Crash-Tests mit 100 km/h (Archivversion) Der gewollte Knall

Freie Kfz-Sachverständige machten jetzt erste Versuche mit 100-km/h-Crashtests. Um Unfälle besser rekonstruieren zu können.

Ein bisschen Horror muss sein. Düster ragen mit Gras überwachsene, uralte Hangars aus dem stacheldrahtumzäunten Gelände hervor, in denen zu Sowjetzeiten die berüchtigten Migs auf ihren Einsatz warteten. Unkraut wuchert zwischen den Betonplatten des ehemaligen Militärflugplatzes, es nieselt leicht. Die Location: Flugplatz Wrietzen bei Neuhardenberg, 60 Kilometer östlich von Berlin.Bong! Der Dummy samt Honda schlägt wie eine Bombe direkt hinter der B-Säule ins Blech des vergammelten Mitsubishi Colt ein. Der sich ächzend aus den Federn hebt, um krachend auf dem verbeulten Dach zu landen. Als Zombi mit verdrehten Gliedmaßen und verbeultem Helm rutscht der Dummy über den grauen Beton, während die CB 400 N mit verquetschtem Vorderrad und weit nach hinten gebogenen Standrohren vor sich hin bröselt.Ein Mensch hätte diesen Zusammenprall mit etwa 100 km/h gewiss nicht überlebt. Aber darum geht’s den Kfz-Sachverständigen Johannes Priester aus Saarbrücken und Michael Weyde aus Berlin bei ihren Versuchen nicht. Sie möchten zuverlässige Erkenntnisse über Unfallhergänge gewinnen. »Wir haben in Untersuchungen im Saarland festgestellt, dass vermehrt Motorräder in Unfälle mit Pkw verwickelt werden, bei denen die Aufprallgeschwindigkeit bei 60 und mehr km/h liegt«, sagt Priester, der als Unfallsachverständiger bei Gericht tätig ist. »Jetzt können wir das Schadensbild und die Auslaufbewegungen der Fahrzeuge besser auf die gefahrene Geschwindigkeit eingrenzen. Bis zu plus minus zehn Prozent sollte das möglich sein«, hofft der saarländische Sachverständige. Auch aus der »Wurfweite« des Motorradfahrers könne nun besser der tatsächliche Hergang des Unfalls rekonstruiert werden, um Schuldfragen und Schadensersatzansprüche vor Gericht zu klären. Bisherige Crashversuche etwa der Dekra mit geringeren Geschwindigkeiten, die der Erforschung des Verletzungsrisikos dienen, ließen solche gesicherten Rückschlüsse nicht zu. »Die führen zu falschen Ergebnissen«, weiß der Diplomingenieur. Insgesamt siebenmal haben die Fachleute unter Mitwirkung des Instituts für Gerichtsingenieurwesen an der Universität Zilina in Polen Motorräder mit um die 100 km/h gegen Pkw gecrasht. Weil es nicht das Ziel war, Verletzungen zu analysieren oder gar Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Motorräder sicherer gemacht werden können, nahmen Priester und Co von den genormten Crashversuchen nach dem international gültigen Standard ISO 13232-1 Abstand. Auf den haben sich Motorradhersteller und Crashforscher geeinigt. Auch auf die mehrere hunderttausend Mark teuren Dummys vom Typ Hybrid III, die mit aufwendigen Messapparaturen ausgestattet bei ISO-Versuchen eingesetzt werden, verzichteten die Gerichtssachverständigen. Seine eisernen Gliedmaße musste stattdessen ein Dummy ohne jede Messelektronik hinhalten, der durchaus mehrere harte Einschläge in die blechernen Karossen aushält.Um weitere Kosten zu sparen, erdachten sich die Sachverständigen eine simple Versuchsanordnung, die ohne den sonst üblichen Beschleunigungsschlitten auskommt. Im brandenburgischen Neuhardenberg bewegte ein VW-Bulli Dummy und Motorrad, das per Seil an einem Ausleger gezogen wurde. Die Fuhre stabilisierte sich dank kleiner Stützräder, so ähnlich, wie man sie von Kinderfahrrädern kennt. Kurz vor dem Aufprall wurde das Seil gelöst, das mit einer Metallplatte befestigt in einer Bremszange gehalten wird. Das Motorrad sauste ein paar Meter allein weiter, um dann in den Pkw einzuschlagen, während der Bulli an dem Hindernis vorbeifuhr.»Aufnahmen mit Highspeed-Kameras haben uns gezeigt, dass sich der Motorradaufsasse erst vom Motorrad löst, wenn sich Fahrer und Maschine bereits in den Pkw gebohrt haben«, sagt Priester. Die Chance, das Hindernis zu überfliegen, sei also gleich null. Selbst wenn die Aufprallstelle am Heck oder der Frontpartie des Autos liegt. Auch für Pkw-Fahrer gehen Unfälle bei hohen Geschwindigkeiten von 100 km/h oftmals fatal aus, sogar wenn das Motorrad eine leichtgewichtige 250er ist. Die so genannte Deformationstiefe des Pkw lag bei allen Crashversuchen in Hardenberg bei 60 bis 75 Zentimeter. So schaffte es eine exakt 99 km/h schnelle CB 250, 55 Zentimeter tief in die B-Säule eines Honda Accord einzudringen, obwohl der im 45-Grad-Winkel zum dagegen knallenden Motorrad stand. Immerhin gilt die B-Säule als stabilster Teil eines Autos beim Seitenaufprall.Eine Prognose, die über die Erkenntnisse seiner Crahsversuche weit hinausgeht, wagt Diplomingenieur Johannes Priester, selbst begeisterter Motorradfahrer zum Schluss: »Beinschilder oder schräg nach oben verlaufende Verkleidungsflächen, wie sie BMW bei einigen Modellen verwendet, helfen bei höheren Geschwindigkeiten nicht. Es geht kein Weg an Airbags vorbei, wenn man Motorräder für Aufprallunfälle in höheren Geschwindigkeitsbereichen sicherer machen will.«

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote