Bitumen-Unfalltod: Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein (Archivversion) »Gespür für außerjuristische Realitäten“

Vor dem Gesetz sind manche gleicher. Weil Justitia mitunter nicht blind ist, sondern ein Auge aufschlägt.

Ein Richter am Stuttgarter Amtsgericht verplapperte sich einst ungemein. »Wenn ich Ihnen Recht gebe, klagen die zwei anderen auch. Und das in Zeiten knapper Haushalte.« Zur Verhandlung stand der nicht ganz freiwillige Niedergang gleich dreier BMW-Fahrer auf nassem Bitumen. Schadenersatz, Schmerzensgeld? Fehlanzeige. Mag ja sein, daß Justitia auf beiden Augen blind ist, ein gewisses Gespür für außerjuristische Realitäten ist ihr nicht abzusprechen. So auch im Fall der beiden tödlich verunglückten Motorradfahrer auf der B 257, als sich die Staatsanwaltschaft Koblenz bequemte, keine Anklage zu erheben. Wie unverständlich diese Entscheidung ist, zeigt eine andere Unfallserie. Auf einer Baustelle wies ein Arbeiter auf verrutschte Planken im Gerüst hin. Ein Polier nahm’s zu Kenntnis, versäumte es jedoch, seine Kollegen zu informieren. Zwei Tage später stürzte ein Monteur von der Stahlkonstruktion. »Eigenverschulden«, verlautbarte die Bauleitung. »Spüren Sie denn nicht, wie das Ding wackelt?« mischte sich ein Außenstehender ein. »Sind Sie vom Bau oder wir?« konterten die Profis. Reagieren erst, als wenig später ein zweiter Arbeiter vom Gerüst fiel. Jede Wette, daß hier sogar die Staatsanwaltschaft Koblenz das Risiko der Anklage gewagt hätte. Obwohl dieser (erfundene) Vorfall dem Bitumen-Skandal in der Eifel verdächtig ähnlich ist. Mit einem kleinen, verdächtig außerjuristischen Unterschied: Den Staatsanwälten wäre bei den Untersuchungen gegen die Baufirma die Peinlichkeit erspart worden, gegen Kollegen zu ermitteln. Gegen Polizisten, zu deren Job es gehört, der Anklagebehörde zuzuarbeiten.

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