Bremer Umfaller (Archivversion) Rechtsstaat für Linksabbieger

Auf einer belebten Kreuzung mitten in Bremen rutschte Hans-Ulrich Polenz seine VFR weg. Und er mitten hinein in die Mühlen der Bürokratie. Ein Lehrstück.

Polenz wusste nicht, wie ihm geschah. Als die Ampel auf Grün schaltete und er in den zweiten Gang, um mit seiner VFR links abzubiegen, wurde er, sagt Polenz, »wie vom Blitz getroffen auf die linke
Seite geschleudert«, schlidderte quer über Fahrspur und Fußgängerüberweg auf eine Bordsteinkante zu.
Unter den vielen Passanten an der Kreuzung von Ebert-, Pappel- und Gastfeldstraße fand sich immerhin einer,
der Polenz half, wieder auf die Beine zu
kommen, und der auch sah, was Polenz sah. Dass die VFR auf einer Flickstelle
inmitten von Straßenbahnschienen ihren Abweg genommen haben musste.
Als endlich die Polizei erschien, machte Polenz einen Fehler. Er erzählte den
Beamten, dass er, Stunden zuvor, die
Reifen habe wechseln und die hinteren Bremsbeläge erneuern lassen. Für die Ordnungsmacht war die Unfallursache darob subito klar. Woraufhin Polenz sich
zu einem zweiten Fehler verleiten ließ. Er wurde laut. Laut, als er darauf hinwies, dass er die Dunlop Arrowmax wie ein Profi eingefahren habe, 113 Kilometer lang, was auf seinem Tacho leichthin abzulesen sei. Laut, als er den Polizisten die Reparaturstelle auf der Kreuzung zeigte. »Ich habe sie nicht angeschrien«, erklärt Polenz, »viel-
mehr war ich gezwungen, meine Stimme etwas anzuheben, weil direkt neben uns reger Verkehr vorbeirauschte.«
In solchen Fällen verrutschen die
Wahrnehmungsebenen, nicht nur was
das Gehör anbelangt, mitunter leicht. Hier die Beamten, die einen Bagatellschaden protokollieren, der sich für sie wie von selbst erklärt: die nicht eingefahrenen
Reifen; dort der Betroffene, Hans-Ulrich Polenz, der einen, das vermutet er, Bitumenstreifen für seinen Sturz verantwortlich macht. Und für den dieser Bagatellschaden alles andere als eine Bagatelle darstellt: Weil Polenz keinen Job hat, wieder bei seiner Mutter lebt, im Clinch mit der Agentur für Arbeit liegt. Weil er die Umschulung zum Zweiradmechaniker, seinem Traum-
beruf, abgebrochen hat: »Ich habe es mit
diesem Meister nicht mehr ausgehalten.« Weil er zum ersten Mal in seinem Leben aufs Sozialamt musste. Weil die VFR sein ein und alles war. Polenz ist 43 Jahre alt.
»Ihrem Schreiben haben wir entnommen, dass Sie viel Zeit und Geld in
Ihr Motorrad investiert haben. Der Unmut, dass dieses Motorrad nunmehr beschä-digt ist, ist daher nachvollziehbar«, wird
die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) Polenz zugestehen. Um dann hinzuzufügen: »Nicht nachvollziehbar und zu tolerieren ist die Art und Weise, mit der Sie
die Verfolgung der gegen uns gerichteten Ansprüche betreiben.«
Da sind sie wieder, diese unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen. Auf Seiten der Verwaltung, die jedwede Störung
des ordnungsgemäßen Laufs der Dinge
als Angriff auf sich selbst, ihre Autorität, Kompetenz und Würde interpretiert. Und auf Seiten Polenz’, der bestreitet, sich im Ton vergriffen zu haben. Der das vielleicht gar nicht bemerkt, weil es für ihn um Existenzielles geht, um sein Motorrad. Darum kämpft er, mit allem, was er hat. Und
das sind in erster Linie Worte. Worte, die
er loswerden muss. Argumentierend und, wenn das nicht hilft, penetrierend. So
lange, bis ihm einer zuhört oder zumindest so tut als ob. Damit er Ruhe gibt.
Doch damit kommt bei Polenz kaum einer durch. Der gibt keine Ruhe. Eine
