Broncos MC Rostock: Porträt (Archivversion) Weg-Werft-Gesellschaft

Als die Broncos anfingen zu baggern, gingen in Rostock die Lichter aus. Ein Hauptstromkabel hatte sich unter den 10 000 Quadratmetern rund ums Clubhaus verlaufen. Und ein Member diese Kupferader zielsicher angestochen. So kam’s, daß Toitenwinkel, dieser heimeligste unter den sieben Rostocker Plattenbaubezirken, der das Privileg genießt, die »Loge« der Broncos benachbarn zu dürfen , heute die kinderreichste Siedlung der gesamten Republik ist. Die Rente wird immer sicherer. Den Broncos sei Dank. Um die Loge machen sich 10 000 Quadratmeter breit. Verdünnisiert haben sich dagegen Wasser und Strom. Weswegen ein Dieselaggregat sonorig brummt. Und des winters ein romantisches Feuer den Wassertank vorm Einfrieren schützt. Die Stadt Rostock, Eignerin des Areals, hat Besserung gelobt. Freilich schon vor Jahren. Drinnen steht ein stets umlagerter Billardtisch rum, eine Bühne, auf die fast alle Bands aus Rostock und Umgebung scharf sind, gute Stimmung ist garantiert, und Bier fließt zu sozialen Preisen. Zeiten gab’s, da hießen die Broncos noch Stormbringers. Biker in der DDR? Mit Kutten, heißen Öfen und allem drum und dran? »Klar, gab’s das«, erzählt Ruß. »Was dazugehört, haben wir aus Videos und Zeitschriften erfahren, die aus dem Westen rübergeschmuggelt wurden.« Viertakter mußten her - AWO-Motoren aus Suhl, um die herum wahre Kunstwerke entstanden. Die freilich auch für ausgedehnte Urlaubstrips taugten. Mit Vorliebe nach Ungarn, wo es im Wendesommer 1989 zu einer folgenreichen Begegnung kam: Die Stormbringers trafen auf das deutsche Chapter der Broncos, einem MC aus der Schweiz. Da wurden Biere vernichtet, Freundschaften geschlossen, Adressen ausgetauscht. Zunächst ohne Folgen. Bis der dicke Tom, einer von dreien gleichen Namens im Club, Monate später zu einem mit Telefonnummer getunten Streichholzbriefchen griff - die Durchwahl eines Broncos. Anrufen, Besuch ausmachen, feiern und sich immer besser verstehen. Das war die erste Konsequenz. Die zweite: selber Bronco werden. »Die waren so, wie wir uns einen MC immer vorgestellt haben.« Wer mit der Szene nichts am Hut hat und lieber abgelutschten Vorurteilen frönt, sollte den Kontakt mit den Broncos tunlichst meiden. Sie könnten sein Weltbild verändern. Weil die Jungs Witz und auch sonst eine ganze Menge im Kopf haben. Howie, Presi des Clubs, jobbt als Sozialarbeiter in Lichtenhagen, Rostocks berüchtigtstem Plattenbauareal. Vor drei Jahren machten hier tümelnde Spießer Jagd auf Asylanten und Rostock auf die allerdümmlichste Weise weltweit bekannt. Der dicke Tom, Immobienmakler von Beruf hatte sein Büro in dem Haus, in dem sie Lunte legten. Er hetzte durch den Qualm, wollte retten, was noch zu retten war, schaute durchs verrußte Glas hinab auf den grölenden Mob. Worauf nicht nur ihn das große Kotzen überkam. Danach floß Kohle fürs Soziale nach Lichtenhagen. Ein Jugendzentrum mußte her. Und Howie, gelernter Schweißer auf einer Rostocker Werft, fand dort einen neuen Job. »Die wollten Leute aus sogenannten Randgruppen haben, um die Kids zu integrieren. Dort arbeiten Glatzen, Anarchos und eben Typen wie ich.« Sein Chef hätte es gern, wenn Howie in Kutte zur Arbeit erschiene. Macht er aber nicht: »Ich bin kein Aushängeschild.