Buchbesprechung (Archivversion) Mobil-Machung

Ein Roman über Gewalt in der Weimarer Republik müsse unbedingt in der Motorradrennszene spielen, meinen die Autoren von »Deutsche Meisterschaft«. Womit sie vielleicht sogar Recht haben.

Der Direktor der Nürnberger Victoria-Werke sieht im Motorrad ein politisches Vehikel: »Das ganze Volk wird
motorisiert werden, die Deutschen werden näher zusammenrücken. Wieder zu einem einheitlichen Ganzen. Die Motorisierung wird den Versailler Schandvertrag früher oder später überrollen.«
Falk von Dronte fährt Rennen auf
Victoria. Victoria heißt Sieg. Die optimale
Maschine für einen Verlierer. Ein verzärteltes, arrogantes und deutschnational gesinntes Jüngelchen aus gutsbesitzerlichen Kreisen, das unter dem Trauma leidet, die Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs nicht erlebt zu haben.
Arno Lamprecht saß im Schützengraben. Und irgendwie befindet er sich da immer noch. Weil er die Greuel, die Schrecken nicht vergessen kann. Es sei denn im Suff oder auf dem Motorrad. Lamprecht fährt Sarolea, ein belgisches Fabrikat. Klar, dass Lamprecht, der vaterlandslose Prolet, und Dronte, der nationalistische Herrenfahrer, aneinander geraten bei den Rennen zur Deutschen Meisterschaft 1926. Zumal es da noch Thea gibt. Thea Bock, liiert
mit Falk, interessiert an Arno. Thea, das Boxenluder.
Nicht nur auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien diese Figuren, die Protagonisten des Romans, konstruiert. Und man ahnt auch, warum sie just so sind,
wie sie sind. Typen eben, Typen, die unterschiedliche soziale und politische Lebenswelten repräsentieren. Doch das stört nicht weiter. Weil Romanfiguren eh alle konstruiert sind und hier die Konstruktion, und sei sie noch so holzschnittartig, funktioniert.
Was sehr wohl damit zusammenhängen mag, dass die Autoren Richard Birkefeld und Göran Hachmeister früher als Historiker gearbeitet haben. Mit ihren Romanen wollen sie nun die Lücken füllen, »die sich in der Erforschung eines historischen Sachverhalts durch fehlende Quellen ergeben«. Klingt theoretischer, als es sich letztlich liest. Leicht nämlich.
Denn »Deutsche Meisterschaft« ist ein spannendes Buch. Und obendrein eins, aus dem man, so en passant, sogar was lernen kann. Warum Sport plötzlich so wichtig wurde, damals in den Zwanzigern, Motorradrennen eine ganze Nation bewegten. Und welche Funktion die Massenmedien dabei einnahmen, der Rundfunk vor allem. »Sagen Sie, Arno, Sie fahren als deutscher Fahrer um die Deutsche Meisterschaft auf einer belgischen Maschine. Ist das nun ein Sieg zum Ruhme Deutschlands oder Belgiens?«
Zwischen den Rennen sucht Arno einen Mörder. Ein paar Jahre zuvor war er völlig besoffen neben seiner Frau aufgewacht. Der fehlte Wesentliches: der Kopf. Der fehlt ebenso den Leichen, die an den Rennstrecken gefunden werden. Verständlich, dass die Polizei da einen Zusammenhang vermutet. An einem Kopf mangelt
es mittlerweile auch der Leiche eines vermeintlichen Verräters, den von Dronte zusammen mit rechtsradikalen Gesinnungsfreunden exekutiert und verscharrt hat.
Und dann sinniert sich da noch einer durch das Buch, der Köpfe sammelt, um sie zu vermessen. Ein Irrer, der nach
einer Matrix für reinrassig germanische Schädel sucht. Ein Irrer, dessen Perversionen später für Wissenschaft erklärt werden. Ein Irrer, der Motorrad fährt.
Für die Autoren gilt das Motorrad als Sinnbild der Gewalt. Was sie allerdings nicht als Wertung verstehen in dem Sinne, dass das Motorrad oder seine Fahrer
denunziert werden. Sie sehen das Motorrad als Zeichen der Zeit, der zwanziger Jahre. Und beziehen sich dabei auf
den italienischen Futuristen Marinetti, der 1911 postuliert hatte: »Die Geschwindigkeit ist die Synthese eines jeden Mutes in
Aktion. Aggressiv und kriegerisch.« In den Radioreportagen spiegelte sich diese Idee:
populistisch wider. »Manch einer verlor
auf dem Feld der Ehre sein Leben. Doch ungeachtet der Todesstürze schossen die wagemutigen Helden auf ihren Zweirädern dem Ziel entgegen.«
Der Showdown des gelehrigen, aber nicht belehrenden Romans findet dann auch während des letzten Rennens der Saison 1926 in Berlin statt. Nazis schwenken ihre Fahnen, und Falk und Arno, die beiden Kontrahenten, wissen mittlerweile, dass die, die Braunen, ihre wirklichen Gegner sind. Im Krimi wie in der Geschichte gibt es freilich kein Happy End. Ein Fahrer aus dem nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps wird Meister.
Exakt recherchiert hätten sie, schreiben die Autoren, und dass sie für alle
Fehler die Verantwortung trügen. Dass sie schon auf der ersten Seite von einem Lenkrad schreiben, wo doch nur ein Lenker gemeint sein kann, geht indes nicht
allein auf die Kappe der nicht Motorrad fahrenden Birkefeld und Hachmeister, sondern vor allem auf die eines schlampigen Lektorats und Korrektorats. Schade drum. Was nichts daran ändert: »Deutsche Meisterschaft« ist ein gut geschriebener, profund recherchierter historischer Krimi, der Motorradfahrern auf unterhaltsame Weise zeigt, was ihre Maschine auch mal war – ideologisch befrachtetes Vehikel für einen düsteren Zweck.
Richard Birkefeld, Göran Hachmeister: Deutsche Meisterschaft, 389 Seiten, Eichborn Verlag, 22,90 Euro.

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