Das Motorrad 1/1903 (Archivversion) Ein Fall für die Wortkommission

In der Industriestadt Breslau liegen die Wurzeln der größten Motorradzeitschrift Europas: Wie sich Verleger Paul Förster und die Redakteure von »Das Motorrad« im Oktober 1903 daran machten, die Gesamtinteressen der Motor-Radfahrer zu vertreten.

Immer wieder – und erst kürzlich – trampelt schnöde Lehrerschelte durch den deutschen Blätterwald. Ständig Ferien, zu viel Geld und was der Ungerechtigkeiten mehr wären. MOTORRAD distanziert sich von solch billigem Spott, dennoch muss hier festgestellt werden, dass einer der ersten Motor-Reisenden, der allererste jedenfalls, der in »Das Motorrad« über seine Touren berichtete, ein nahe Wien beheimateter Pädagoge war. Heinz Kurz aus Mautern in Niederösterreich zählte, das verrät ein kurzer Artikel aus der Rubrik Umschau, schon auf dem Fahrrad zu den eifrigsten Touristen: 250000 Kilometer hatte er in den Beinen, als er nach 18 Jahren Pedal-Rittertums auf ein Motor-Fahrrad aus Neckarsulm umsattelte. Damit bewältigte Kurz binnen eines Jahres 15000 Kilometer, und das legt die Vermutung nahe, zumindest in Österreich hätten Lehrer vor 100 Jahren noch mehr Ferien gehabt als heute.Falsch vermutet, denn Lehrer Kurz war schlicht ein Besessener. Wien, Köln, Hamburg, Wien: So lauten die Stationen seiner in Heft 1/1903 beginnenden, mehrteiligen Geschichte. Ab Passau überwiegend im Regen, aber mit Tagesetappen, die sich auch heute noch sehen lassen können. Kurz dürfte auf seinem vierwöchigen Trip durchs Deutsche Reich so gut wie keinen Asphalt unter die Räder bekommen haben, mit Glück gepflasterte Chausseen, fast immer wird er über den Sommerweg neben dem holprigen Fahrdamm gestaubt sein. Immer wieder bohrten sich Huf- und sonstige Nägel in seine Reifen und bergauf musste er mittreten. Dennoch zeigte sich der k.k.-Schulmeister bestens zufrieden mit seinem 2 ¾ HP.Die deutsche Bezeichnung PS hatte sich noch nicht durchgesetzt, die gängigen Kategorien für Motorräder lauteten 1 ¾ oder 2 ¾ HP (Englisch: Horse Power), ein 4 HP war selten, das wenig später erscheinende 5 HP der Neckarsulmer Fahrradwerke galt mit seinem V-Zweizylinder unter deutschen Motor-Radlern als Sensation. In England oder Frankreich waren solche Boliden weniger fremd – sehr zum Leidwesen der deutschen Pioniere taten hiesige Behörden wenig, um die junge Fortbewegungsart zu fördern, wohl zehnmal mehr Krafträder zählte jede der beiden anderen großen Industrienationen.Auto, griechisch: selbst; mobil, lateinisch: bewegen. Auch Biker wollten um 1900 Automobilisten sein, das Ende des ersten Editorials einer deutschen Motorradzeitschrift lautet folglich: Auto-Heil. Die gemeinsamen Gegner von Chefredakteur Koehlich und seinen Lesern waren – ein echter Evergreen – Finanz- und Straßenbauämter, ganz spezielle Feindschaften entwickelten die Zweiradler gegenüber bestimmten Haustieren: Pferde waren ihnen zuwider, weil deren Äpfel tonnenweise die Straßen bedeckten. In Großstädten spülten Wasserwagen zwar regelmäßig den Kot fort, doch Heinz Kurz berichtet anschaulich von der Kehrseite dieser Reinigung: »...wodurch eine schmierige Schicht entstand, die Rad und Radler erst über und über mit Kot bespritzt und am Ende auf die Straße wirft.« Auf dem Land wiederum gab’s ständig Ärger mit Hunden (siehe obere Textleiste), und im Gegensatz zu Hayabusa und Co. machte ein 2 ¾ HP beim Zug am Gasseil noch keinen rettenden Satz nach vorn.Überhaupt waren die Dinger reichlich unpraktisch, was denn auch Zivil-Ingenieur H. Schrader bewegte, über »Das Motorrad« einen Vorschlag zu unterbreiten, »welcher wieder ein großer Schritt vorwärts in der konstruktiven Vollendung ist«. Der Autor tritt wortreich dafür ein, den Motor bei Bedarf vom Rade trennen zu können, ihn mittels einer Kurbel anzulassen, und seinen Artikel ergänzt eine Skizze, die nichts anderes darstellt als – eine simple Kupplung. Bis dahin lief der Motor ständig mit, die Übersetzung ließ sich bei einigen Motorrädern nur deshalb ändern, weil am Hinterrad zwei Riemenscheiben installiert waren. Absteigen, Riemen umlegen, wieder anradeln, Berg nehmen, wieder absteigen, Riemen umlegen und so fort.Die Macher von »Das Motorrad« waren schon 1903 ihrer Zeit voraus. Sie glaubten nicht an den Krieg als Vater aller Dinge. Sie glaubten auch nicht, Militärs könnten das Motor-Rad popularisieren. Aber sie widmeten sich der kriegerischen Verwendung des Kraftrads, weil »sich die Anforderungen der Heeresverwaltung an ein diensttüchtiges Fahrzeug mit denjenigen decken, die auch der Zivilist erfüllt sehen muss.« Außerdem, das sei zugegeben, wurde damals jeder begrüßt, der motorisiert zweiradelte, und so fand Kapitän Chodkow seinen Weg in »Das Motorrad«. Er prüfte im Auftrag des Zaren die Verwendung von Motor-Rädern der Neckarsulmer Fahrradwerke, welche – so vermeldet eine Notiz in der ständigen und eher unkritischen Rubrik »Meldungen aus der Industrie« – auch das deutsche Heer schon probeweise belieferten. Im Ersten Weltkrieg durften sich dann die Kradler beider Seiten messen, auf jeden Fall (siehe Interview Seite 50) verhalf letztlich doch erst dieses Gemetzel dem motorisierten Individualverkehr zum Durchbruch.Damit gelang, was friedliebende Interessenverbände nicht geschafft hatten. Auch »Das Motorrad« sympathisierte mit Vereinen, welche die Verbreitung des Motorrads auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Darin trafen sich um die Jahrhundertwende fast durchweg bürgerlich Freiheitsliebende, Männer zumeist, durchdrungen von echtem Sportsgeist und befördert von weit überdurchschnittlichem Wohlstand. Heinz Kurz mit seinem Lehrergehalt wird in dieser Szene eher den minderbemittelten Exoten gespielt haben. In Stuttgart gründete sich 1903 die Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung, der erste Präses war ein hochrangiger Daimler-Mitarbeiter, später ging aus dem DMV der allseits bekannte ADAC hervor.»Das Motorrad« lobt den neuen Verein über die Maßen, zählt jede Leistung (Diplome für Mitgliederwerbung) minutiös auf. Der Grund: Verleger Förster aus Breslau und seine Berliner Redakteure waren darauf angewiesen, Verbandsorgan zu sein. Damals existierte kein Vertrieb, der jede Zeitschrift binnen Tagesfrist an jeden Kiosk brachte. Wer Auflage machen wollte, musste sich über die großen Clubs verbreiten, mit viel Glück erreichte er einige Leser beim Trinken – die erste Eigenwerbung lautet: Verlangen Sie in guten Restaurants und Cafés »Das Motorrad«.

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