Bitumen und kein Ende (Archivversion) Begriffen?

In den „Zusätzlichen technischen Vertragsbedingungen und Richtlinien für die bauliche Erhaltung von Verkehrsflächen – Asphaltbauweise“ (ZTV BEA-StB 98/03) wird der Einsatz von Bitumen, der sich hinter dem verklausulierten Begriff „Anspritz- und Absplittverfahren“ verbirgt, bei der Instandhaltung von Straßen für kleinere Schäden nach wie vor empfohlen. Bitumen genießt dort immer noch den Ruf eines schnellen, kostengünstigen Fugenvergussmittels und ist „okay, wenn man das richtig macht“, so ein Mitarbeiter der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Richtig machen heißt: ordentlich abstreuen, überschüssiges Streumaterial entfernen, Strecke tempobeschränken und regelmäßig kontrollieren.

Das Straßennetz in Deutschland hat eine Gesamtlänge von zirka 645000 Kilometern. Es instand zu halten ist sicher eine Mammutaufgabe, die die Bitumenreparatur angesichts angespannter öffentlicher Haushalte verlockend erscheinen lässt. Für jeden einzelnen Kilometer tragen die Straßenbaulastträger, das sind der Bund für Bundesfernstraßen, die Bundesländer für Landes-, der Landkreis für Kreis- und Kommunen für Kommunalstraßen, eine Verkehrssicherungspflicht: Sie müssen dafür sorgen, dass die Straßen zur jeweils erlaubten Geschwindigkeit und unter Einhaltung von Hinweisen etwa auf Schleudergefahr oder Gefälle unfallfrei befahrbar sind.

Um dieser Pflicht nachzukommen, wird der Zustand von Bundesfernstraßen alle vier und von Landesstraßen in der Regel alle fünf Jahre auf ihre Substanz, ihre Längs- und Querebenheit sowie auf Griffigkeit geprüft. Für die Bestimmung der Griffigkeit gibt es das sogenannte Seitenkraftmessverfahren – kurz: SKM oder SCRIM –, mit dem der Seitenkraftbeiwert µSKM ermittelt wird. Ein an einem Lkw angebrachter Messreifen (siehe Bild) läuft auf angenässter Spur in einem Winkel von 20 Grad zur Fahrtrichtung über die Straße. Während der Messfahrt – über Bundesfernstraßen mit 80 km/h, über Landesstraßen mit 60 km/h – wird die am Rad wirkende Seitenkraft gemessen. Auf Autobahnen und Bundesstraßen liegt der Zielwert für die Griffigkeit bei µSKM gleich 0,46, auf Landesstraßen bei 0,51. Unterschreitet der Wert 0,32, sollten alle Alarmglocken schrillen.

Dann müsste Bitumenpfuscherei doch auffallen? Nein, denn in die Zustandsberichte gehen nur 100-Meter-Mittelwerte ein. Eine detailliertere Erfassung würde die Datenmenge noch weiter über den ohnehin schon unhandlichen Terrabyte-Bereich hinaus erhöhen. Also vertraut man auf ungenauere Werte. Und da liegt das Problem: Sind von einer Messstrecke nur fünf Meter mit Bitumen versaut, geht die geringere Griffigkeit dieses Stücks nur mit einem Zwanzigstel in den Endwert ein. Dem Straßenbaulastträger signalisiert der dann: alles in Ordnung. Was es natürlich nicht ist.

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