Buchvorstellungen: 5 neue Bücher (Archivversion) Das Sein und das Nichts

»Glashütte vor der Flut“

Die Idee besticht. Ein Provinzstädtchen so abhandeln, wie es ansonsten nur Metropolen gebührt. Gute Schreiber, findige Knipser – und plötzlich ist Glashütte fast so interessant wie New York und spannender als München sowieso. Der geneigte Leser steht mit dem Autor, der sich im Ortsbistro als Aushilfe verdingt, hinterm Tresen, zapft mit ihm Bier, parliert mit den Gästen – und nach der dritten, vierten Geschichte in dieser Zeitschrift lebt er auf einmal mitten in dem sächsischen Kaff. Er kennt die Blumenfrau und die Typen vom Schützenverein, fährt zum Einkaufen mal kurz nach Tschechien rüber und ärgert sich, dass die offizielle Rathauspolitik alle PR nur auf die Uhrenmanufakturen des Erzgebirgsstädtchens lenkt, die bedeutsamste Erfindung, die aus Glashütte stammt, den industriell gefertigten Klodeckel, aber schnöde ignoriert.Wer die Muße hat, genau hinzusehen, den Leuten zuzuhören, und vielleicht noch ein bisschen Fantasie sein Eigen nennt, amüsiert sich eben überall. Gerade deswegen ist »Orte, an die niemand reisen mag« irgendwie auch ein brillant gemachtes Motorradblatt. Obwohl durch diese Zeitschrift keine einzige Maschine fährt.Orte, an die niemand reisen mag. Glashütte! Herausgegeben von Judith Borowski. 146 Seiten, 7,50 Euro, Kommunikationsverein, Berlin 2002. Sg

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