Buchbesprechung (Archivversion) Mordsweib

Die Sünderin fährt Motorrad und gerät immer an den Falschen. Den falschen Mann.
Doch sie weiß sich zu helfen. Ersäuft, ersticht, erdrosselt, vergiftet, flambiert, erschießt die Typen. Um sich anschließend auf ihrer Puch 800 aus dem Staub zu machen – und zu beichten.

Wenn junge, attraktive Motorradfahrerinnen glauben beichten zu müssen, passiert mitunter Seltsames. »Einmal, in einem idyllisch gelegenen Kirchlein in Oxfordshire, schlief der Geistliche sogar ein.« Mein Gott, es zog sich halt, sie hatte eben so oft gefehlt, die Frau Magdalena Leitner, Titelheldin des nunmehr als Taschenbuch erschienenen Romans »Magdalena Sünderin« der öster-
reichischen Autorin Lilian Faschinger. Hellwach hingegen der hässliche Priester aus dem Oberwallis, »griff zielstrebig nach meinen vom schwarzen Leder des Motorradoveralls so wie vom Body von Kashiyama bedeckten Brüsten«.
Dass sie sich losriss, lag daran, dass der Mann Gottes ihr nicht attraktiv genug erschien. Was sie von dem feschen Pater mit Botti-
celli-Kopf in Syrakus nicht behaupten konnte: »Die Hitze in meinem Teil des Beichtstuhls nahm zu und vermischte sich (...) mit dem von seinen Bern-
steinaugen ausgehenden sizilianischen Feuer.« Auch dieser eigentlich Zölibatäre hört ihr also nicht zu. Zumindest nicht
ihrer Beichte. Dem Geistlichen aus Osttirol indes bleibt nichts anderes übrig. Er hockt gefesselt unter einer Robinie, geknebelt mit der getragenen Unterwäsche der
Sünderin. Die Rotblonde sitzt vor ihm, den Reißverschluss ihres engen, schwarzen Lederoveralls weit genug geöffnet, um den wohlvertäuten Würdenträger zu verunsichern. Den sie, zunächst, nur entführt hat. Aus dem pfingstsonntäglichen Hochamt heraus. Und in den Felber-Seitenwagen
ihrer Puch 800 hinein. Nur einen einzigen Satz will sie ihm abverlangen: »Ego te absolvo«, ich spreche dich frei.
Und wer spricht die Autorin frei, die so ein verworrenes Zeug verzapft? Nun, sie bedarf keines Freispruchs. Weil die Geschichte, die sie den Pfarrer erzählen lässt, nicht nur vordergründig unterhaltsam ist. Sie ist hinterhältig und hintergründig,
verwebt Klischees derart penetrant, dass
eine ironische, zuweilen sogar sarkastische
Perspektive auf die sündige Magdalena und ihre sieben Opfer entsteht. Was unmittelbar mit der Sprache zu tun hat,
der moralin-verklemmten des Pfarrers und der direkten, von Obsessionen geprägten Magdalenas. »Was für Unterwäsche tragen Sie? (...) Gibt es Unterwäschevorschriften für katholische Priester?«
Gibt es nicht. Doch der Sünderin sind Vorschriften jedweder Art ohnehin zuwider. Weil Konventionen, Familie, Staat, Gesellschaft sie wahnsinnig machen. Und Österreich sowieso. Das einzig Akzeptable an Österreich seien seine Backwaren – und die Puch 800. Weil die ihr als ideales Fluchtgerät aus allerlei Zwängen dient. Das klingt zwar läppisch, das mit den
Konventionen, so als ob die Sünderin einer Hippiebraut gleich als weiblicher Easy Rider auf ihrer Maschine und auf ihrem Trip durch Europa sich gleichsam selbst finden wolle. Funktioniert aber nicht. Weil sie gar nicht weiß, wonach sie sucht. Sie will nur eins: nicht zugrunde gehen unter Leuten, die glauben, sie sei ihresgleichen: »Die bleierne Belanglosigkeit, die lähmende Langeweile der kosmopolitischen Akademiker...drohten mich völlig bewegungsunfähig zu machen.«
Um bewegungsfähig zu bleiben, tritt sie ihre Puch an, hängt qua Offroad-Einlage die Schwestern ab, die sie in der Familienkutsche verfolgen. »Kraft der handverstellbaren Stoßdämpfer und der besonders weichen Differentialfederung in der Pressstahlgabel ist die Puch 800 eine extrem geländegängige Maschine.« Die sie freilich immer in dieselbe Falle lenkt, zu einem Kerl. Da wäre der Friese, anfangs zärtlich und höchst sensibel, später so melan-
cholisch und depressiv, dass er sich um-
bringen möchte. Allerdings ist er zu blöde dafür. Steckt er den Kopf in den Backofen, streiken die Gaswerker, springt er von den Klippen, bleibt er an einem Pinienstrunk hängen. Die Sünderin hilft da gern, ersäuft den Wasserscheuen, der zuletzt nicht mal das zustande brachte, wofür die Sünderin ihm so manches verzieh: Sex. Als Igor, der eifersüchtige Ukrainer, den Wodka mehr liebt als sie, flambiert sie ihn mit Selbst-
gebranntem. Pablo, den feurigen Spanier, der nicht nur für sie entflammt, vergiftet sie mit Strychnin, das sie ihrem nächsten Lieb-
haber gestohlen hat. Der wiederum isst
frische Blutwurst und saugt, seine vampi-
rische Diät ergänzend, die Sünderin aus. Bis sie ihm ein Fleischermesser in den
Leib bohrt. Michael, der schwule Zeuge
Jehovas, muss dran glauben, weil er ihr Wasser predigt und heimlich Wein mit
Gabriel trinkt. Otto, der Masochist, erstickt in höchster Lust. Und Karl, den Bademeister, stürzt sie vom Felsen, nachdem er ihr zum wiederholten Mal vorgeworfen hatte, dass seine erste Ex besser gekocht, die zweite schöner gesungen und die dritte in jedweder Hinsicht beweglicher – »wie eine Gummipuppe« – gewesen sei.
Sobald sie absteigt von ihrer Puch,
landet die Sünderin in genau den Konven-
tionen, denen sie davonfahren wollte. Frei ist sie wirklich nur, wenn sie sich bewegt, Motorrad fährt. Was sich auch in der Schlussszene des Romans zeigt. Fliehend auf ihrer Beiwagenmaschine, lässt sie Gendarmen und einen verliebten, einen gefallenen Pfarrer zurück.
Sicherlich kommt »Magdalena Sünderin« nicht als klassischer Motorradroman, als klassisches Bikerbuch daher. Dennoch spielt das Motorrad eine zentrale Rolle. Die Rolle, die im Schelmenroman der Esel spielt: das treue Getier, das den Helden,
so will es die Konvention des Genres, am Ende ins Kloster, in den Schoß der Kirche trägt. Freilich ist »Magdalena Sünderin« auch kein klassischer Schelmenroman, weil am Ende die Heldin die Kirche in
ihrem Schoß trägt.

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