Million Kilometer habe er auf Motorrädern zurückgelegt, mindestens, sagt er, und dass er keine Punkte in Flensburg, keinen einzigen Unfall selbst verschuldet habe. Dass das Motorrad sein einziges Vehikel sei, um mobil zu bleiben. Dass er mobil bleiben müsse, um wegzukommen aus Bremen, am besten in den Süden, zu den interessanten Strecken, und dass er dort gerne arbeiten würde, am liebsten in der Motorradbranche. Natürlich ließe sich an der VFR noch was machen, meint Polenz, und das würde er auch selbst hinkriegen. Kriegt er aber nicht hin, weil ihm die entsprechenden Räume fehlen und das Geld. Geld, das ihm die BSAG vorenthalten will. Jene BSAG, die tatsächlich glaubt, einem Motorradfahrer wie Polenz vorwerfen zu können, seine Reifen nicht oder falsch eingefahren zu haben. Die Reifen, die Muttern ihm spendiert hat. Mutter,
die frühmorgens zum Putzen in eine Arztpraxis geht, weil die Rente sonst nicht reicht. Polenz muss einfach reden. Weil er das alles sonst nicht aushalten würde.
Er telefoniert mit Hinz und Kunz. Und also auch mit der Beratungsstelle des Bundesverkehrsministeriums in Berlin, will wissen, wer eigentlich zuständig sei. Der Senator in Bremen, weil die Unfallstelle, wenngleich auf Straßenbahngelände, auch öffentlicher Verkehrsraum sei, oder doch die BSAG?
Als Antwort erhält Polenz ein lapidares »Sowohl als auch«. Und damit beginnt sein, so sagt er, »Spießrutenlauf«. Bei der Straßenbahn versicherte man ihm fernmündlich, die Unfallstelle abzusperren.
Polenz’ Mutter hört über Lautsprecher mit und wundert sich, als dieselbe Sach-
bearbeiterin später schreibt, ein solches
Versprechen sei nie gegeben worden.
Zuerst hieß es: Ja, diese Ausbesserung kam uns schon im Januar verdächtig vor, später dann kommt die Auskunft: alles bestens, dort ist nie was passiert. »Wir haben keinen Zweifel daran, dass ein Belag, so wie uns zugesichert wurde,
entsprechend den bautechnischen Vorgaben benutzt wurde. Es handelt sich nicht um Bitumen, sondern Beton, wie er an zahlreichen Örtlichkeiten innerhalb der Stadt verwendet wird.«
So kam, was kommen musste: Die BSAG wies Polenz’ Antrag auf Schadenersatz in Höhe von 2700 Euro zurück. Und als auch eine außergerichtliche Einigung scheiterte, stellte sich Polenz beim Rechtspfleger in die Schlange, griff einen Schein für kostenlosen juristischen Beistand ab. Als klar war, dass die Sache vor dem Kadi landen könnte, gab die BSAG ein Gutachten in Auftrag. Daraus ging
hervor, dass der Beton stümperhaft verarbeitet wurde, worauf die BSAG, was ansonsten selten vorkommt, keine Zicken machte mit Gegenexpertise und Pipapo. Polenz erhielt umgehend 2900 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld, verscherbelte die Unfall-VFR, legte sich eine Yamaha XJ 900 zu. Derweil wiederum drängt die BSAG bei der Baufirma, die den Murks gemischt und verbreitet hat, auf Regress.
Wäre Polenz nicht so penetrant gewesen, würde er heute nicht Motorrad fahren, und auf der Kreuzung hätten sich vielleicht noch mehr Unfälle ereignet. Das ist die eine Seite. Auf der anderen steht eine Struktur, eine Verwaltung, die – wie der Fall Polenz zeigt – es dem Einzelnen verdammt schwer macht, zu seinem Recht zu kommen, ihm aber prinzipiell die Chance dazu gibt. Immerhin. Polenz hat unlängst seinen Hartz IV-Antrag abgegeben, hofft freilich, auf die Stütze verzichten zu können. Er wolle arbeiten, unbedingt, sagt er, und jetzt sei er ja auch wieder mobil.

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