Besuchertag auf der IFMA (Archivversion) Mengenlehre

Überfüllte Hallen, stickige Luft - was soll’s? Als Belohnung gibt’s alles, was zwei oder drei Räder hat, dazu jede Menge Zubehör und Klamotten aus aller Biker Länder. Der IFMA Reiz ist eben unerreicht.

Donnerstag mittag kommt es im Nadelöhr zwischen den Hallen 12 und 13 zu einem unfreiwilligen Stelldichein. Auf der größten und wichtigsten Zweiradmesse der Welt geht gar nichts mehr. Weder voran und schon gar nicht zurück. »Es hat dich doch keiner gezwungen!« schrillt eine Stimme, ohrenscheinlich ebenso weiblicher wie ruhrpöttischer Herkunft, über die ansonsten in diszipliniert dumpfem Gemurmel vorbildlich verharrende Menge, in der Rockerkutte sich nonchalant an Nadelstreifen reibt. Motorradfahrer erweisen sich einmal mehr als die zuvorkommendsten und höflichsten Menschen auf dieser Welt. Wie sonst wäre zu erklären, daß ein blaubekittelter Angestellter das Unmögliche schafft und einen Hubwagen voll mit hochgestapeltem und eingedostem Cola light mitten durch den Superstau bugsiert. So muß Moses sich vorgekommen sein bei seinem Trip durchs Rote Meer. Was, in Motorrads Namen, treibt diese Leute aus Villingen-Schwenningen, Harburg oder Dresden in aller Herrgottsfrühe auf die Autobahn gen Köln? »Ich hab’ in den letzten zehn Jahren noch keine IFMA versäumt«, gesteht ein Wiederholungstäter aus dem Bergischen. Wieso? »Weil da alle neuen Motorräder stehen.« Die sind doch, mit viel weniger Streß und Aufwand verbunden, ein paar Wochen später auch beim Händler oder auf einer der vielen regionalen Messen zu beäugen. »Stimmt schon, aber hier in Köln werden sie eben zum ersten Mal gezeigt.« Wie recht er doch hat. Und wie unvergleichlich dieses Gefühl, den lieben Mitmenschen daheim eine nette Kleinigkeit voraus zu sein. Im Besteigen der neuen Zweizylinder von Honda und Suzuki etwa, den Stars der Messe, vor denen sich eine Menge Aufsitzwilliger lang- und eine Meute Knipswütiger rund macht. Motorräder sind hier zum Abschuß freigegeben. Daß sie in den gesammelten Hochglanzprospekten, die Plastiktüten füllen, in aller Pracht zu bewundern und wegzustecken sind - was soll’s? Schließlich hat doch ein jeder gern was Eigenes - fürs Fotoalbum und, nicht zu vergessen, für den Stammtisch. Die IFMA bietet aber nicht nur Schaulustigen Sensationen en masse. Handfest geht’s hier zu. Da rütteln Freaks am Auspuff, während es den Glücklichen droben auf der Sitzbank notorisch in der Gashand zuckt. »Alle Motorräder, die wir mit nach Köln bringen, können wir hinterher nur mit großem Abschlag verkaufen«, sagt Wolfgang Murrmann von Honda Deutschland. »Stört uns aber nicht. Im Gegenteil, denn genau deshalb stehen sie ja da. Für uns ist die Messe die Publikumsveranstaltung überhaupt.« Weswegen Honda, aber auch Bimota, Harley, MuZ und andere clevere Hersteller alle Barrieren zwischen Besuchern und Mopeds einreißen. Um den Zugang zur Marke so einfach wie möglich zu machen. Wer’s Bike wohl ausgeleuchtet und unantastbar aufs Podest stellt, muß deshalb unbedingt noch ein oder zwei Exemplare des Modells nebenan plazieren. Apropos Models: Seit immer mehr Frauen Motorräder kaufen und auch fahren, kommt der gemeine Feld-, Wald- und Wiesenchauvie auf der IFMA nicht mehr so recht auf seine Kosten. Lediglich weil’s dem Mythos des Big Twins dient, gibt’s bei Harley dicke Titten, wohlverhüllt freilich, zu begaffen. Während bei BMW und anderswo ranke, sportliche Girls und ebensolche Jungs - obligatorisch: der athletische schwarze Mann mit erotisierender Glatze - in den ihnen angetanen Spitzenkombis leichthin über die Bühne hopsen. Als Ikonen einer jung-dynamischen Riesenparty eben, auf der die Branche sich selbst inszeniert. Freilich noch mit kleinen Schönheitsfehlern. Als da wären: großmäulige Animateure, die die IFMA mit dem Club Mediterrané (Suzuki) oder dem Hamburger Fischmarkt (Aprilia) verwechseln; und schließlich jene Besucher, die sich lauthals darüber beklagen, nicht gleich kaufen und mitnehmen zu können, was ihnen gefällt. Gemach, Jungs und Mädels, gemach, und etwas mehr Geduld. Die Vorfreude ist nämlich allemal die schönste Freude. Und davon gibt’s auf der IFMA jede Menge zu tanken.

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