Bish, Bill: Interview (Archivversion)

Open hair

»Dies ist ein freies Land.« Fast schon ein Sprichwort in den USA, wo das Streben nach Glück und das Recht, eine Waffe zu tragen, in der Verfassung verankert sind. »Das Helmgesetz ist ganz einfach unamerikanisch«, findet David Edwards, Chefredakteur von Cycle World, einem großen amerikanischen Motorradmagazin. »Ich glaube schon, daß jeder Biker zur eigenen Sicherheit einen Helm tragen sollte. Aber ich verachte Gesetze, die uns das vorschreiben.« Beim Kampf gegen den Krachhut geht´s im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ums Prinzip. »Heute ist´s der Helm. Morgen will man uns vorschreiben, welche Stiefel oder Jacke wir anziehen. Und schließlich darf man nur noch Motorrad fahren, wenn es hell ist«, urteilt Brad Clausen, Honda-Händler in Sunnyvale. Privat trägt er Hut. Doch bürokratische Vorschriften ärgern auch den Kalifornier. Wie die meisten Amerikaner. Seit die Kunde von europäischer Regelungswut über den großen Teich drang, befürchten US-Biker-Organisationen, daß geplante Euro-Normen auch in Washington Schule machen: Schutzkleidungsnormen, Beinprotektoren und Anti-Manipulationskataloge verschrecken Easy Rider, die an ihren Eisen aus Milwaukee rumschrauben, so lange sie denken können. »Solche Vorschriften bedrohen unseren Lifestyle«, meint Quiet Ron, der ohne seine Kutte keinen Meter rollt. »Motorrad fahren ist unser Leben. Und das lassen wir uns nicht vermiesen. « Manche Biker halten sich denn auch nur pro forma an Gesetze und tragen Schüsseln auf der Birne, die höchstens entfernt an einen Schutzhelm erinnern. »Ich setze das kleinste helmartige Teil auf, das ich finden kann«, meint Bill Martinez, Verkaufsleiter beim Harley-Davidson-Händler Bob Dron in Oakland. »Das kontrolliert eh keiner.«Stimmt. Aber verwegene Kopfbedeckungen helfen bei Unfällen kaum weiter. Schon deshalb wirken manche Argumente, die die National Coalition of Motorcyclists (NCOM) gebraucht, verquer. Die Statistiken, die belegen sollen, daß Motorradfahrer in Staaten ohne Helmpflicht länger leben, sind zumindest fragwürdig. »Sie wollen uns doch nicht weismachen, daß Helme Leute umbringen«, war denn auch die Reaktion in den Amtsstuben der Bundesstaaten.Inzwischen haben die Biker der NCOM ihre Taktik ein wenig geändert, der politische Kompromiß lautet: keine Helmpflicht für Erwachsene. Doch ob sie damit durchkommen, ist noch offen. Zwar ebnete der Kongreß in Washington Anfang dieses Jahres den Weg für die Entscheidung der Einzelstaaten. Aber was die tun, steht noch nicht fest. Derzeit gibt´s ein Patt: 25 Bundesstaaten und der District of Columbia (Washington D.C.) schreiben Helme grundsätzlich vor. Dagegen verlangen 22 Staaten die Schüsseln vor allem von jugendlichen Motorradfahrern. In drei Staaten darf jeder Biker die Haare im Wind flattern lassen. Wer mit dem Motorrad in den USA Grenzen überschreitet, sollte den Helm also immer dabei haben und wissen, wo er ihn aufziehen muß und wo nicht. In einigen Staaten sind nämlich auch Führerscheinneulinge und Hinterbänkler verpflichtet, ihr Haupt zu bedeckeln. Ganz kurios: Wer Helm trägt, obwohl`s nicht vorgeschrieben ist, muß in manchen Staaten mit reflektierendem Tape unterwegs sein, damit er bei Nacht gesehen wird. Ziemlich lästig und umständlich. »Vielleicht gibt es hier zu viele Gesetze. Aber weniger Leute als anderswo, die sich daran halten«, vermutet Kari Prager, BMW- und Triumph-Händler nahe San Francisco und grinst. Während die Einzelstaaten munter ihre Brötchen backen, schimpfen die meisten Motorradfahrer auf die Administration in Washington. Denn dort werden die Rahmenbedingungen gesteckt. Die Bundesstaaten, die in der Vergangenheit weder Helm- noch Gurtpflicht einführten, bekamen weniger Knete aus den Fonds der Republik. Fazit: 1975 hatten 47 von 50 Staaten Helmgesetze, dann begann das große Tauziehen mit Gerichtsprozessen und Demonstrationen. Ein munteres Hin und Her war die Folge. Nachdem Nebraska ein Helmgesetz eingeführt hatte, gingen die Neuverkäufe 1989 um 41 Prozent zurück, in Kalifornien 1991 aus demselben Grund um 24 Prozent. »Das Helmgesetz hat uns sehr geschadet«, meint Honda-Händler Brad Clausen. »Aber Harley noch mehr.« Ob dieses Argument greift? Immerhin tragen 72 Prozent der Amerikaner Helm - gezwungenermaßen oder freiwillig.
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Bish, Bill: Interview (Archivversion) - «Wir lassen uns nicht wie Untertanen behandeln“

Die National Coalition of Motorcyclists (NCOM) kämpft gegen Helmgesetze in den USA. Pressesprecher Bill Bish erklärt, warum.
? Was macht die NCOM?Wir sind eine Dachverband für 400 Clubs, Gruppen und Biker-Rechts-Organistionen in den USA und Kanada. Ich schätze, daß wir 200 000 bis 300 000 Motorradfahrer repräsentieren. Die nationale Koalition unterstützt ihre Mitglieder durch juristischen Rat, kämpft gegen Diskriminierung, bereitet einen finanziellen Fonds für Prozesse, unterstützt gesetzliche Initiativen, sammelt Informationen und vieles andere mehr. Kurz, wir betreiben Lobbying. Finanziert wird die NCOM ausschließlich durch Anwälte, die einen Teil der Gebühren, die sie bei Schadensersatzklagen von Motorradfahrern einnehmen, beisteuern. So wird das Geld wieder in die Sache der Motorradfahrer gesteckt.? Was unternimmt die NCOM gegen die Helmgesetze?Die Helmgesetze werden von den einzelnen Bundesstaaten gemacht. Allerdings verlangte der Kongreß in Washington in der Vergangenheit die Verabschiedung solcher Gesetze. Weigerten sich die Bundesstaaten, kürzte die US-Regierung die Mittel für den Unterhalt der Highways. Das war Erpressung. Aber jetzt hat der Kongreß eingelenkt, und wir kämpfen in jedem einzelnen Staat um die Abschaffung. Dieses Jahr ändern vielleicht noch Pennsylvania und New Jersey ihre strikten Helmgesetze. Im Januar hat das Repräsentantenhaus in Kalifornien der Abschaffung des Gesetzes zugestimmt, aber ein Komittee des Senats hat´s abgelehnt. Wir versuchen es nächstes Jahr wieder. ? Warum seid Ihr gegen das Tragen von Helmen?Statistisch gesehen sterben mehr Motorradfahrer pro Hundert Unfälle in den Staaten mit Helmgesetz als in denen ohne. Wir sagen nicht, daß Helme Killer sind. Aber wer keinen trägt, fährt auch vorsichtiger. Außerdem soll jeder selbst entscheiden können, ob er will oder nicht. Wir sind erwachsene Bürger, und die Regierung dient unserem Wohl und nicht umgekehrt. Wir sind als amerikanisches Volk der politische Entscheidungsträger und lassen uns nicht wie Untertanen behandeln.

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