Biker-Demo der Ruhrkumpels (Archivversion) »Glück auf

Über 10 000 Bergleute protestierten mit ihren Motorrädern in Bonn. Der Kanzler sprach vom »Druck der Straße«. Michael Schröder und seine Kumpels von der Zeche Hugo haben ihn organisiert.

»Der Himmel über der Ruhr muß wieder blau werden«, forderte Willy Brand in den 70ern. 20 Jahre später verspricht Helmut Kohl »blühende Landschaften« im Osten der Republik. Blumige Metaphern, die den Bergleuten die Zornesröte in die vom Kohlenstaub schwarz gefärbten Gesichter treibt. Über 600 000 Kumpel holten einst das Grubengold für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder ans Tageslicht. Verdienste, die heute nicht mehr zählen. Allein die Höhe der Subventionen bestimmt das Handeln und Verhandeln des Bundes, der die nationale Energiepolitik festlegt. Die sieht aus verständlichen Gründen keine Zukunft mehr für die heimische Kohle. Viel zu teuer im internationalen Vergleich mit über 100 000 Mark staatlicher Zuschüsse pro Arbeitsplatz und Jahr. Diese Rechnung verstehen auch die meisten Bergleute an Ruhr und Saar. Einem Kahlschlag aber wollten sie nicht tatenlos zusehen, und so zogen sie Mitte März gen Bonn, um ihrer Forderung nach Brot und Arbeit Nachdruck zu verleihen. An der Spitze der Bewegung: motorradfahrende Bergarbeiter. Gut 10000 an der Zahl. Bleigrau der Himmel, kalt die Luft. Wanne-Eickel am 14. März 1997, am Tag nach der Entscheidung. Tirincanti & Störmer, Kfz-Meisterbetrieb, der zentrale Anlaufpunkt für den harten Kern der bergarbeitenden Biker. Im Aufenthaltsraum sitzen vier »Rädelsführer« des von Helmut Kohl beklagten »Drucks von der Straße« - Michael, Rolf, Klaus und Michael »Motorrad- Schröder«. Signalwesten über den Kombis, gespickt mit Buttons von der Demo. Erinnert irgendwie an Kutten von Motorradclubs. Auf dem Tisch dampfen die Kaffeepötte, Zigaretten qualmen. Die Gesichter sind noch ein wenig grau von den tagelangen Strapazen der Demo. Wenig Schlaf, viel Streß. Stolz ziehen sie Bilanz. Längst sind alle Argumente ausgetauscht, die Fakten klar. 45 000 Arbeitsplätze werden abgebaut, aber betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. »Kohle macht doof, behauptet man jedenfalls«, sagt Michael, »aber wir sind nicht doof.« Daß der Bergbau im Ruhrgebiet ein Auslaufmodell ist, wissen sie selbst. Nur gegen die Wand fahren lassen sie sich nicht. Das haben sie eindrucksvoll demonstriert, in Bonn, mitten im Zentrum der Macht. Die Idee zum Motorradkorso hatte Motorrad-Schröder. »Wir von Hugo in Gelsenkirchen haben alles organisiert, ein Plakat gedruckt, das zur Teilnahme aufruft. Ja, und dann haben wir gestaunt. Ruckzuck hatten wir 80 Anmeldungen. Wir wußten gar nicht, daß so viele Bergleute Motorrad fahren.« Nach Schätzungen der Polizei rollten schließlich zwischen 8 000 und 10 000 Motorräder in die Bannmeile. Friedlich - und von den Bonner Bürgern mehr als freundlich begrüßt. »Die Polizisten«, sagt Klaus, »haben uns mit La-Ola empfangen, die waren einsame Spitze.« Und als einer der Biker mit Plattfuß liegenblieb, besorgte ein Ordnungshüter sofort einen Ersatzreifen. Besonders ins Herz geschlossen haben sie Dietmar von der 13. