Das Design des Aldo Drudi (Archivversion) Der Handwerker

Der Italiener Aldo Drudi entwirft Helme, Kombis und Verkleidungen, die Furore machen – auf und neben der Rennstrecke.

Ein bisschen archaisch geht es ja schon zu bei Aldo Drudi. In seinem kleinen Design-Studio gegenüber vom Bahnhof Riccione sitzen zwar die drei Mitarbeiter am Computer – der Chef selber fasst aber keinen davon an. »Ich arbeite ausschließlich mit dem Zeichenstift«, erkärt der 43-Jährige grinsend. »Mag sein, dass das nicht zeitgemäß ist, aber mir gefällt«s so besser.« Absolut zeitgemäß sind dafür seine Arbeiten. Sie gelten den Italienern – und nicht nur ihnen – als das Nonplusultra der Motorradmode. Ob das Logo für Honda HRC, der Helm für Max Biaggi, die Hawaii-Kombi für Valentino Rossi, eine Hubschrauberlackierung für Mick Doohan oder eine komplette Motorradverkleidung – die Kreativität des Norditalieners scheint unerschöpflich. Wobei sich der Mann von der Adria-Küste nur ungern als Designer bezeichnen lässt: »Das riecht so nach künstlerischem Anspruch und Haute Couture. Ich bin dagegen in erster Linie Motorradfahrer und Handwerker.«Na gut, dann also Handwerker. Seit über 20 Jahren entwirft Drudi Helme, Leberkombis, Jacken und Verkleidungen. Dabei ist er vom Konzept über das Styling bis zur Entwicklung immer dabei. »In der Modebranche«, sagt ein Freund, »bräuchte man für das, was Aldo macht, mindestens drei Leute.« Wobei der studierte Designer anders als die Kollegen von Armani und Versace die Funktionalität in den Vordergrund stellt. »Klar, gut aussehen müssen eine Kombi oder ein Helm schon. Schließlich bin ich Italiener, das verlangt der Nationalstolz«, meint er augenzwinkernd. »Aber das Wichtigste ist, dass sie schützen, gut passen und bequem sind.« Ein Beispiel für mehr Komfort gelten die Stretch-Einsätze für Rennkombis, die der aus der Romania nahe Rimini Stammende zusammen mit Dainese entwickelte. Derzeit sitzt er am Entwurf eines neuen – noch geheimen - Rennstiefels; sein wichtigster Ratgeber bei solchen Entwicklungen ist Grand-Prix-Rennarzt Claudio Costa. Aber auch außerhalb des Rennsports hält sich Drudi an seine Maxime von der Funktionalität. Zu sehen an der Rollerjacke »Scu«, die er gerade für Spidi entworfen hat. Mit geöffneten Seitenreißverschlüsse fährt man mit ihr bequem und gut geschützt dahin, sind die Reißverschlüsse zu, entsteht ein ganz normale Winterjacke – so cool, dass sie sich in Italien auch außerhalb der Zweiradszene gerade zum Hit entwickelt. Bekannt wurde Drudi aber vor allem durch den Rennsport. Durch Zufall lernte er den Grand-Prix-Rennfahrer Graziano Rossi kennen. Die beiden freundeten sich an, tobten sich im Winter mit ihren Enduros an den langen Sandstränden der Adria aus - »damals konnte man das noch« –, und schließlich entwarf der Grafikdesign-Student für Rossi einen Motorrad-Aufkleber. Der wiederum fiel Konstrukteur Giancarlo Morbidelli in die Hände, der den damals 22-Jährigen flugs für das Styling der Morbidelli 500 der Rennsaison 1981 engagierte. Der Jung-Designer nahm all seinen Mut zusammen und schlug mit Unterstützung der Techniker vor, der neuen Morbidelli wegen der besseren Aerodynamik eine Aluverkleidung aus einem Stück zu verpassen. »Sie war das erste Motorrad, das eine Verkleidung in Schalenbauweise hatte«, erzählt Drudi, noch heute stolz auf sein Erstlingswerk.Und dann kamen schon die Grand-Prix-Piloten, die eine Kombi oder einen Helm von ihm wollten. Der erste war natürlich Graziano Rossi ,es folgten weitere Italiener, später die internationale Elite. »Ich versuche immer, die Optik eines Helms oder einer Kombi dem Fahrer anzupassen«, verrät der Racing-Fan sein Erfolgsrezept. »Ich frage zum Beispiel, welche Farben für ihn eine Bedeutung haben oder ob er einen Glücksbringer hat.« So verpasste er Kevin Schwantz den Texasstern, Max Biaggi den Panther und den Gladiator, Marco Melandri ein Stachelschwein. Längst zum Freund geworden ist auch Grazianos Sohn Valentino Rossi, den Drudi von klein auf kennt und dem er immer wieder auffällige Kombis und Helme zaubert. Oder mal eine Verkleidung für seine Honda, wie nach dem Titelgewinn 2001. Nach den Terroranschlägen vom 11. September wollte Rossi, wie viele andere Piloten, seine Anteilnahme ausdrücken. Zusammen mit dem Designer und dessen Team dachte er sich für den letzten WM-Lauf in Rio ein Motorrad in »Weltfarben« aus: auf dem Scheinwerfer Europa, auf dem Kotflügel der asiatische Drache, Amerika auf dem Tank, Australien auf dem Heck, auf der Verkleidung oben Afrika und darunter Valentinos Dank an alle Freunde. Honda allerdings untersagte Rossi den Einsatz des außergewöhnlichen Renners.In letzter Zeit widmet sich Drudi verstärkt dem Outfit von Touren- und Rollerfahrern. »Die brauchen ebenfalls was Funktionales und vor allem etwas, was zu ihrem Fahrzeug passt. Es ist einfach lächerlich, wenn ich im Mick-Doohan-Outfit in einer Bank stehe.« Als passionierter Motorradfahrer entwarf er daher eine neue Linie in gedeckten Farben. »Eine Jacke, die nur gut aussieht, ab 50 km/h aber flattert wie der Teufel, kann man doch vergessen«, meint er. Wobei er sich in Sachen Optik keineswegs als Trendsetter verkaufen will. »Ich greife im Prinzip nur das auf, was ich sehe,« sagt Drudi. »Ich gehe zu Motorradfahrertreffen auf der ganzen Welt, da sieht man, was die Leute haben wollen.« Und was trägt der Meister selbst, wenn er mit seiner zum Naked Bike umgebauten Yamaha TDM unterwegs ist? »Derzeit leider einen schwarzen Helm ohne jedes Design«, grinst er. »Das ist wie beim Schuster: Der hat auch immer Löcher in den Sohlen, weil er für seine eigenen Schuhe keine Zeit hat.«

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote