Bitumen-Urteil (Archivversion) FÜNFZIG:FÜNFZIG

Der Freistaat Bayern hat seine Pflicht vernachlässigt, die Straßen
verkehrssicher zu halten. Max Peter Knoblach wurde das zum Verhängnis. Er sitzt im
Rollstuhl und soll zur Hälfte selbst daran schuld sein, urteilte das Landgericht Ansbach.

Er wollte nach Hause, hatte nur noch ein paar Kilometer vor sich, als das Schreckliche geschah, die Kawasaki Voyager auf einem Bitumenflecken unter ihm wegrutschte. Max Peter Knoblach stürzte am 8. Juni 2001 auf der Staatsstraße 2249 zwischen Rothenburg und Leutershausen so schwer, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist.
Er hatte keine Chance und eigentlich auch keine Schuld, befand Dr.-Ing. Werner Großer, den das Landgericht
Ansbach um ein Gutachten gebeten hatte. Bei Nässe nehme der Reibwert einer Flickstelle mit Bitumen dermaßen drastisch ab, dass man nur dann nicht stürze, »wenn man weder beschleunigt, noch verzögert, noch eine größere Schräglage einnimmt«. Wenn doch, rutsche die Maschine zwangsläufig weg. Und dabei spiele weder das Profil der Reifen noch die Geschwindigkeit irgendeine Rolle.
Dennoch hat das Landgericht Ansbach in seinem Urteil vom 8. Februar 2006 dem Gestürzten 50 Prozent der Schuld angelastet. Sein Fehler: Er sei – und daran ändere die Aussage des Sachverständigen, dass das Tempo für den Unfall selbst irrelevant sei, nichts – zu schnell gewesen. »Bei geringerer Annäherungsgeschwindigkeit wäre es dem Kläger leichter gefallen, die einzelnen Gefahrenstellen zu erkennen und gegebenenfalls zu umgehen.« Knoblach soll 67 km/h gefahren sein, vielleicht hätte er mit 30 km/h den Bitumenfleck ja tatsächlich erkennen und entsprechend reagieren können, doch mit 30 km/h wäre er ein Verkehrshindernis, ein Verkehrsärgernis. Anscheinend, denn anders sind die Ausführungen des Gerichts nicht zu verstehen, gibt es in Deutschland also Strassen, die für das Motorrad letztlich nicht geeignet sind, zumindest nicht bei Nässe. Knoblachs Unfall sei, argumentiert das Gericht, dann auch nicht darauf zurückzuführen, dass die Straße lediglich mit Bitumen angespritzt und hernach abgesplittet wurde – dieses Verfahren sei üblich und nicht zu beanstanden –, wohl aber hätte die Behörde wissen müssen, dass diese Methode mit Unwägbarkeiten verbunden sei, weswegen sie strenger hätte kontrollieren sollen. Und der Anlass dazu war gegeben, weil Schwerlastverkehr über die ansonsten wenig befahrene Strecke umgeleitet wurde.
Alternative Verfahren sind zwar offiziell
anerkannt, spielen de facto aber keine Rolle. Weil sie ein wenig teurer kommen als Bitumenflickerei. Und nach Auffassung des Gerichts
ist der »Straßenverkehrspflichtige nur zu solchen Maßnahmen verpflichtet«, die sich durch
»ökonomische Verhältnismäßigkeit« auszeichneten. So kann man das auch sehen, zynisch nämlich, und eventuelle Kosten für Schaden-
ersatz und Schmerzensgeld schon in die Grundkalkulation einfließen lassen.
Dazu kommt: Angesichts der Ebbe in den Kassen denken die Verantwortlichen eh kaum noch über den Tag hinaus – das billigste Verfahren, der billigste Anbieter. Und aus billig folgt oft: schludrig. So geschah es auf der Kreisstraße 49, dass Arbeiter Bitumen verteilten, dann aber den Splitt schlicht vergaßen. Woraufhin Motorradfahrer Ludwig Wirz stürzte. Er hatte dabei noch Glück, erlitt keine bleibenden Verletzungen.
Anders als Max Peter Knoblach. Der, um seine Situation überhaupt ertragen zu können, mehrere Spezialbehandlungen über sich ergehen lassen muss, von einer Klinik zur anderen gereicht wird. Der lieber, obwohl er das nicht wollte, von sich aus den Schuldienst quittierte, um nicht vom Freistaat zwangspensioniert zu werden. Und der sogar bereit wäre, das Fifty-Fifty-Urteil des Landgerichts anzunehmen. »Es ist zwar brutal, aber ich kann einfach nicht mehr. Das liegt am Geld und auch daran, dass ich körperlich und seelisch nicht dazu imstande wäre, eine weitere Distanz durchzustehen.« Knoblachs Anwalt Alexander Scholl schließt nicht aus, »dass der Freistaat
in Berufung geht«. Weil der sich, natürlich,
keiner Schuld bewusst ist.

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