Berühmte Marken im Rennsport, Teil 9: Norton (Archivversion) Dauerrenner

Sie holten mehrere WM-Titel und waren für Privatfahrer geradezu ein Muß: Zwei Jahrzehnte lang mischten Nortons legendäre Einzylindermaschinen bei den Straßen-Grand Prix kräftig mit.

Geoff Duke, John Surtees, Mike Hailwood oder Phil Read - fast alle britischen Motorrad-Stars der 50er und 60er Jahre saßen im Lauf ihrer Karriere einmal im Sattel einer Norton. Manche durften eine Werksmaschine fahren, andere pilotierten die käufliche Norton Manx, den weltweit erfolgreichsten 350er und 500er Production Racer jener Zeit.Die Erfolgsstory der Einzylinder-Renner aus Birmingham begann schon am Anfang dieses Jahrhunderts. 1907 gewann die von Werkzeugmacher James Lansdowne gegründete Firma die erste Tourist Trophy auf der Isle of Man. In den 20er und 30er Jahren feierte Norton mit dem luftgekühlten Königswellen-ohc-Einzylindermotor Erfolge fast wie am Fließband. Fahrer wie Stanley Woods, Jimmy Guthrie, Tim Hunt, Jimmie Simpson und Harold Daniell fuhren zum Beispiel zwischen 1931 und 1939 nicht weniger als 14 Tourist Trophy-Siege sowie 72 Siege bei den Großen Preisen auf dem Kontinent ein. Als 1949 zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft im Straßensport ausgetragen wurde, gerieten die englischen Vorkriegs-Singles gegen die Zwei- und Vierzylindermaschinen von AJS und Gilera zunächst deutlich ins Hintertreffen. Lediglich Eric Oliver und Denis Jenkinson holten bei der WM-Premiere einen Titel für Norton - im Gespann.1950 hatten die Norton-Werksfahrer für die 350er und 500er Klasse völlig neue Motorräder zur Verfügung. Allerdings nicht mit dem wassergekühlten Vierzylindermotor, der zusammen mit der Rennwagenschmiede BRM entwickelt wurde. Dieses Projekt kam über Prüfstandsversuche nie hinaus. Statt dessen saßen die überarbeiteten Einzylinder-Viertakter mit zwei obenliegenden Nockenwellen in neuen Fahrgestellen. Der Ire Rex McCandless hatte einen Hauptrahmen aus zwei durchgehenden Rohrschleifen gebaut und einen Heckausleger angeschraubt. Daran stützte sich die Hinterradschwinge mit zwei Federbeinen ab. Das mit dem früheren Chassis nicht mehr zu vergleichende Fahrgefühl beschrieb der altgediente Werkspilot Harold Daniell so: »Bequem wie ein Federbett.«Aber nicht nur das neue Fahrwerk, das tatsächlich den Spitznamen »Featherbed« erhielt, sorgte 1950 für ein Wiedererstarken des Norton-Teams. Da war auch noch ein 27jähriger Neuling im Aufgebot: Geoff Duke. Er gewann auf Anhieb den ersten WM-Lauf der Saison, die Senior-TT der 500er Klasse auf der Isle of Man. Doch der wahre Durchbruch kam beim Saisonfinale in Monza, wo Duke sowohl im 350er als auch im 500er Rennen triumphieren konnte. Im Halbliter-Grand Prix lieferte sich der Brite ein sehenswertes Duell mit dem Italiener Umberto Masetti. Dessen Vierzylinder-Gilera hatte zwar mehr Power, doch die Werks-Norton war wegen ihres guten Handlings deutlich überlegen. Trotzdem fehlte Duke am Ende ein einziges Pünktchen gegen Masetti zum 500er Titel, und auch die 350er WM mußten die Briten letztlich der Konkurrenzmarke Velocette überlassen.Dafür räumte Duke 1951 kräftig ab. Schon vor dem WM-Finale in Monza hatte er beide Weltmeisterschaften in der Tasche. Dazu kam für Norton ein weiterer Gespann-Titel durch Eric Oliver. Im Jahr darauf verteidigte Duke die 350er Krone. Ein erneutes Double war ihm aber nicht vergönnt. Ein Sturz bei der TT, zwei Niederlagen gegen Masetti und schließlich noch ein Sturz bei einem internationalen Rennen im hessischen Schotten, der ihn für den Rest der Saison zum Zuschauen zwang, vereitelten die erfolgreiche Titelverteidigung bei den 500ern.Duke wurde in den folgenden Jahren noch dreimal Weltmeister der Königsklasse - jetzt aber nicht mehr für Norton, sondern für Gilera. Zwei Dinge hatten den Briten von einem Wechsel überzeugt: die Überlegenheit der italienischen Vierzylinder auf schnellen Strecken und die deutlich höhere Bezahlung. Ultrakurzhub-Motoren mit außenliegender Schwungscheibe und 55 PS sollten Norton 1954 wieder konkurrenzfähiger machen. Ray Amm gewann auch zwei Halbliter-Grand Prix und wurde Vize-Weltmeister. Duke und seine etwa zehn PS stärkere Gilera waren für Norton aber nicht mehr zu packen. In der 350er WM verlor das englische Werk trotz zweier Laufsiege von Amm am Ende gegen die Einzylinder-Moto Guzzi.Die Eintöpfe aus Birmingham hatten ihren Höhepunkt offenbar überschritten. Joe Craig, Norton-Rennleiter seit 1930, zog für 1955 die Konsequenz und setzte die Werksfahrer auf kaum modifizierte Manx-Production Racer. Ein einziger Sieg beim schwedischen 350er Grand Prix durch John Hartle war die magere Ausbeute - am Ende der Saison machte der Werks-Rennstall dicht.Für Privatfahrer war die Manx aber auf Jahre hinaus noch die 500er Maschine schlechthin. Eine MV Agusta - die italienische Marke dominierte ab 1956 die Halbliter-WM - gab es nicht zu kaufen, und der damals sehr begehrte RS-Production Racer von BMW wurde nur in einer kleinen Serie gebaut. So griffen viele Privatiers zur der in relativ großer Stückzahl produzierten Norton, die mit rund 8000 Mark etwa genausoviel wie der Boxer aus München kostete. Den Manx-Piloten gelangen immer wieder Grand Prix-Siege, wie zum Beispiel 1958, als Geoff Duke am Ende seiner Karriere nochmals eine Norton fuhr und beim schwedischen Grand Prix das 350er und 500er Rennen gewann. Mike Hailwood und Phil Read siegten mit ihren Manx-Rennern bei der TT 1961. Dazu gab es zahlreiche dritte Plätze im 500er Endklassement. Selbst nach dem Manx-Produktionsstopp im Jahre 1963 verschwanden die Motorräder mit dem Federbettrahmen keineswegs von der Bildfläche. Dank der guten Ersatzteilversorgung donnerten sie weiter mit Erfolg über die Rennpisten der Welt. 1964 holte Jack Ahearn mit der Norton sogar die Vize-Weltmeisterschaft - hinter dem bei MV inzwischen zum großen Star gewordenen Mike Hailwood. Der letzte Norton-Sieg in der 500er WM datiert vom 14. September 1969. Damals gewann Godfrey Nash in Opatija den Großen Preis von Jugoslawien. Danach verstummte das eindrucksvolle Hämmern der britischen Einzylinder-Viertakter in der WM. Gegen die mehrzylindrigen MV und die aufkommende Zweitakt-Konkurrenz aus Japan hatten sie keine Chance mehr.

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