Bitumenprozess (Archivversion) Die Chronik eines lang ersehnten Urteils

Harry Leugner stirbt 2002 bei einem Motorradunfall auf bitumengeflickter Straße. Daran kann niemand, auch kein Gericht mehr etwas ändern. Aber es kann zumindest seiner Witwe, fast sieben Jahre später, diese eine quälende Frage beantworten: Wer ist schuld?

Der Tag, der Steffi Leugner Gewissheit bringen sollte, beginnt wie jeder andere. Sie schickt erst ihren Sohn Max in die Grundschule und macht sich dann auf den Weg zur Arbeit. Alles ganz normal, bis zu diesem Telefonat. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Jakob Bochem, ihr Rechtsanwalt. Das Gespräch zwischen den beiden dauert nicht lang, aber lang genug, um Steffi Leugner fast aus der Fassung zu bringen. Als sie aufgelegt hat, muss sie sich erst einmal setzen. Ganz langsam begreift sie, was ihr Jakob Bochem soeben erklärt hat: „Wir haben gewonnen.“

Auf diese drei Worte hat Steffi Leugner fast sieben Jahre gewartet. Eine tonnenschwere Last fällt von der 32-Jährigen ab, eine Last, die sie seit dem 27. April 2002 mit sich herumgetragen hat. Gemeinsam mit Freunden des Roadrunner MC Frechen war ihr Mann Harry an diesem Tag bei einer Frühjahrstour mit etwa 50 km/h auf der regenfeuchten L 3053 zwischen Großaltenstädten und Erdaer Kreuz durch Mittelhessen unterwegs. „Als Harry, das dritte Glied in der Motorradkette, sanft die Stopper seiner BMW R 1100 GS Classic aktiviert, keilt das Hinterrad wild aus. Nicht mehr zu halten, der Boxer. Pilot und Maschine schliddern gen Gegenfahrbahn auf ein Auto zu ...“, berichtete MOTORRAD in Ausgabe 14/2002. Der 38-Jährige, der als routinierter Biker galt, erliegt auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen. „Ich habe gedacht, die Welt geht unter“, erinnert sich Steffi Leugner. Mann verloren, der gemeinsame Sohn war gerade anderthalb, sie in Elternzeit, und erst kurz vor dem Unfall hatte das Paar eine Wohnung in Frechen gekauft, Harry aber keine Lebensversicherung abgeschlossen. Schlimmer konnte es nicht kommen. „Doch für Max musste es so normal wie möglich weitergehen“, sagt sie, „da kam meine Kraft schnell wieder.“ Und mit ihr die Entschlossenheit, den Unfall nicht einfach so hinzunehmen.

„Ich wusste sofort, dass ich klagen musste“, erklärt Steffi Leugner rückblickend. Ein Rechtsanwalt war schnell gefunden: Jakob Bochem, langjähriger Kumpel von Harry Leugner und Freund der Familie. „Ich habe Steffi gesagt: Wenn du die Sache durchziehen willst, hast du meine Unterstützung, aber das wird kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Wie recht er haben sollte.

Dabei sprechen von Anfang an alle Indizien für Steffi Leugner. Das Land Hessen wusste lange um den miserablen Zustand der L 3053. Doch Warnhinweise der zuständigen Streckenwarte und auch der Eintrag von Leser Erhard Klein in der MOTORRAD-Bitumendatenbank wenige Wochen vor dem tragischen Unglück wurden ignoriert. Dass dann zwei Tage nach dem Unfall auf einmal Bewegung in die Sache kommt, wirkt nach außen wie ein Schuldeingeständnis. Am 29. April 2002 wird die L 3053 für Motorräder gesperrt. Weitere vier Monate später präsentiert sich das Teilstück zwischen Großaltenstädten und Erdaer Kreuz top saniert, als wolle das Land die Geschehnisse vertuschen.

Dafür ist es freilich zu spät. Aus einem Staßenzustands-, einem sogenannten SCRIM oder SKM-Gutachten geht hervor, dass die L 3053 am Unfallort zehn Tage nach Harry Leugners Tod einen Griffigkeitswert von µSKM gleich 0,22 aufweist, somit kaum mehr Grip bietet als eine nasse Stahlschiene. „Die Fahrbahn war blankes Bitumen“, erinnert sich Jakob Bochem an eine Ortsbesichtigung. Dennoch zögert er, eine Klage einzureichen. Noch fehlen ihm ein paar Fakten.