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei. Und riesig gefreut haben sie sich über die persönliche Einladung des Bonner Polizeipräsidenten, dem sie bald eine Grubenlampe überreichen wollen. Der Schulterschluß der Motorradfahrer hat alle beeindruckt, und daß die Solidarität noch nicht verschütt gegangen ist, geht auch harten Hunden ans Herz. Und dort tragen die Jungs - vielleicht noch vor dem Pütt - ihre Motorräder. An der Wand vergilbte Porträts von Agostini, in der Werkstatt neben fein säuberlich aufgereihten Kundenmotorrädern auch eigene »Projekte«. Eine Kawa-Schönheit mit einem H1A Rahmen, selbstgebauter Kastenschwinge und dem 750er Motor der H2, eine rote Guzzi Lodola von 1959 und andere Schätzchen. Man redet Benzin. Aber nicht nur. Michael, 36 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, wird nachdenklich. Und auch ein bißchen sentimental: »Wahrscheinlich sind wir hier die letzte Generation, die einfährt. Da geht bald auch ein Stück Geschichte verloren, und wenn wir nicht aufpassen auch der Zusammenhalt. Umschulung zum Fliesenleger oder Krankenpfleger - und dann sind wir eines Tages nur noch Einzelkämpfer.« Der andere Michael drängt zum Aufbruch. Inzwischen ist es dunkel geworden. Quer durchs Revier geht die Fahrt, vorbei an stummen Zeitzeugen der Industrialisierung, vorbei an Shamrock, Pluto, Unser Fritz, Hugo oder Zollverein, wie die Zechen in Herne, Gelsenkirchen und Essen heißen. Nahe Zollverein, bereits vor Jahren stillgelegt und heute ein Kulturzentrum, wohnt Motorrad-Schröder mit Frau und drei Kindern in einem liebevoll renovierten Zechenhaus. Marcel, sein Ältester, hat bei der Menschenkette durchs Revier das Feuer der Mahnwache weitergereicht. Eine Nachrichtensendung, die sie auf Video aufgenommen haben, zeigt den Filius auf dem Sozius von Michaels »Fördermaschine«. So nennt er seine Honda Magna, deren Motor ausgerechnet in Bonn sein Leben aushauchte. Nun sucht er Ersatz für den 1100 Kubikzentimeter dicken V4 mit seinen 120 PS. Preiswert versteht sich. »Ohne mein Schätzken bin ich nur ein halber Mensch.« In der Küche hängt noch die Dekoration vom Kindergeburtstag. Luftballons, dazu eine knallbunte Tischdecke. In wenigen Minuten dampft auch hier der Kaffee. Das Haus von Motorrad-Schröder haben sie in Gemeinschaftsarbeit erneuert. »Der eine kann dies, der andere das«, sagt Michael. Hilfsbereitschaft ist unter Bergleuten eine Selbstverständlichkeit. Der gefährliche Job unter Tage schweißt zusammen, die gemeinsame Motorradleidenschaft tut ein übriges. »Wir lassen uns nicht spalten«, entgegnet Klaus, als die Sprache auf die ausländischen Kollegen kommt, die wegen ihrer Kinderschar vielleicht einmal bevorzugt behandelt werden. »Wir sind Bergleute, egal ob Deutscher oder Türke.« Die anderen nicken. Klaus erzählt von Weißrußland. Jedes Jahr opfert er einen Teil seines Urlaubs und organisiert einen Hilfstransport in den Osten. »Die haben nix und geben ihr letztes Hemd, da kann man was lernen.« Michael berichtet von seinem Engagement in der Schulpflegschaft. Schließlich müsse man Verantwortung übernehmen und für das Gemeinwohl sorgen. Nein, Heilige sind sie dennoch nicht. Die vier drängen auf Aufbruch, wollen bei einem Kumpel noch einen draufmachen und haben dafür etwas nicht gerade Jugendfreies organisiert. Was? Wird natürlich nicht verraten. »Das Leben, das Leben vergessen wir nie.« Hände werden geschüttelt, und dann verschwinden sie in die Nacht.

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