Buchvorstellung: »Die obere Hälfte des Motorrads" (Archivversion) Die obere Hälfte des Motorrads - ein Standardwerk

Über die Dialektik von Kopf und Bauch

Der Motorradfahrer sollte nicht ganz bei Verstand sein. Meint Bernt Spiegel. Wäre er es, erginge es ihm wie dem Tausendfüßler. Der, so ist in einer Parabel zu lesen, von einem Naturforscher darauf angesprochen, wie er es nur schaffe, seine unzähligen Gliedmaßen zu koordinieren, damit begann, sich selbst zu beobachten. Darob immer wieder stolperte. »Von Stund an konnt er nicht mehr gehen und starb eines gar jämmerlichen Todes.« Heißt für den Biker: aus dem Bauch heraus fahren. Denn Motorradfahren ist so kompliziert, daß es, allein von der Ratio, dem Verstand gesteuert, völlig unmöglich schiene. Und das, so Spiegel, obwohl der Mensch auf Grund seiner Konstitution und Stammesgeschichte fürs Zweirad geradezu prädestiniert ist. Anhand dieses einen Beispiels vom Tausendfüßler schafft es Spiegel, komplexe Sachverhalte so prägnant darzustellen, daß sie wirklich jedem einleuchten. Obwohl er in der vorausgehenden Begründung tief schürft, die neuesten Forschungen zur Entwicklung des Gehirn vorstellt, mit psychologischen und anthropolgischen Fachbegriffen um sich wirft, die er freilich stets nachvollziehbar und plastisch erklärt. Im Text und einem penibel ausgearbeiteten Glossar. Spiegels Werk ist deshalb ein Lesebuch im besten Sinn des Wortes. Man lernt dabei, läßt sich unterhalten, kann es häppchenweise genießen, mitten reinlesen, ohne dabei in Verständnisschwierigkeiten zu geraten. Weil der Autor sich nicht scheut, wichtige Sachverhalte immer wieder aufzugreifen und zu präzisieren. Wissenschaft, das beweist Spiegel, kann verdammt spannend sein. Beispiel gefällig? Bitte sehr. Spiegel präzisiert, daß die handlungssteuernden Programme beim Motorradfahren automatisiert werden, indem sie vom Großhirn, dem Bewußtsein, ins Unterbewußte wandern. Daß Mensch und Maschine eine Einheit mit völlig neuen Qualitäten bilden. Die es zu perfektionieren gilt. Qua »Schnittstellenverschiebung«. Soll heißen: Der Mensch wächst in die Maschine, sein Werkzeug hinein, integriert es als künstliches Organ, spürt also, im besten Fall, körperlich die Aufstandsflächen des Bikes. Diese Fähigkeit kann man lernen. Womit Spiegel auch die sich selbst gestellt Frage »Was bleibt noch für den Kopf zu tun?« beantwortet. Eine ganze Menge. Mentales Training, Analyse der eigenen Fahrfehler und vorausschauendes Fahren.. Am Schluß des Buches gibt es Tips, Tips, Tips. Wer die allesamt beherzigt, und Spiegel zeigt auf, daß und wie das funktioniert, hat außer dem Lesevergnügen auch noch den praktischen Nutzen. Und der ist mächtig groß.

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