Deshalb setzt er auf einen juristischen Schachzug, stellt im Juni 2002 Strafantrag gegen unbekannt am Landgericht Limburg an der Lahn. Jetzt beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft mit dem Fall Harry Leugner. Bochem weiß: Sie arbeitet gründlich. Die Staatsanwaltschaft erstellt ihr eigenes, 36 Seiten starkes Gutachten von der L 3053. Darin heißt es, dass die Strecke nicht schneller als mit 30 km/h hätte befahren werden können, und selbst dann sei ein stabiles Fahrverhalten nicht gewährleistet gewesen. Hätte das Land Hessen rechtzeitig Warnschilder aufgestellt, das Tempo beschränkt, eine Klage wäre aussichtslos gewesen. So aber hat Jakob Bochem, drei Jahre nach dem Unfall, genug Munition beisammen.

Am 7. Mai 2005 ist die Zivilrechtsklage geschrieben, 22 Seiten dick, und auf dem Weg zum Landgericht Limburg. In ihr sind Ansprüche formuliert, die zu gleichen Teilen auf Steffi und Max Leugner als Hinterbliebene von Harry Leugner übergehen: Schmerzensgeld, Schadenersatz, Halbwaisenrente und ein Feststellungsantrag, damit das Land Hessen für alle zukünftigen finanziellen Schäden aufkommt, die Max entstehen, weil er nur noch einen Elternteil hat.

Es kommt zu einer ersten mündlichen Anhörung im Mai 2006, ein Jahr später. Ein Gutachter ist geladen, der die verschiedenen Verfahren zur Ermittlung von Fahrbahngriffigkeiten vorstellen soll. Seinen Ausführungen traut man nicht. Ein neuer Gutachter muss her. Die Zeit verrinnt, Monate gehen ins Land. Steffi Leugner fühlt sich hingehalten. „Ich habe zwischenzeitlich mehr an die Unschuld einer Hure geglaubt als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz“, gesteht sie heute. Nur an Aufgeben hat sie nie gedacht, „nicht, solange die Rechtsschutzversicherung zahlt. Wer Krieg haben will, kann ihn haben“, gab sie sich immer wieder betont kämpferisch.

Ihr Durchhaltevermögen zahlt sich aus. Auf den Tag genau 1292 Tage nach Klageerhebung erlässt das Landgericht Limburg, 1. Zivilkammer, ein Grund- und Teilurteil, das MOTORRAD vorliegt. Darin heißt es auf Seite sieben: „Vorliegend hat die Beklagte (das Land Hessen, Anm. d. Red.) ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt, indem sie notwendige Schutzmaßnahmen unterlassen hat, wodurch der Tod von Herrn Leugner verursacht wurde.“ Und auf Seite zehn steht: „Ein Mitverschulden des verstorbenen Herrn Leugner am Zustandekommen des tödlichen Verkehrsunfalls gemäß § 254 BGB liegt nicht vor.“ Damit ist die Schuldfrage geklärt und auch, dass Steffi und Max Leugner 6000 Euro Schmerzensgeld und 9000 Euro Schadenersatz erhalten. Nur die Höhe der Halbwaisenrente muss noch einmal neu berechnet werden, deshalb handelt es sich um ein Teilurteil. „Ich gehe davon aus, dass die endgültige Entscheidung des Gerichts in erster Instanz Mitte 2009 rechtskräftig wird. Das Strafrechtsverfahren ist bis dahin zurückgestellt“, erklärt Rechtsanwalt Bochem, für den damit der „emotional schwierigste Fall seiner Karriere“ vorerst zu Ende geht. Ein Fall, der durch Gutachter, Gerichts- und Anwaltskosten bislang mindestens 6000 Euro verschlungen hat.

Bis vier Wochen, nachdem das rechtskräftige Urteil den streitenden Parteien zugestellt wurde, hat das Land Hessen die Möglichkeit, in Berufung zu gehen. „Ich habe ein Fünkchen Hoffnung, dass das Land darauf verzichtet“, sagt Steffi Leugner. Es wäre ihr zu wünschen.

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