« Wenn er Zeit und Lust hat, organisiert er für die Kids einen Trip auf der Pinta. Die Pinta, das ist ein 40 Jahre alter Fischkutter, an dem Howie früher selbst beteiligt war. »Nach der Wende dachten wir, daß mit so einem Schiff Geld zu machen wäre.« Zusammen mit Micha, Dreher von Beruf und das schrauberische Genie der Broncos, investierte er alle Mark in den alten Kahn. Riesenschifferöffnungsparty im alten Rostocker Hafen. Bierausschank, Grill. Lief alles prima. Sogar so primissima, daß Micha und Howie sich noch den Schluck extra auf ihren Erfolg gönnten, um sich am Morgen danach völlig verkatert in die Augen zu blicken. »Du hast doch sicher die Tageseinnahmen gebunkert«, nölte Micha. »Ich dachte, du hast sie«, gähnte Howie zurück. Weg waren sie. Geklaut. »Da ist mir irgendwie klar geworden«, grient Howie, »daß wir mit dem Schiff nie und nimmer reich werden.« Er stieg aus, und Micha gründete den »Verein zur Rettung bedrohter Schiffe«. »Manchmal kommt es mir vor«, schmunzelt Andreas, ein blonder Hüne, der sich als Trucker verdingt, »als liebe er den Schiffsdiesel mehr als die Big Twins aus Milwaukee.« Schwermetallenes fahren die Broncos summa summarum. »Wir waren vermutlich der erste Ostclub, der komplett auf Harley umgestiegen ist«, meint Howie. Die alten AWO, mit denen alles anfing, wurden verkloppt. »Die Szene hat sich nach der Wende gespalten«, bedauert Ruß. »Da gab’s Typen, die nur für ihr Motorrad leben wollten, und dann eben noch uns.« Für die Broncos wäre es unvorstellbar, lediglich fürs Bike zu arbeiten. »Wenn du tagsüber nur auf den Feierabend hin malochst, dann gerät das Motorrad zum Fluchtgegenstand«, weiß Howie. Broncos hegen den Traum von der nichtentfremdeten Arbeit. »Du willst dich doch auch im Job verwirklichen. Als ich mein Examen als Ingenieur in der Tasche hatte, bin ich in einen Laden geschickt worden«, gruselt es den dicken Tom noch heute, »in dem zwei Techniker rumsaßen, die ebenfalls nichts zu tun hatten.« Fürchterlich hat er sich gelangweilt. Weil’s keine neuen Schiffsmotoren zu entwickeln gab. Nach der Wende schmiß er alles hin, arbeitete sich zum Immobilenmanager herauf. Der kleine Tom steht jetzt noch ab und an in seinen Diensten. »Keine Probleme«, meint er. »Im Club sind wir gleichberechtigt. Da spielt das Abhängigkeitsverhältnis tagsüber überhaupt keine Rolle.« Zumal sich diese profanen Bande demnächst eh zur Gänze auflösen werden. Zwei Jahre hat der kleine Tom in Lörrach das Tätowieren gelernt. Jetzt macht er seinen eigenen Laden auf. In Rostock, wo sonst. Den langen Tom hat’s nach Schwaben verschlagen. Bei einem Dragsterrennen interessierte sich ein süddeutscher Motorradveredler für Toms ganz spezielle Lachgaseinspritzung. Jetzt sind die beiden Partner und peppen Kawasaki-Chopper höchst offiziell auf. Aber jedes Wochenende braust der Ingenieur sieben Stunden nach Rostock rauf und sieben Stunden wieder runter. Marco hat’s da nicht ganz so weit. Er verdient Brötchen und Benzin als Fahrer im Rostocker Zoo. Ruß hat Schiffsmaschinist gelernt, kam mit der volkseigenen Flotte bis nach Tokio. Fernweh - kein bißchen. Heimweh - jede Menge. Er wollte immer so schnell wie möglich zurück. Nach Rostock. Zu seinem Club.

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