Biken mit Behinderung (Archivversion) Der heiße Stuhl

Ob Bungee Jump oder Fallschirmspringen: Geht nicht, das gibt’s nicht für den querschnittgelähmten Roland Herbig. Und wenn er Motorrad fährt, nimmt er seinen Rollstuhl einfach huckepack.

Grenzen überschreiten: für Roland Herbig kein Problem. Tut er jeden Tag. Seine Adresse: Grensstraat 25, Kerkrade, Holland. Das deutsche Hoheitsgebiet endet direkt vor seiner Haustür. Sein Status: Rollstuhlfahrer. Darum ist die Sache mit dem Überschreiten nicht wörtlich zu nehmen. Denn egal, wo Herbig unterwegs ist, er ist immer auf Achse. Mit dem Auto, dem Rollstuhl – oder eben mit seinem Gespann, einer Doppel-X-Honda mit EML-Seitenwagen. Grenzen zu akzeptieren fiel ihm schon immer schwer. Und das, obgleich der 44jährige seit vier Jahren vom ersten Lendenwirbel an abwärts gelähmt ist. Rückblende: Juni 1994. Herbig legte mit seiner wunderschön zurechtgemachten Kawasaki ZZR 1100 auf der Nordschleife ein paar schnelle Runden hin. Was genau in der Linkskurve vor der Breitscheidter Brücke geschah, weiß Herbig nicht mehr. Sicher ist, daß das Motorrad über beide Räder rutschte und Roß und Reiter in die begrenzende Betonmauer einschlugen. Sicher ist auch, daß ihm erst während der Reha dämmerte, welches Schicksal ihn erwartet. Nie mehr laufen können, alles neu lernen – Tatsachen, die er nur zögernd akzeptierte. Einen anderen Umstand hat der Vater einer zehnjährigen Tochter wohl nie ganz verinnerlicht: nie mehr Motorrad fahren. »Ich habe nach einem halben Jahr Reha wieder angefangen zu arbeiten. Auch den Autoführerschein habe ich neu gemacht.« Herbig arrangierte sich, rüstete seine Lackierer- und Designerwerkstatt »für Fahrzeuge mit nicht mehr als zwei Rädern« auf Rollstuhlbetrieb um - und kam gut zurecht. Nur mit dem Autofahren nicht. »Daß das Motorrad 26 Jahre lang Hobby und Beruf war, kann man nicht einfach abstreifen. Mit jedem Bike, das vorbeifuhr, wurde mir klarer: Du mußt wieder fahren.« In Herbig, dem Adrenalin-Junkie und TÜV-Flüchtling, daher seine holländische Adresse, mit ausgeprägtem Sinn für Tüfteleien, reifte ein Plan: der Umbau eines Trikes, den er zusammen mit Freund Lothar im Winter 1995/96 in Angriff nahm. Was folgte, waren zwei Jahre und 12 000 Kilometer on Trike mit sehr viel Spaß, aber einer für Herbig ernüchternden Erkenntnis. »So richtig Motorradfahren war das nicht!« Er ging in Klausur, wälzte Prospekte – und entwickelte eine Idee, die er richtig klasse, Freundin Dagmar allerdings grenzenlos dumm fand. Herbig wollte ein Gespann kaufen und umbauen (siehe Kasten). Nach zähen Verhandlungen, in denen er sich im zwischenmenschlichen Bereich ebenso einfallsreich zeigte wie im technischen, war der Deal perfekt. Herbig durfte Gespann fahren, Dagmar bekam einen Hund – und legte sich selbst wieder ein Motorrad, eine Kawasaki ZX-6R, zu. Wohl auch, um ein wenig aufzupassen, obwohl sie ihm ihre persönliche Toleranzgrenze unmißverständlich klargemacht hatte: Sollte er sich je wieder auf der Nordschleife tummeln, würde sie sein Gefährt eigenhändig zersägen. Eine berechtigte Warnung, denn nach 5000 problemlosen und flotten Kilometern könnte sich Herbig die eine oder andere zügige Runde durchaus vorstellen. »Nur vorstellen, so in Gedanken«, versichert er. Die Grenze der Belastbarkeit des häuslichen Friedens will Herbig nicht überschreiten.

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