BMW-Boxer-Cup (Archivversion) Flugmaschinen

Spätestens, wenn die Gliedmaßen propellerartig rotieren, erinnert man sich daran, dass BMW einst mit Flugmotoren begann. MOTORRAD-Redakteur und Gastfahrer Guido Stüsser hob mit seiner R 1100 S in Daytona ab.

Das erste freie Training. Dass ich mich so richtig wohl fühle, kann ich nun wirklich nicht behaupten. Sind einfach zu viele unbekannte Dinge auf einmal für mich: Rennstrecke, Motorrad, Kombi, Helm und Handschuhe. Immerhin, ein Gutes hat die vertrackte Chose: Meine Marschroute für das erste freie Training des diesjährigen Auftakts zum BMW-Boxer-Cup in Daytona steht längst fest. »Bloß nichts riskieren, freunde dich mit der Strecke an. Vor allem mit den Steilkurven. Lerne das Motorrad kennen und wachs in die Klamotten hinein«, beschwichtige ich mich bei meinem Auftritt als Gastfahrer selbst.So hänge ich mich in der ersten Runde an zwei US-Boys ran, die es etwas gemächlicher angehen lassen und von den Steilkurven genauso beeindruckt sind wie ich. Sie halten sich jedenfalls brav in der Mitte, wagen sich nicht nach oben an die Mauer. Vier Runden später aber sticht mich der Hafer. Das schöne Wetter und der donnernde Boxer unter mir schalten den Verstand aus. »Schnapp sie dir!«, lautet nun die Devise. Ende der Zielgeraden ranbremsen, in der nächsten schnellen Links außen vorbei, um den beiden mal zu zeigen, wo ein echter Racer vor der Spitzkehre den Bremspunkt setzt. Das Ranbremsen an die beiden Jungs funktioniert bestens, beim Beschleunigen aus der Ecke sitze ich ihnen im Nacken. Als ich jedoch in der schnellen und nicht einsehbaren Linkskurve neben ihnen auftauche, muss ich feststellen, dass sich die Kurve enger zuzieht, als ich das in Erinnerung hatte. Ein kleiner Ausflug in die Wiese lässt sich nicht vermeiden, was ein kurzes, heftiges Lenkerschlagen provoziert. Ich bleibe trotzdem voll am Gas – schließlich will mir keine Blöße geben - und kriege vor den beiden Amis wieder Asphalt unter die Räder. Bei ungefähr 160 Sachen schnellt mein Puls schlagartig auf 200 hoch.Okay, das war zwar heikel. Aber letztlich hat es doch gut geklappt. Und so nehme ich mir vor, den Amis in der direkt darauf folgenden 180-Grad-Rechts mal zu zeigen, was eine Harke ist. Ein gutes Stück später als in der Runde zuvor werfe ich den Anker. Besser gesagt: will ich den Anker werfen. Denn nichts passiert! Ich ziehe den Hebel bis zum Griff, Verzögerung gleich null. »Die Bremse hinten!« schießt es mir fast panisch durch den Kopf. Mit stehendem Hinterrad rutsche ich auf die Spitzkehre zu – und habe schätzungsweise immer noch 120 km/h drauf, als ich den Einlenkpunkt der Kurve passiere, die etwa 60 km/h erlaubt. Für einen kurzen Augenblick überlege ich, ob ich die ganze Fuhre einfach abwinkeln soll. Nein, das geht ganz bestimmt schief. Also zögere ich den unvermeidlichen Sturz noch etwas hinaus, halte das Motorrad aufrecht und rutsche auf den letzten 15 Meter Asphalt, die mir noch bleiben, wild schlingernd Richtung Wiese und Reifenstapel. Bloß nicht ungespitzt darin einschlagen. Doch schon löst sich dieses Problem von allein. Mit blockierendem Hinterrad trennen sich die Wege von mir und meiner BMW schlagartig auf der feuchten Wiese. Kurz bevor ich in die Strohballen rausche, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie die BMW sich spektakulär überschlägt. Sie ruhe in Frieden.Ich bleibe - Gott sei Dank – unversehrt. Noch nicht wieder auf den Beinen, wird mir klar, warum die Bremse versagt