinder mit 1,5 PS bis zum 1000er Zweizylinder parat.Bald konnten NSU-Fahrer weltweit motorsportliche Erfolge feiern und verhalfen den Serienmaschinen zu immenser Popularität. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde NSU zur größten Motorrad- und Fahrradfabrik der Welt.Bei Kriegsbeginn 1914 wurden die Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten für Militärzwecke genutzt. Feldgrau war die übliche Farbe, in der die Zweiräder das Werk verließen.Kaum waren die Kriegswirren überstanden, entwickelten sich auch wieder Rennsport-Aktivitäten in Deutschland. Die Zweizylinder-NSU mit ihrem 1000 cm³ V-Motor galt als die schnellste Sportmaschine der zwanziger Jahre und verhalf Fahrern wie Jupp Müller zu zahlreichen Erfolgen. 1920, 1921 und 1923 wurde Jupp Müller auf NSU Motorradmeister von Deutschland.Gegen Ende der zwanziger Jahre taumelte auch Deutschland im Sog der Weltwirtschaftskrise. Trotz äußerst bedrückender Aussichten hielt NSU am Rennsport fest und beschloß, für 1929 neue Rennmaschinen fertigzustellen. Aus England - damals neben Deutschland die führende Motorrad-Nation - kam Walter William Moore als Renningenieur zu NSU. Der frühere Norton-Konstrukteur nahm die Herausforderung an, auf schnellstem Weg sportlichen Erfolg zu erringen, um somit die Basis für einen Verkaufserfolg der Serienmaschinen zu schaffen.Kaum verwunderlich also, daß die 1929 vorgestellte SS500 der englischen Norton CS 1 glich wie ein Ei dem anderem. Fahrwerk und Getriebe wurden gleich komplett in England zugekauft. Doch die elegante Einzylinder-Maschine mit über Königswelle angetriebener Nockenwelle war der Beginn einer neuen Ära von NSU-Motorrädern.Chefkonstrukteur Moore hatte seinen Landsmann Tom Bullus als Werksfahrer zu NSU geholt. Bullus wurde zum Publikumsliebling und zu einem der erfolgreichsten Rennfahrer der Vorkriegs-geschichte. Die Serienversion seiner Rennmaschine SS500, »Bullus-NSU« genannt, wurde zum Traummotorrad der Dreißiger Jahre.Nach einer grandiosen Saison 1935, in der NSU-Fahrer gleich fünf Deutsche Meistertitel errangen (350, 500, 600, 600er und 1000er Gespanne), zeigte sich trotzdem, daß der NSU-Single in die Jahre gekommen war. Vor allem in der Halbliter-Klasse war gegen die BMW-Boxer, die DKW-Zweitakter oder die schnellen englischen Maschinen von Norton und Velocette auf Dauer kein Kraut gewachsen.Rennkonstrukteur Moore hatte eine Lösung parat. Zusammen mit Albert Roder, der 1936 von Zündapp zu NSU kam, baute er den legendären Kompressor-Twin. Der 350er, später auch als 500er gebaute Zweizylinder-Viertakter wurde von einem englischen Centric-Kompressor zwangsbeatmet und hatte zwei obenliegende, über Königswellen angetriebene Nockenwellen. Rund 45 PS bei 8000/min leistete der neue Motor, und die 300 000 Zuschauer 1938 am Sachsenring waren zu Recht auf die Premiere gespannt. Beeindruckend zeigte der neue Motor dort und anschließend in Hockenheim mit einem Sieg sein Potential. Allerdings zwangen chronische Kompressorschäden 1939 NSU zum Rückzug, um Imageverluste zu vermeiden. Die Zukunft sah düster aus. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs mußte Walter Moore zurück nach England. Für NSU folgte, wie schon 1914, zwangsweise die Konzentration auf Militärfahrzeuge.Der Demontage des Werks durch die Amerikaner 1945 folgte der Wiederaufbau. Erste Rennsport-Aktivitäten organisierten sich aus dem Chaos. Wilhelm Herz, schon vor dem Krieg NSU-Werksfahrer, rettete eine Kompressor-Maschine aus dem Trümmern des Werks und machte sie startklar. Mit unglaublichem Engagement überwanden er und seine Helfer die Anfangsschwierigkeiten der Nachkriegsjahre. Dieses Engagement ermutigte die NSU-Führung, im September 1948 den Wiedereinstieg des Werkes in den