Dainese D air: Airbag für Rennfahrer (Archivversion) Luftrettung

Neue Wege geht Dainese bei der Entwicklung von Lederkombis für Rennfahrer. Ein elektronisch gesteuertes Airbag-System soll besseren Schutz gewährleisten als klassische Protektoren. Beim Grand-Prix-Finale in Valencia profitierten gleich drei Fahrer von der neuen Idee.

Von Stolz erfüllt ist Vittorio Cafaggi, Pressechef des Motorrad-Bekleidungs-Trendsetters Dainese: »Sämtliche etablierten Hersteller von Airbag-Systemen für die Automobilindustrie haben uns abgesagt oder gar abgeraten, die Entwicklung für einen Motorradfahrer-Airbag überhaupt in Angriff zu nehmen«, erinnert sich der Italiener, »das sei nicht zu realisieren, war die allgemein herrschende Ansicht. Aber wir haben es trotzdem geschafft.«
Drei Dainese-Vertragsfahrer traten beim letzten Grand Prix der Saison im spanischen Valencia mit dem »D air« genannten Airbag-System an, das wie eine kleine Hals-krause auf den Schultern befestigt ist und dessen Funktionszentrale im Dainese-typischen Aerodynamik-Höcker im oberen Rückenbereich sitzt. Das Fahrertrio aus 250er-Gilera-Werksfahrer Marco Simoncelli, seinem italienischen Landsmann Simone Grotzkyj (Aprilia 125) sowie dem österreichischen Derbi-125er-Fahrer Michael Ranseder leistete ganze Arbeit. Schon am ersten Trainingstag ging innerhalb einer halben Stunde jeder der drei zu Boden. Und bei allen drei Stürzen löste der Airbag perfekt aus.
Wie aber weiß der schlaue Sicherheitssack, wann er auslösen muss? Da kommen die deutschen Elektronik-Spezialisten der Firma 2D ins Spiel, die ebenso wie die Universität Parma und das Fiat-Entwicklungszentrum von Dainese als Partner für das D-air-Projekt gewonnen wurden. Das 2D-Steuergerät im Rückenhöcker verfügt unter anderem über drei sogenannte Drehraten-Sensoren, die erkennen, wenn der Fahrer eine unkoordinierte, zum Sturz führende Bewegung macht. Dann lösen sie die Patrone aus, welche den Airbag füllt, der vor allem die besonders verletzungsgefährdeten Bereiche Schulter/Schlüsselbein und Oberarme abdecken und schützen soll.
»Die genaue Erkennung der begin-­nen­den Sturzbewegung durch unsere Sensoren ist extrem anspruchsvoll«, erklärt 2D-Mitbesitzer Rainer Diebold, »dazu haben wir über ein Jahr ausgiebige Testfahrten unternommen, um genau die Grenzen zu finden, an denen der Airbag schließlich auslösen soll. Dies ist im Falle eines Highsider-Sturzes viel leichter als bei einem Vorderrad-Rutscher, weil beim Highsider das Motorrad samt Fahrer zunächst in Fahrtrichtung wegrutscht, um dann durch das Aufstellmoment eine genau gegen­läufige Bewegung einzuleiten, die klar und rechtzeitig vom Sensor erkannt wird.«
Bei auf den ersten Blick harmloser aussehenden Vorderradrutschern muss sich der Sturzsensor auf programmierte Werte verlassen, die hauptsächlich aus der Untersuchung schneller Schräglagenwechsel, etwa in Schikanen, gewonnen wurden. Diebold erklärt weiter: »Sehr gute Fahrer auf leichten Maschinen, etwa 125ern, er­reichen bei Schräglagenwechseln knapp 200 Winkelgrad pro Sekunde. So sind wir mit einer gewissen Sicherheitsmarge über diesen Wert hinausgegangen, um den Punkt zu erreichen, an dem die Bewegung des Fahrers mit Sicherheit unkontrolliert ist, somit einen Sturz ankündigt und den Airbag auslösen soll.« An diesem Punkt sind die weiter andauernden Forschungen von 2D, Dainese und den anderen Partnern noch besonders intensiv.
»Unser System ist bislang nur für Rennfahrer, also den Einsatz auf abgesperrten Strecken geeignet«, stellt Dainese-Mann Cafaggi klar, »die Sensoren sind zwar schon sehr gut in der Lage, Stürze der Fahrer zu antizipieren. Den direkten Aufschlag auf ein Hindernis, wie er im Straßenverkehr häufiger vorkommt, erkennt der ‚D air‘ jedoch derzeit noch nicht.« Genau daran wird sowohl in Italien wie auch in Karlsruhe bei 2D fieberhaft gearbeitet, und die Chancen stehen gut, dass auch dies schon recht bald gelingen wird.

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