Castiglioni, Claudio: Interview (Archivversion)

MV Agusta steht kurz vor der Übernahme durch den malaysischen Autobauer Proton. Wie kann das zusammengehen? Noch-Allein-Eigner Claudio
Castiglioni gibt einen Ausblick auf Zukunftspläne und Modalitäten der Zusammenarbeit.

Die Malaysier klopfen an Ihre Haustür, und Sie wirken völlig entspannt.
Warum nicht? Proton ist unser Wunschpartner. Wir haben immer nur mit ihnen verhandelt. Auf Proton sollte es hinauslaufen, und deswegen bin ich natürlich zufrieden.
Warum Proton? In Europa ist der
Hersteller nicht sonderlich bekannt, von seinem Engagement im Motorrad-Grand-Prix mal abgesehen.
Proton ist ein sehr starkes Unternehmen, besonders finanziell, aber auch in industrieller Hinsicht. Die bauen zum Beispiel gerade ein Auto-Werk, das 1600 Meter lang und technologisch absolut top ist. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir über Proton Zugang zum asiatischen Markt bekommen, der immer wichtiger wird und den wir für die Zukunft dringend brauchen.
Wie sieht die Vereinbarung zwischen MV und Proton aus?
Proton wird die Mehrheit bei MV Agusta haben. Ich behalte eine solide Quote. Wir haben dann eine sehr gute
finanzielle Basis und können endlich auch größere Investitionen tätigen. Es wird
keine Probleme geben.
Was macht Sie da so sicher?
Die Leute von Proton sind Profis. Es handelt sich um ein Unternehmen aus der Branche. Die wissen, wie man produziert und worauf es ankommt.
Aber als 1996 die Texas Pacific Group bei Ducati einstieg, hielten Sie zunächst auch
49 Prozent.
Und dann habe ich beschlossen,
alles zu verkaufen. Mit Proton ist das ganz anders.
Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?
Proton wird sich um Verwaltungsaufgaben kümmern, um die Finanzen und die Produktion. Ich werde frei sein, mich meiner eigentlichen Arbeit zu widmen – die Motorrad-Entwicklung, das Marketing et cetera. Endlich kann ich wieder meinen Job machen.
Und Sie bleiben Präsident von MV?
Selbstverständlich.
Es gilt, noch Fragen zu klären, ehe die Vereinbarung mit Proton in Kraft tritt, etwa die
Altschulden. Was sagen Zulieferer und Banken?
Mit den Banken ist alles geklärt. Zu unseren Zulieferern haben wir ein sehr
gutes Verhältnis. Und natürlich liegt ihnen daran, dass es uns gut geht. Wir werden uns einigen.
Wird die Produktion von MV in Italien bleiben?
Ja, in unserem Werk in Cassinetta am Lago di Varese. Die Entwicklung läuft weiterhin hier am Stammsitz in Schiranna und im Cagiva Research Center in San Marino. Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass wir irgendwann auch bei Proton in Malaysia produzieren, etwa Roller und Motorräder mit kleinem Hubraum für den asiatischen Markt.
Werden Leute von Proton auch in
Varese sitzen?
Ja, um Verwaltung, Finanzen und Produktion müssen sie sich vor Ort kümmern. Ich denke, dass sie Anfang Oktober eintreffen.
Der schwedische Konzern Elektrolux, Eigentümer der Marke Husqvarna (Claudio Castiglioni hat die Rechte, den Namen im Motorradbereich zu nutzen, die Red.), hält eine Quote an MV Agusta. Wird es dabei bleiben?
Elektrolux wird in der neuen Gesellschaft eine kleine Beteiligung haben.
Darüber hinaus auch Massimo Tamburini, der Chefentwickler von MV. Das habe ich so gewollt.
Ihre Leidenschaft für Motorradrennen ist bekannt. Wann kehren Sie mit einer Ihrer
Marken in den Straßenrennsport zurück?
(Lacht) Das fragen mich alle. Aber ernsthaft: Erstmal kümmern wir uns um anderes. Wir brauchen eine starke Firma, eine optimale Organisation, eine stabile Produktion. Erst dann denken wir an Rennsport.
Wie viele Motorräder wollen Sie in
Zukunft produzieren? Und wie groß soll die MV-Gruppe werden?
Wir bauen dieses Jahr 25000
Motorräder, 2005 sollen es 30000 sein. Die Zahl der Beschäftigten hat sich schon dieses Jahr von 330 auf 500 erhöht. Längerfristig könnten es so um die 700 bis 800 werden. Es geht nicht darum, möglichst schnell zu wachsen, da sind wir
uns mit Proton einig. Es interessiert mich auch nicht, der größte Hersteller in Europa zu werden. Sondern ein wichtiger mit starker Modellpalette, Technologie auf höchstem Niveau, gutem Service.
Wie stehen die drei Marken Ihrer Einschätzung nach im Moment da?
MV hat ein sehr starkes Image, die Modellpalette ist praktisch neu. Die Kunden haben tatsächlich auf unsere Motorräder gewartet. In Italien hat die Brutale in den Zulassungen sogar die Ducati Monster S4 überholt. An Husqvarna haben wir im letzten Jahr sehr, sehr viel gearbeitet, kleine Defekte und Fehler ausgebügelt,
die Modellpalette kann sich sehen lassen. Cagiva haben wir in der Vergangenheit vernachlässigt, aber darum kümmern wir uns jetzt. Auf der Intermot in München im September präsentieren wir schon mal die Raptor 650 mit Einspritzung.
Und wann kommt eine Cagiva mit
eigenem statt Suzuki-Zweizylinder?
Irgendwann vielleicht, doch im
Moment sind wir mit den Suzuki-Motoren sehr zufrieden.
Zu Proton gehört auch der Sportwagenhersteller Lotus. Wird es eine Zusammenarbeit mit MV geben?
In technologischer Hinsicht auf jeden Fall, später vielleicht auch geschäftlich, etwa mit einem gemeinsamen Vertrieb. Über solche Detailfragen haben wir mit Proton noch nicht gesprochen.
Derzeit ist viel die Rede von einem
italienischen Motorrad-Pool, um besser gegen die Konkurrenz gerüstet zu sein – entweder Piaggio mit Aprilia oder Ducati mit Aprilia oder vielleicht ein Mix aus beidem. Hätte man die Idee einer
Zusammenarbeit nicht früher verfolgen sollen?
Mal abgesehen von den Japanern, welches sind die Hersteller, denen es am besten geht? Doch Harley und BMW. Und beide sind nicht Teil eines Pools, sondern eigenständige Firmen.
Zur MV-Gruppe gehören auch drei Marken.
Ja, aber wir haben sie unter einem Dach hier in Varese, nicht in mehreren Werken verteilt. Und selbst so ist es
nicht immer ganz einfach, unterschiedliche Strategien für die einzelnen Marken zu entwickeln und umzusetzen.
In der Branche wird der Name MV nicht mehr als »Meccanica Verghera« interpretiert, sondern als »Malaysian Vehicles«. Ärgert Sie das?
(Lacht) Das kannte ich noch gar nicht. Nein, das ärgert mich nicht, im Gegenteil, ich finde das ganz witzig. Doch was jetzt zählt, sind nicht mehr Worte oder Wortspiele, sondern Fakten.
Das Interview führte MOTORRAD-Mitarbeiterin Eva Breutel

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