Bilanz der 125er Klasse (Archivversion) Familienplanung

Ich fahr’ 125er, und du kriegst die Familienkutsche. Papa hatte einen schlauen Plan. Dumm nur, daß Mama die Chose so ähnlich sah: Ich fahr’ 125er, und du ...

Beim netten Motorradhändler um die Ecke war zuerst die Hölle los und alsdann das Lager leer . »Wir verkaufen so viele 125er, daß wir keine mehr haben«, berichtete Anfang Juni Thomas Wanner von der Schwabengarage, Stuttgarts größtem Honda-Vertreiber. Der Achtelliter-Chopper namens Rebel war so begehrt, daß Grauhändler für den Publikumsliebling - Listenpreis 6745 Mark - glatt 8000 verlangten und auch kriegten. Als Bundestag und Bundesrat im März 1996 beschlossen, daß Automobilisten, die vor dem 1. April 1980 ihren Dreier erworben hatten, fortan motorisierte Krafträder bis 125 Kubik und maximal 15 PS fahren dürfen, da geschah, was kommen mußte: Sie taten’s auch. Der Markt explodierte. Verursacher dieser Eruption: vom Motorradbazillus infizierte Menschen in den besten Jahren. 36 und älter eben. Bis Ende August 1996 wurden fünfmal mehr 125er verkauft als im Vorjahr, insgesamt mehr als 55 000, darunter zirka 40 000 Roller, von denen wiederum mehr als die Hälfte von Piaggio kam. Die Frischlinge von 16 bis 18, die ebenfalls 125er pilotieren dürfen - freilich mit der unsinnigen Beschränkung auf nur 80 km/h Höchstgeschwindigkeit -, hielten sich dagegen bescheiden zurück. Nach Aussagen der Händler machten die älteren Semester bis zu 90 Prozent aller Kaufinteressenten aus. Kein Wunder: Der Gesetzgeber hat den Jungs und Mädels mit seiner Reglementierungswut den Einstieg nämlich auch verflixt schwer gemacht. Mit 80 Spitze schwimmt der Motorradnovize im Verkehrsstrom nicht wie ein Fisch im Wasser, eher wie eine Flasche - als ewig Getriebener. Dazu der Führerschein Klasse 1b, nicht gerade billig und mit hohen Anforderungen verbunden, und die offenen Hände der Versicherer - da paßte einfach zu wenig zusammen. Zumal eine Drosselung auf 80 km/h mit zusätzlichen Kosten und eine spätere Entdrosselung mit noch höheren Ausgaben verbunden ist. »Manipulationssicherheit« heißt dieses Spiel. So blieben viele Jugendliche lieber ihrem Mountain Bike oder den Inline-Skates treu. Und wenn sie dann doch - allen Widerständen zum Trotz - zur motorisierten Fortbewegung auf zwei Rädern fanden, gaben sie dem Roller eindeutig den Vorzug vor dem Motorrad. Scooter sind eben auch bei den Kids ganz schön trendy - egal, ob mit 50 oder 125 Kubik. Den Autofahrern wurde der Einstieg in die Motorradwelt dagegen richtig leicht gemacht - mit äußerst günstigen finanziellen Konditionen (siehe Kasten Seite 45) und, ganz wichtig, ohne irgendeine Prüfung zu absolvieren, selbst wenn der Betreffende noch nie in seinem Leben auf einem Moped gesessen hatte. Wenn es hierzulande einen Bundesmotorradminister geben würde, hätte der mit Sicherheit »Motorradfahren gefährdet die Gesundheit« auf die schmucken Bikes und Roller pinseln lassen. Für gestandene Motorradfahrer kein Geheimnis, sie wissen: »Auf dem Bock bist du dreimal mehr gefährdet als in einer Blechkarosse.« Und wie sicher waren die Einsteiger unterwegs? Genaues weiß man noch nicht. Die Mathematiker bei den Versicherungen werten die Schadensfälle noch aus. Daß aus den Chefetagen bislang aber noch nicht einmal die geringste Andeutung eines Signals für Prämienerhöhungen gegeben wurde, zeigt, daß die Neuen sich wohl verantwortungsbewußt verhalten haben. Außerdem haben sie sich auf das Abenteuer Motorrad gut vorbereitet. Fahrtrainings waren so gut besucht wie schon lange nicht mehr, und nicht wenige 125er Piloten investierten in ein oder zwei Fahrstunden für mehr Sicherheit. Gut angelegtes Geld: Wer an der Ausbildung spart, zahlt später ordentlich drauf. Denn auch wenn Big Bike-Fahrer jetzt vielleicht lächeln mögen: So eine 125er ist ein richtiges Motorrad, an der Ampel läßt es die meisten