Cagiva: Firmenreport (Archivversion) Ora et labora

Vor zwei Jahren half nur noch beten, doch heute wird bei Cagiva heftig gearbeitet. Und im Frühjahr, so die frohe Kunde, kommt sie tatsächlich - die langersehnte MV Agusta F4-750 S.

Claudio Castiglioni, der Cagiva-Boß, ist bester Laune und orakelt munter vor sich hin: »Viele italienische Firmen haben die Kraft zum echten Angriff auf den Markt erst in einer tiefen Krise gefunden.« Ein Branchenkenner, der anonym bleiben möchte, formuliert drastischer: »Wir Italiener laufen erst dann zur Höchstform auf, wenn wir bis zum Hals in der Scheiße stecken.«Aus dieser Bredouille, dessen ist Castiglioni sich sicher, kommt Cagiva jetzt raus. Und zwar mit Aplomb. Die langersehnte supersportliche MV Agusta debütiert im Frühjahr als dann tatsächlich käufliches Objekt der Begierde. Weitere Modelle von MV und Cagiva sind in Planung (siehe Interview), und um Husqvarna, drittes Mitglied im Markenbund, stand es eh nie so richtig schlecht.Daß es aufwärts geht, belegen nicht nur wortreiche Beteuerungen, sondern auch handfeste Fakten. An der neuen Produktionsstätte der Cagiva-Gruppe in Casinetta am Lago di Varese bei Mailand laufen die Bänder bereits. Anfang 1998 hatte Firmenchef Claudio Castiglioni die Hallen gekauft, die direkt gegenüber dem Cagiva-Stammsitz am anderen Ufer des Sees liegen. In den hohen, lichtdurchfluteten Räumen erwärmen wohlgefüllte Regale mit Ersatzteilen für alle Cagiva- und Husqvarna-Modelle das Herz des Betrachters, galt doch gerade die Teileversorgung bisher als Schwachpunkt des Unternehmens. »Unser Importeur Zupin hat gerade erst eine Lastwagenladung nach Deutschland gebracht«, berichtet stolz Cagiva-Pressesprecher Martino Bianchi.In der Montagehalle arbeiten die Cagiva-Werker an drei Bändern, heute sind Cagiva Mito, Roller Cucciolo und Husqvarna Super Motard 610 dran. Ein viertes Band soll demnächst starten, doch wichtig für MV-Fans ist Produktionsstraße Nummer drei: Dort soll die MV Agusta F4 Strada vom Band laufen, die in Herbst auf der INTERMOT in München vorgestellt wurde. Der schmalbauende, supersportliche 750er Vierzylinder aus der Hand von Meisterkonstrukteur Massimo Tamburini, der unter anderem Bimota mitgründete und Schöpfer der Ducati 916 war, debütiert zunächst als Sondermodell »oro« mit vielen Teilen aus Magnesium. Allerdings ist dieses in Deutschland rund 65 000 Mark teure Edel-Bike bereits restlos ausverkauft.Ausgerechnet die hochgelobte MV war es, die Cagiva im vergangenen Jahr noch einmal rufschädigend beutelte. So wurde der Vorstellungstermin immer wieder verschoben, und die Unkenrufe, daß dieses Motorrad wohl auf ewig ein wunderschöner Prototyp bleibe, wollten nicht verstummen. Doch inzwischen sind mehrere Testfahrer täglich auf MV unterwegs, die allabendlich in der Cagiva-Entwicklungsabteilung durchgecheckt werden. Die Komponenten sind nicht mehr handgeschmiedet, sondern stammen aus ordentlichen Gußformen; der Serienproduktion dürfte also nichts mehr im Weg stehen. Auch die Stimmung unter den Arbeitern und Angestellten hat sich verändert. Noch vor einem Jahr suchten viele einen sicheren Job, denn der schien ihnen bei Cagiva nicht mehr gegeben, doch jetzt will keiner mehr weg. Und es kamen sogar neue Kollegen dazu. Die Cagiva-Belegschaft umfaßt jetzt 450 Leute, fast 100 mehr als noch vor einem Jahr.Geschafft hat Castiglioni diese wundersame Wandlung angeblich mit dem Verkauf seiner restlichen Anteile an Ducati, wofür die neuen Eigner, die US-Gruppe TPG, offenbar ordentlich löhnen mußten. Die Branche munkelt von einem Kaufpreis von rund 600 Millionen Mark. Cagiva war damit wieder liquide, Zulieferer konnten bezahlt, der Serienstart der MV endlich auf den Weg gebracht werden. Die italienische Motorradbranche ist’s zufrieden, denn Castiglioni, ein vom Krad Besessener und seit 20 Jahren im Geschäft, zählt zu ihren schillerndsten Figuren. 1979 gründete er zusammen mit seinem Bruder Gianfranco die Firma Cagiva, 1985 rettete er Ducati vor dem Aus, ließ sich Verkaufsschlager wie 916, Monster oder ST 2/4 einfallen, 1986 kaufte er Husqvarna dazu. Doch mit Investitionen in anderen Bereichen hatte er kein Glück, und schon war die Krise da.Ducati gehört Castiglioni nicht mehr, doch dafür macht er sich mit der F4 nun im großen Stil an die Wiederbelebung des glorreichen Namens MV Agusta. Auf höheren Beistand glaubt er dabei übrigens verzichten zu können.

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