Rennsport bekannt zu geben.Die überarbeitete Kompressor-500er, welche die schwäbische Firma 1949 ins Rennen schickte, leistete satte 88 PS. Trotz 50 Kilogramm Mehrgewicht gegenüber den BMW-Rennern von Schorsch Meier oder Ludwig Kraus sorgte NSU-Fahrer Heiner Fleischmann in den nationalen Rennen für packende Duelle mit den bayerischen Erzrivalen.Nachdem der Motorradsport-Weltverband FIM das Verbot der aufgeladenen Motoren im Rennsport für 1950 beschlossen hatte, und Deutschland wieder zu internationalen Rennen zugelassen wurde, war NSU um eine Lösung nicht verlegen. Albert Roder hatte die zündende Idee für den Nachfolger der Kompressor-Maschine. Schon 1951 wurde beim Eilenriede-Rennen in Hannover die R54, ein 500er Reihenvierzylinder, ganz nach Vorbild der italienischen Gilera präsentiert. Eine Konstruktion, bei der die Kurbelwelle in einem separaten Gehäuseoberteil mit Zylindern und den vier einzelnen Köpfen verschraubt war und dadurch wartungsfreundlich als komplette Einheit auf das Kurbelgehäuse aufgesetzt werden konnte. Die technische Sensation war jedoch von Ausfällen gebeutelt und wurde bereits Ende des Jahres wieder begraben.Nach diesem Debakel widmete sich NSU verstärkt der damals kleinsten Klasse im Rennsport. Zylinder und Kopf der 500er lebten in der neuen 125er weiter, die entsprechend dem Serienmodell Fox als Rennfox Geschichte machte. Schon Ende der 1951er Saison zeigte die 125er, daß sie den dominierenden italienischen Maschinen Paroli bieten konnte. NSU-Pressechef Westrup dichtete nicht ohne Grund: »Fixe Fahrer fahren Fox.« Für die Saison 1952 entstand auch eine neue 250er, ein Parallel-Twin mit zwei obenliegenden, über Königswellen getriebenen Nockenwellen - die Rennmax. Im den kommenden Jahren war Werner Haas auf NSU die fast unschlagbare Kombination. Nach seinem grandiosen Debüt auf der Solitude 1952 wurde Haas 1953 souverän Doppelweltmeister der 125er und 250er Klasse und von Sportjournalisten zum Sportler des Jahres gewählt.1954 brachte NSU seine Renner mit einer Vollverkleidung an den Start, welche die Maschine samt Vorderrad und Fahrer zu einer aerodynamischen Einheit werden ließ. Die rundliche, blau glänzende Verkleidung machte die NSU-Rennmaschinen als Blauwal berühmt und verhalf der 250er zu sagenhaften Spitzengeschwindigkeiten jenseits von 200 km/h. Neben Haas, Rupert Hollaus und Hans Baltisberger kam in jenem Jahr auch der schon 45jährige Hermann-Paul Müller ins NSU-Werksteam. Ganze 22 Jahre hatte Müller auf diesen Moment warten müssen, denn bereits 1932 hatte ihm Rennleiter Moore einen Platz als Werksfahrer versprochen.Die Saison 1954 verlief triumphal. Bei 24 Starts errangen die NSU-Rennmaschinen 24 Siege. Als der Österreicher Rupert Hollaus, bereits als 125er Weltmeister feststehend, in Monza tödlich verunglückte, zog sich NSU zurück, wurde aber trotzdem überlegen Doppelweltmeister in der 125er und 250er Klasse.Als NSU auf dem Höhepunkt des Erfolges eine »Rennpause« bekanntgab, war der endgültige werkseitige Rückzug aus dem Rennsport bereits beschlossene Sache.Lediglich die Sportmax, ein Production Racer auf Basis der 250er Max-Seriemaschine, wurde 1955 an ausgewählte Fahrer vergeben. Sogar die legendäre Blauwal-Verkleidung war als Extra lieferbar, die aber nicht blau lackiert werden durfte, um jede Verwechslung mit Werksrennern auszuschließen. Für Privatfahrer war die Sportmax erste Wahl. Spätere Stars wie John Surtees oder Mike Hailwood saßen zu Beginn ihrer Karriere auf einer solchen Maschine. Altmeister H.P. Müller konnte sich 1955 mit der Sportmax sogar noch gegen die Werks-MV Agusta durchsetzen und beschloß mit dem 250er WM-Titel ein großes Kapitel deutscher Motorradgeschichte.

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