Mittelklasseautos stehen, und für jemand, der noch kaum oder nur wenig Erfahrung mit Motorrädern hat, sind 100 km/h schon wahnsinnig schnell. Bei der Wahl des fahrbaren Untersatzes spielte der Preis nur eine untergeordnete Rolle. »Hauptsache, das Gefährt sieht nach richtigem Motorrad aus«, beurteilen die meisten Händler das wichtigste Motiv ihrer Kundschaft beim Kauf. Jetzt, da der Traum von der Freiheit auf zwei Rädern Wirklichkeit wird, schaut man - noch - nicht auf den Pfennig. Das Ding soll nach Easy Rider aussehen, nicht wie opulent gewordenes Leichtkraft. Obwohl sie gut dran täten, es beim Finanzamt eben als solches, als Leichtkraftrad zu deklarieren. Weil für solche Gefährte nämlich kein Obolus entrichtet werden muß - die kosten nix. Dieses Privileg gilt übrigens auch für 125er, die bereits als Motorrad zugelassen´sind. Der Eigner muß nur den Weg zur Zulassungsstelle einschlagen und sein Bike mit den maximal 15 PS zum Kleinkraftrad umschreiben lassen. Die Steuerbehörde bekommt dann prompt einen Bescheid, und Vater Staat muß auf die Abgaben für dieses Kfz verzichten. Übrigens: Nur dumme Versicherer unterstehen sich, daraufhin die viel höheren Prämien für Leichtkrafträder abzufordern. Wenn sie’s dennoch tun, gehören sie dafür bestraft. Mir der Kündigung nicht nur der Kfz-Versicherung. Aber die Steuer ist das eine, Design und Image das »echten« Motorrads das andere. Mittlerweile scheint das auch die Industrie kapiert und ihre Modellpolitik darauf kapriziert zu haben: Yamaha erhofft sich von der Achtelliter-Version des Erfolgschoppers Virago, des bislang einzigen, immerhin 6990 Mark teuren Zweizylinders in dieser Klasse, ein gutes Geschäft, Honda hatte mit der Rebel, dem begehrtesten Objekt der Begierde, eh ein heißes Eisen im Feuer. Suzuki mit der GN 125 eigentlich auch, aber dennoch war Vertriebschef Bert Poensgen auf der IFMA in Köln nicht so recht zufrieden: »Es war nicht zu übersehen, daß wir bei den 125ern nicht viel zu bieten hatten.« Nicht nur Poensgen weiß um die Bedeutung dieses Marktes für die Zukunft. Karlheinz Vetter, Pressemann von Yamaha, sieht die Neueinsteiger schon auf größeren, profitträchtigeren Bikes: »Ich kann mir gut vorstellen, daß so mancher Autofahrer durch die neuen 125er auf den Geschmack kommt und in Zukunft gern ein hubraumstärkeres Fahrzeug bewegen möchte.« Da könnte er recht haben. Weil Motorrad oder Roller fahren nämlich nicht nur Spaß macht, es ist auch fürchterlich vernünftig. Das nutzlose Verplempern von Benzin auf der nervigen Parkplatzsuche - das ist für Achtelliter-Ritter Relikt einer trostlosen Vergangenheit. Und wie Zweitwagen sind 125er für alle da: Mamma darf mit dem Roller zum Supermarkt cruisen und im Topcase ordentlich was abschleppen, Sohnemann zum Fitneßclub kurven, Papa damit samstags einen Kasten Bier apportieren. Mit dem Motorrad kann er ins Büro düsen, wo Kollegen und Chefs seine neue Dynamik und Jugendlichkeit gebührend zu beneiden und somit auch zu schätzen wissen. »Respekt, Herr Lehmann, so eine Höllenmaschine, und das in Ihrem Alter.« »Ach, wissen Sie, Boß, man ist nur so alt, wie man sich fühlt. Und außerdem liebe ich neue Herausforderungen.« Selbst von lieben Gewohnheiten wie dem samstagnachmittäglichen Autowaschen braucht sich der Neueinsteiger nicht zu trennen, er muß sich lediglich etwas umstellen. Schließlich will auch Chopper-Chrom poliert sein. Aber nicht nur die 125er boomen blitzsauber. Der Trend geht, zumal in den von Autos verstopften Innenstädten, generell in Richtung motorisiertes Zweirad. Von den Krädern bis 50 cm³, die jeder Führerscheininhaber fahren darf, wurden allein im ersten Halbjahr 1996 mehr als 125 000 Stück, darunter sage und schreibe 100 000 Roller, an den Mann und die Frau gebracht. Wenn das so weitergeht, gibt’s auf deutschen Straßen bald italienische Verhältnisse.

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