Cecchinato, Oscar: Interview (Archivversion) Flugübungen

Dank amerikanischer Investoren und mit der Tatkraft des neuen Geschäftsführers Oskar Ceccinato kommt Moto Guzzi in die Gänge.

Der Adler hatte wieder einmal Husten. Moto Guzzi, traditionsreicher italienischer Motorradhersteller mit dem Adler auf dem Tank, wurde Anfang des Jahres von einem Rückfall gebeutelt. Erst 1993 war der Pleitegeier knapp an der Traditionsmarke vorbeigestrichen: Eine italienische Investorengruppe griff im letzten Moment rettend ein, und innerhalb von nur zwei Jahren arbeitete sich Guzzi aus den roten Zahlen. Doch im Frühjahr 1997 gingen die italienischen Anleger auf Rückzugskurs, Geschäftsführer Arnolfo Sacchi warf das Handtuch, und im Guzzi-Werk am Comer See verharrte man in Wartestellung. Schließlich übernahm eine US-Anleger-Gruppe namens Tamarix die Anteile der Italiener; Guzzi befindet sich jetzt zu 100 Prozent in amerikanischer Hand. »Aber die Strategien werden hier in Italien von Italienern bestimmt”, wiegelt der altgediente Guzzi-Präsident Mario Tozzi Condivi etwaige Befürchtungen, daß Branchenfremde über die Guzzi-Modelle entscheiden könnten, von vornherein ab. «Guzzi hat ein eigenes Budget und ist als Firma unabhängig.” Beschwichtigungspolitik herrscht bei Guzzi auch in anderer Hinsicht: Von einem etwaigen kleinen Rückfall in die Krise will keiner etwas wissen, auch wenn manche Anzeichen dafür sprechen, daß zu Beginn des Jahres manche Entscheidungen zumindest hinausgezögert wurden, weil keiner so recht wußte, wie es weitergehen würde. So verschob Guzzi die Produktion des Cruisers Ippogrifo, im letzten Jahr auf der IFMA in Köln vorgestellt und eigentlich für diesen Herbst angekündigt, gleich um ein ganzes Jahr. Auch haben sich die Guzzi-Aktionäre Mitte April mit Oscar Cecchinato als neuen Geschäftsführer einen Mann geholt, dem ein Ruf als fähiger Krisenmanager vorauseilt. Von 1991 bis 1995 war der sympathische Venezianer Geschäftsführer von Aprilia – just zu einer Zeit, als Aprilia-Präsident Beggio seinem Laden mit branchenfremden Investitionen fast den Garaus gemacht hätte. Mit klugem Management zog Cecchinato die Karre wieder aus dem Dreck, und bei Aprilia geraten seine ehemaligen Mitarbeiter noch heute ins Schwärmen. Solche Fähgkeiten sollten reichen, um dem Guzzi-Adler das Husten endgültig auszutreiben. Cecchinato hat denn auch hohe Ziele: ein neuer, wassergekühlter Motor, eine überarbeitete Modellpalette, Teilnahme an der Superbike-WM, höhere Produktionszahlen, verbesserte Fertigungsqualität und nicht zuletzt neue Produktionsanlagen für das Werk in Mandello (siehe auch Interview). Nur: Pläne zur Qualitätsverbesserung und Produktionserhöhung gibt es bei Guzzi schon seit längerem; noch Anfang 1996 hieß es, daß das Werk im kommenden Jahr 10 000 Motorräder produzieren werde - ein Ziel, das nun auf 1998 verschoben werden mußte. Und auch das Projekt, die Fertigungstiefe zu verringern - also mehr zuliefern zu lassen und weniger selbst herzustellen -, gab es bereits unter dem früheren Geschäftsführer Arnolfo Sacchi. Es ist offensichtlich, daß sich der geplante Rhythmus der Neuerungen und Verbesserungen bei Guzzi verlangsamt hat. Was aus Guzzi wird und ob sich die eher kleine Marke im immer schärferen Konkurrenzkampf behaupten kann, wird nicht zuletzt von der Investitionsfreude der Geldgeber abhängen. Möglicherweise ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn auch auf wiederholte Nachfrage nach der Höhe der geplanten Investitionen kam von den Guzzi-Verantwortlichen keine konkrete Antwort. Zwei positive Zeichen gibt es allerdings: Zum einen erhöhten die Aktionäre die Guzzi-Kapitaleinlage von fünf auf zwölf Millionen Mark; und zum anderen scheint es dem Werk mit der angestrebten besseren Qualität sehr ernst zu sein: Die neue California EV zumindest hinterließ bei den ersten Probefahrten einen hervorragenden Eindruck.

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