Bitumen (Archivversion) Meldestelle

Die Neuigkeiten: Urteilsbegründung im Fall Scheffler liegt noch auf Halde; MOTORRAD wertet Straßenschäden online aus; erster Erfolg vor Gericht im Fall Zündorf.

Der Vorsitzende Richter am Koblenzer Landgericht sprach’s gelassen aus. »Wir hatten einige Fälle wegen Straßenschäden zu verhandeln.« Da kann man schon mal vergessen, ein Urteil bereits gefällt zu haben. »Scheffler, Scheffler - haben Sie vielleicht das Aktenzeichen parat? Richtig, die Verkündigung hat bereits stattgefunden, am 1. Dezember.« (siehe Seite x)Dass der Motorradfahrer Joachim Scheffler auf Bitumen ausrutscht, in die Leitplanke knallt, stirbt und Tage später an derselben Stelle (siehe Foto links) Guido Rübhausen tödlich verunglückt - fürs Gericht ist das Routine. Entscheid nach Aktenlage, da genügen zehn Minuten. Schriftliche Begründung folgt Mitte Dezember, heißt es. Doch diese Bescherung verzögert sich. »Um vier, vielleicht auch acht Wochen. Das Landgericht hat einen personellen Engpass. Schreibkräftemangel. Außerdem ist Weihnachtszeit.«Mit welcher Argumentation die Justiz die zuständigen Straßenverkehrsbehörden von aller Verantwortung für den Tod Joachim Schefflers freispricht, bleibt also noch ihr Geheimnis. Es braucht freilich keine hellseherische Gabe, den zentralen Strang der Begründung zu prognostizieren: Die Straßenreparatur mit Bitumen entspricht den Richtlinien, basta, und selbst gesetzt den - versteht sich, völlig hypothetischen - Fall, der Belag sei rutschig gewesen, könne der Behörde kein Vorwurf gemacht werden. Weil sie davon nichts gewusst habe. Dabei hätte sie es wissen müssen. Drei Tage vor dem ersten tödlichen Unfall hat der Motorradfahrer Wilhelm Ley die Polizeiinspektion in Altenahr darauf hingewiesen, wie glatt die Straße dort sei. Ley vermutete ausgelaufenes Öl oder Kraftstoff als Ursache und erhielt vom dienstführenden Beamten das Versprechen, man werde sich um die Angelegenheit kümmern. Doch nichts geschah. Und weil Leys Meldung weder im Wachbuch noch in der Dienstkladde vermerkt ist, zählt seine Warnung nicht. Zumindest nicht vor Gericht. Eine seltsame Logik. Dass die Polizei geschlampt haben könnte, fällt völlig unter den richterlichen Verhandlungstisch. Geladen wurde der Zeuge Ley aus unerfindlichen Gründen nicht. Auch auf eine Gegenüberstellung Ley - Beamter verzichtete man generös. Aus dieser Erfahrung heraus - im Zweifelsfall hat die Behörde immer Recht - hat das Institut für Zweiradsicherheit (IfZ) in Essen einen »Meldebogen Straßenschäden« entwickelt (Seite XX). Bei gravierenden Straßenschäden, egal ob Bitumenflickerei, Spurrillen, Schlaglöcher, sollte jeder Motorradfahrer zu diesem Formular greifen, es ausfüllen, bei der zuständigen Polizeistation abgeben - und sich dies auch bestätigen lassen! Das ist lästig, macht Arbeit. Aber die lohnt sich, kann Menschenleben retten. Weil sie die Gefahrenstelle »aktenkundig« macht, die Ämter in Zugzwang bringt, da ihnen bei weiteren Vorfällen eine Vernachlässigung ihrer dienstlichen Aufsichtspflicht nachzuweisen ist. Joachim Schefflers tödlicher Sturz hätte so vielleicht vermieden werden können. Auf jeden Fall wäre es Straßenverkehrsbehörde und Polizei - Wachbuch hin, Dienstkladde her - schwerer gefallen, sich so einfach aus der Verantwortung zu stehlen. Den Meldebogen gibt’s auch bei motorradonline.de (Rubrik »Gesamtsuche«), wo zur Zeit daran gearbeitet wird, alle Hinweise auf Straßenschäden fürs Internet aufzuarbeiten. Je mehr Motorradfahrer sich beteiligen, desto detaillierter fällt diese Übersicht aus. Also den Meldebogen nicht nur der Polizei zukommen lassen, sondern auch MOTORRAD. Dann kann jeder in der Datenbank nachschlagen, ob der Streckenabschnitt, wo er in ernste Schwierigkeiten kam, bereits »aktenkundig« ist. Falls nein, sollten alle Biker sofort den Bogen raushaben; falls ja, erleichtert das die eventuelle Auseinandersetzung um Schmerzensgeld und Schadenersatz ungemein.Mit Forderungen nach Schadenersatz sah sich unlängst CBR 900-Fahrer Pierre Zündorf konfrontiert. Und zwar - er verstand die Welt nicht mehr - als Beklagter. Das Straßen- und Verkehrsamt Gerolstein gedachte allen Ernstes, 994,48 Mark für die Reparatur des Bitumenstreifens abzukassieren, auf dem er gestürzt war (MOTORRAD 20/2000). Nicht nur die Behörde wollte Geld, auch der Fahrer des Lkw, gegen den Zündorfs herrenlose Honda geknallt war. Der Trucker zog vor den Kadi. Am 13. Dezember 2000 entschied das Amtsgericht Daun: Klage abgewiesen. »Aufgrund des vorher nicht erkennbaren mangelhaften Zustands des Fahrbahnbelages war es ihm (Zündorf) nach der Überzeugung des Gerichts auch unter strengsten Sorgfaltsmaßstäben nicht möglich, den Sturz und den darauffolgenden Zusammenstoß mit dem Fahrzeug des Klägers zu vermeiden.« Mit seiner Schadenersatzforderung solle sich der Lkw-Fahrer an die »für den Straßenzustand verantwortliche Straßenverkehrsbehörde« wenden.Das hat Zündorf schon längst getan. Mit diesem Urteil im Gepäck dürfte sein Prozess, für den noch kein Termin bekannt ist, äußerst spannend werden. Auch der Gerichtsort steht noch nicht fest. Entweder Trier oder - Koblenz!

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