hat. Durch das Lenkerschlagen haben sich die Kolben in den Bremssätteln zurückgedrückt, und ich hätte ein paar mal pumpen müssen, um wieder Druck aufzubauen. Sauer auf mich selbst und mit schlechtem Gewissen kehre ich in die BMW-Box zurück. Nach diesem spektakulärem Beginn und der Beisetzung meiner ersten BMW wird ein zweites Bike für mich bereit gemacht. Peinlich, als Gaststarter bereits nach vier Runden einen Schrotthaufen abgeliefert zu haben. Meine Angriffslust kühlt merklich ab, und ich versuche, mich mit den Tücken der Steilwandkurve vertraut zu machen. Kein leichter Job. Sich in der Mitte zu halten geht ja noch relativ locker, aber auf so einer Topspeed-Strecke musst du den Hahn aufdrehen. Also Windschatten suchen. Doch die Kollegen fahren ganz oben an dieser verdammten Mauer, und das finde ich immer noch gar nicht witzig. Kaum hängst du dich an jemanden dran, fängt die BMW aufgrund der Turbulenzen leicht zu pendeln an. Und so bei über 200 km/h einen Meter neben der Begrenzung entlangzurasen, bedarf, gelinde ausgedrückt, schon einer gewissen Gewöhnung. Die Angst, irgendwann an der Betonwand zu zerschellen, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Erst nach vielen Runden fängt die Sache an, Spaß zu machen, und ich bin froh, auf einer BMW und nicht auf meiner letztjährigen Superstock-GSX-R 1000 zu sitzen. Gut 200 km/h reichen für meinen Adrenalinkick in der Steilwand völlig aus. Mein Respekt vor den amerikanischen Superbike-Cracks, die sich bei über 250 km/h dort oben Windschattengefechte leisten, steigt von Runde zu Runde. Das erste Zeittraining. Das Gefühl, in die Bremse zu greifen und nichts passiert, hat doch nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Platz 40 von 47 Startern - nicht unbedingt die Startposition, die ich mir vorgestellt habe. Nach intensivem Studium der einzelnen Sektorzeiten wird mir klar, wo ich Zeit verliere. Überall! Markus, mein Fotograf bestätigt’s: »Sieht ja nicht schlecht aus, wie du fährst, aber die anderen sind einfach schneller!« Na super, der hat leicht reden. Der kann sich gar nicht vorstellen, wie sich so ein Boxer mit der unkonventionellen Telelever-Vorderradgabel auf der Rennstrecke fährt. Kaum Bremsnicken, wenig Feedback vom Vorderrad-Reifen - wer, so wie ich, bisher nur »normale« Rennmotorräder pilotiert hat, muss, um passable Rundenzeiten auf den Asphalt zu brennen, vor allem eins: trainieren, trainieren, trainieren. Auch mein MOTORRAD-Mitstreiter Markus Barth schaut nach seinem zehnten Platz alles andere als zufrieden aus, hatte er doch im freien Training die schnellste Zeit für sich verbucht. Das zweite Training fällt wegen eines heftigen Unwetters wortwörtlich ins Wasser, und mir gehen wertvolle Runden verloren. Es scheint nicht mein Tag zu sein.Wenigstens läuft’s im Rennen dann doch ganz gut. Ich habe zwar immer noch großen Respekt vor der Mauer der Steilwandkurve, aber ich traue mich jetzt ganz nach oben und kann meine Rundenzeit im Vergleich zum Training um vier Sekunden verbessern, was mich, durch einige Ausfälle begünstigt, auf Platz 27 vorstoßen lässt. Markus mischt munter an der Spitze mit und kann nach vielen Positionswechseln hinter Sieger Roberto Panichi und dem Amerikaner Brian Parriot Rang drei für sich verbuchen. Mein Fazit: Ich komme wieder, ganz bestimmt, aber mit einer alten Lederkombi. Und vorher trainiere ich ganz intensiv mit der BMW. Dann geht’s nur noch an der Mauer lang.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote