Bitumenprozess Scheffler (Archivversion)

Und noch mal von vorn

Schlampig gearbeitet habe das Koblenzer Gericht, als es die Behörden von aller Schuld am Tod des Joachim Scheffler freisprach, entschied das Oberlandesgericht. Jetzt muss die erste Instanz erneut ran.

Eine Klatsche für die Richter. »Entscheidungserheblichen Beweisangeboten« seien sie nicht nachgegangen, obwohl sie sich geradezu aufdrängten, »ohne nähere Begründung« habe die Kammer zugunsten des beklagten Landes Rheinland-Pfalz gefolgert, »bedeutsame Fragen« habe sie schnöde übergangen. In der Schule hieße das: Sechs, setzen, wiederholen. Für Gerhard Scheffler bedeutet diese Schelte der Richter des Oberlandesgerichts Koblenz an ihre Kollegen vom Landgericht keinen Triumph. Für ihn fängt die Tortur von vorne an. Und die dauert schon mehr als sieben Jahre. Er hat es satt zu beweisen, dass sein Sohn Joachim nicht zu schnell gefahren war, als er am 12. September 1994 auf der B 257 tödlich verunglückte. Auf einer Straße, die, selbst für Laien unübersehbar, glatt war wie eine Eisbahn. Auf der Tage später ein zweiter Motorradfahrer in den Leitplanken starb. Weil die Behörden dumpf weiter pennten. Er hat es erst recht deswegen satt, weil sogar das abgewatschte Gericht zugeben musste, dass Joachim nicht zu flott unterwegs war und die Reibwerte der Fahrbahn definitiv unter den Mindestwerten lagen. Dennoch lässt sich Gerhard Scheffler nicht entmutigen. »Meine Frau und ich wissen, dass wir unseren Sohn nicht zurückbekommen. Wir sind aber sicher, dass wir in seinem Sinn handeln und im Interesse jener, die heute noch begeistert Motorrad fahren.« Weil es Scheffler eben nicht nur um sein Recht, sondern um sichere Straßen für Motorradfahrer geht. Also wartet er erneut auf einen Termin. Einen paradoxen: die erste Instanz zum Zweiten. »Die Chancen stehen nicht schlecht«, meint sein Anwalt Jürgen Lachner. Der gehört zu den besten Verkehrsrechtsexperten der Republik. Noch wichtiger ist Scheffler allerdings die Unterstützung durch die Motorradfahrer. »Nicht allein im Gerichtssaal zu sitzen, das stärkt uns, meiner Frau und mir, den Rücken. Wir haben erleben müssen, welche furchtbaren Folgen solche Unfälle für Familien, nächste Angehörige oder Freunde haben. Das möchten wir anderen ersparen.«Scheffler leidet nicht im Stillen. Er kämpft. Die Trauer, den Schmerz lindert das nicht. Im Gegenteil: Sein Engagement verhindert alles Verdrängen, Vergessen.
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Bitumenprozess Scheffler (Archivversion)

Jürgen Lachner, Rechtsanwalt von Gerhard Scheffler, über den Koblenzer Prozess
Wie schätzen Sie das Urteil des OLG Koblenz ein?Als Teilerfolg. Der Senat hat darauf hingewiesen, dass das erstinstanzliche Urteil des Landgerichts Koblenz in keinem Fall Bestand haben könne, weil es eine umfangreiche Beweisaufnahme über die Frage der Unfallursache und das Verschulden unterlassen hat.Was für Fragen müssen denn noch geklärt werden?Letzten Endes alle. Zunächst geht es darum, ob das Reparaturverfahren generell geeignet war, einen ordnungsgemäßen Straßenzustand wiederherzustellen. Dazu soll ein gerichtliches Sachverständigengutachten eingeholt werden. Ein weiteres Gutachten soll klären, ob Joachim Scheffler ein Fahrfehler nachgewiesen werden kann. Als dritten Schritt muss das Gericht überprüfen, ob die nachgewiesene Glätte an der Unfallstelle von den Kontrollinstanzen hätte bemerkt werden müssen.Wie lange kann dieses Verfahren dauern, und wie sind die Erfolgsaussichten?Mindestens noch eins bis zwei Jahre. Die Erfolgsaussichten beurteile ich nach den bisher bekannten Fakten eher positiv.

Bitumenprozess Scheffler (Archivversion)

Gerhard Schefflers Sohn Joachim verunglückte auf Bitumenflickerei
Mit welchen Gefühlen sind Sie zur Verhandlung gefahren?Meine Frau und ich hatten die Hoffnung, nach über sieben Jahren endlich eine Entscheidung zu erleben.Sind Sie von dem Urteil enttäuscht?Ja. Es bedeutet für uns, noch einmal all die abwegigen und an den Haaren herbeigezogenen Einwände und Behauptungen der Gegenseite widerlegen zu müssen. Machen Sie weiter?Wir sind dazu entschlossen. Nicht in erster Linie wegen der Beerdigungskosten, wie der Vorsitzende Richter meinte. Sicher, auch die wollen wir zurück, obwohl sie nur einen Teil dessen ausmachen, was wir darüber hinaus aufwenden mussten. Es geht uns vor allem darum, dem Bitumenpfusch auf unseren Straßen ein Ende zu setzen, damit nicht weitere Motorradfahrer deswegen ihre Gesundheit oder gar das Leben verlieren.Diese Hoffnung haben Sie also nicht aufgegeben?Nein, auch weil so viele Motorradfahrer uns unterstützt haben. Unser besonderer Dank gilt all denen, die uns in Koblenz durch ihre Anwesenheit trotz des enttäuschenden Urteils neuen Mut gegeben haben.

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