Das Ende einer deutschen Motorrad-Rennkarriere (Archivversion) Das Ende einer deutschen Motorrad-Rennkarriere

Es war an einem sonnigen Tag vor gut zwölf Jahren. Ich drehte als Testredakteur auf dem Circuit de Ledenon meine Runden mit einer VV-Ducati, ein extrem starker Bolide mit Achsschenkellenkung. Ulrich Völkel, der Konstrukteur der VV-Ducati, hatte einen Testfahrer dabei, den er mir auch glatt auf den Pelz schickte. Am Ende der Zielgeraden stoch dieser Youngster an mir vorbei, winkelte seine Maschine, eine Achsschenkel-Boxer-BMW, sensationell ab – und flog auf die Nase. Ich hatte alle Hände voll zu tun, diesen Typen nicht zu überfahren, er hatte schlicht vergessen, dass die BMW dicke Zylinder hat und eben nicht so schräg abgewinkelt werden kann.Der Heißsporn war kein geringerer als Ralf Waldmann, damals noch 80-cm3-Fahrer und ein richtiges Talent, wie mir Ulrich Völkel versicherte. Am Mut fehlt es ihm jedenfalls nicht, dachte ich mir. Was folgte, war eine tolle Karriere als GP-Pilot und eine jahrelang unangefochtene Spitzenstellung in der Riege der deutschen Motorrad-Piloten.Und nun das Aus für Ralf. Ein Trauerspiel. Wie kann es sein, dass solch ein Top-Pilot keinen Vertrag mehr bekommt? Keine Sponsoren findet, und das mit erst 34 Jahren? Engagiert sich den hierzulande niemand mehr für einen deutschen Fahrer im Grand-Prix-Sport? Für mich ist das Ganze unverständlich. Sicher, Ralf ist nicht der große Diplomat und hat im Lauf seiner Karriere manchmal auf die falschen Leute gehört. Aber er ist auch kein Enfant terrible. Er zog weder Sponsoren noch Teammitglieder oder sein Material durch den Schmutz, wenn’s mal nicht so richtig lief. Und Rennfahrer sind schließlich nicht unbedingt leicht zu betreuende Menschen. In meinen Augen gibt es keine Grund, warum sich für einen solchen Spitzenfahrer mit einer solch großen Werbewirksamkeit in Deutschland keine Mittel mehr finden. MOTORRAD lässt in dieser Ausgabe noch einmal die Karriere von Ralf Revue passieren (Seite 138 bis 143). Ihm bleibt zu wünschen, dass er im Automobilrennsport Fuß fasst. Vielleicht kommt ja dort sein beispielloses Fahrtalent besser zum Tragen. Für den Motorrad-Rennsport ist Ralf Waldmann wohl verloren.

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