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Board Track-Rennen Auf dem Holzweg

Mit bis zu 200 km/h und ohne Bremsen durch die holzbeplankte Steilwand - so sahen vor rund 100 Jahren die beliebtesten Motorradrennen in den USA aus. Der Wahnsinn dauerte nur knapp 20 Jahre, aber ein paar Enthusiasten halten die Erinnerung am Leben.

Bremsen sind völlig überbewertet. Das gilt auch fürs Getriebe samt Kupplung. Genauso entbehrlich sind Vorder- und Hinterradfederung. Und wofür soll eine sensible Gasannahme gut sein? Das Motto lautet immer und überall: Vollgas! Wer partout langsamer werden möchte, soll gefälligst den Kurzschlussknopf drücken. Nur bitte nicht zu lange, denn dann verölen die Kerzen, und das Rennen ist vorzeitig zu Ende. Ach ja, bevor wir es vergessen: Der Holzbelag ist ziemlich rutschig, die Verlustschmierung fordert nun mal ihren Tribut. Die zwischen den Rennläufen erfolgende Laugendusche macht die Bretter nur bedingt griffiger, verätzt einem dafür aber bei den anschließenden Windschattenduellen das Gesicht. Helme? Gibt‘s noch nicht, aber die Fahrer tragen immerhin todschicke Lederkappen, die ursprünglich für Footballspieler gedacht waren. Die passen auch ganz gut zu den mit den Motorradmarkennamen bestickten Pullovern, die den Oberkörper im Falle eines Sturzes aber nur sehr bedingt vor Holzsplittern und Nägeln schützen.
Das klingt nach Wahnsinn? Das ist der Wahnsinn, aber in den Vereinigten Staaten von Amerika der 1910er- und 1920er-Jahre völlig normal. Board Track-Racing heißen die modernen Gladiatorenkämpfe, die bis zu 80000 Zuschauer in ihren Bann ziehen. Gefahren wird auf kreisrunden oder ovalen Holzbahnen mit bis zu 62 Grad überhöhten Steilkurven. Und das teilweise sogar nachts. Gleißende Bogenlampen erhellen die Bahn, aus ultrakurzen Auspuffkrümmern schießen blaue Flammen, und die völlig ungedämpften 1000-Kubik-Motoren sorgen zusammen mit den übers Parkett polternden Wulstreifen für eine infernalische Geräuschkulisse. Die kürzesten Strecken messen gerade mal eine halbe Meile (800 Meter) und sind praktisch eine einzige Steilwand; die längsten kommen auf zwei Meilen (3,2 Kilometer) mit zwei langen Geraden. Mindestens 24 Bretterbahnen werden bis 1929 gebaut, länger als vier, fünf Jahre ist kaum eine in Betrieb. Board Tracks sind zwar schnell und vor allem günstig zusammengenagelt - sie kosten nur in etwa ein Siebtel vergleichbarer konventioneller Rennbahnen -, aber sie verschleißen auch extrem schnell. Taugliche Holzschutzmittel sind noch unbekannt, und der ständige Wechsel aus Öl- und Laugendusche macht die Sache nicht besser.

Zu Beginn der Board Track-Ära dominieren US-amerikanische Marken wie Excelsior, Thor, Pope, Flying Merkel, Cyclone und vor allem Indian. Harley-Davidsons Erzrivale bringt ab 1911 sogar einen Achtventiler an den Start. Und was macht die Truppe aus Milwaukee? Die schläft den Schlaf des Gerechten, beschränkt sich auf die Teilnahme an Zuverlässigkeitsfahrten, verteufelt in offiziellen Stellungnahmen die lebensgefährliche Raserei auf Rennstrecken und muss mitansehen, wie ihr die (Marketing-)Felle davonschwimmen. Einige Privatfahrer beweisen der Company derweil, dass eine Harley-Davidson durchaus fürs Rennfahren taugt. 1913 ist es dann doch endlich so weit: Unter der Leitung des genialen, von Thor abgeworbenen William „Bill“ Ottaway entsteht eine offizielle Harley-Davidson-Rennabteilung. Knapp drei Jahre dauert es, bis sich das Werksteam im Rennzirkus durchgesetzt hat, doch ab 1916 fährt die von einem Journalisten mit dem Kampfnamen „Wrecking Crew“ (in etwa „Abwrack-Manschaft“) titulierte Truppe alles in Grund und Boden.
Die Fahrer sind junge Burschen, die jüngsten gerade mal 14 Jahre alt, die ältesten kaum älter als Anfang 20. Ihre Lebenserwartung ist unterdurchschnittlich, immer wieder kommt es in den Holzkesseln zu tödlichen Unfällen, die auch unter den Zuschauern Opfer fordern. Doch die Verdienstmöglichkeiten sind dermaßen überdurchschnittlich, dass sie für manchen -Teufelskerl eine lebensverneinende Grundhaltung rechtfertigen. Während ein Industriearbeiter von rund 50 Dollar Monatsverdienst leben muss, kämpfen die „Daredevils“ um Preisgelder von 500 bis 1000 Dollar - pro Rennen. Für ein nettes Einfamilienhaus muss man damals 1500 bis 2000 Dollar anlegen, eine nagelneue Harley gibt es ab 200 Dollar. Die Stars der Board Track-Szene kommen auf Jahresgehälter von 20000 Dollar - wenn sie denn über-leben. Der Erste Weltkrieg sorgt für eine Zwangspause, Anfang der 1920er-Jahre feiert der Board Track-Zirkus noch ein kurzes, heftiges Comeback. Doch danach geht es steil bergab, der Motorsportverband zieht die Notbremse, die „Murderdromes“ verfallen, und im Frühjahr 1928 geht dann das letzte offizielle Rennen über die Bühne.

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Foto: Wolf
Rund 100 Kilo Motorrad treffen auf einen Fahrer mit Lederhose und -stiefeln, Team-Pullover und Footballspieler-Lederkappe. Alles zusammen ist bis zu 200 km/h schnell.
Rund 100 Kilo Motorrad treffen auf einen Fahrer mit Lederhose und -stiefeln, Team-Pullover und Footballspieler-Lederkappe. Alles zusammen ist bis zu 200 km/h schnell.

Die bis heute populären Dirt Track-Rennen lösen das Kesseltreiben ab, die Board Tracker werden verschrottet oder für den Flachbahnbetrieb auf losem Untergrund umgebaut. Das erklärt, warum es heute praktisch keine Originale mehr gibt. Auch die beiden heute noch existierenden Achtventil-Harley-Werksrenner des legendären Jahrgangs 1916 (in dem nur sechs Achtventiler gebaut wurden) bestehen nur noch zum Teil aus Originalteilen. Ein (nicht fahrbereites) Exemplar steht im Harley-Museum in Milwaukee; das zweite (fahrbereite!) Schätzchen gehört Thomas Trapp, dem Geschäftsführer und Mitinhaber der Harley-Factory in Frankfurt am Main. Der 54-jährige Urhesse ist zusammen mit seinem Sohn Eric Teil der German Wrecking Crew, einem Zusammenschluss von Board Track-Fans, die ihre Schätze nicht nur besitzen, sondern auch fahren wollen. In den USA gibt es heute keine Rennstrecken mehr, auf denen Board -Tracker artgerecht bewegt werden können, doch in Deutschland und im benachbarten Ausland existieren noch einige der in den 1950er-Jahren populären Zementbahnen und sogar noch eine Holz-Radrennbahn. Auf einigen dieser Pisten lassen es die deutschen Board Tracker regelmäßig krachen. 2013 zum Beispiel am 20. und 21. April in Montlhery/ Frankreich, am 8. Juni in Darmstadt und am 14. September in Bielefeld. Live kann man vier der Racer auch ganzjährig in der Dauerausstellung der Harley-Factory bewundern (www.harleyfactory.de). Unter dieser Internetadresse sind auch eine sehr ausführliche Board Track-History und Links zu historischen Filmen zu finden.

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