Das Motorrad in der Literatur (Archivversion) Romantick

Biker-Romane - gibt’s die? Wenn ja: Was unterscheidet sie vom Arztroman? Und welche Rolle spielt das Motorrad in der Literatur überhaupt? ?

Wie ungerecht die Welt doch sein kann: Da zaubert Biker Mick einen Benzinhahn hin, wie ihn die Harley-Welt noch nicht gesehen hat, muß die Rechte an dem Teil aber an seinen fiesen Boß verscherbeln. Mick braucht die Kohle für seine Ol’ Lady. Die liegt siech im Krankenhaus darnieder, und weil in den USA der Arzt erst die Kreditkarte, dann den Puls prüft, muß er obendrein Haus und Hof drangeben. Doch wie dankt’s ihm die Schlampe, kaum daß sie von den Scheintoten wiederauferstanden ist? Sie macht liederlich mit Micks schleimigem Boß rum. Dem Biker bleibt nur noch seine Panhead - bis sie ein übler, pockennarbiger, rauschgiftsüchtiger Halbmexikaner klaut. K. Randall Ball, als Herausgeber des amerikanischen Easy Rider-Magazins ein wichtiger Mann der Szene, tappt mit seinem Erstling »Prize Possession«, 1996 im Selbstverlag erschienen, in jedes Klischeetöpfchen. Schlimmer noch: Er hat angedroht, fünf weitere Bücher zu verfertigen. Ganz speziell für die richtig harten Harley-Fahrer. Kolbenklemmerfest ist er davon überzeugt, daß Biker die klassische Rolle der vom Aussterben bedrohten Cowboys übernehmen. Der alte Western ist tot, es lebe der neue. Und Randall Ball ist sein Prophet. Weil die Gerechtigkeit ausnahmsweise mal wieder siegt, entlarvt sich der fiese Chef als noch fieserer Heroinhändler, der, von Biker-Kugeln durchsiebt, auf der Romanstrecke liegen bleibt. Mick kriegt seine Harley wieder, dazu die passende Lady - und der üble Halbmexikaner so oft was auf die Fresse, daß ihm Mick sein tristes Leben schenkt. Dabei hätte er ihn, so Randall Balls krude Logik, auch umlegen können. Von wegen Cowboys, Biker und so. Und Pferdediebe wurden im Westen doch gehängt. Oder? »So mancher unglückliche Idiot hat diese harte Wahrheit lernen müssen: Berühre das Motorrad eines Bikers, und du kannst dein Leben verlieren.« Am diesem Buch gefällt eigentlich nur, daß es noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Und daß es einen unschätzbaren Beitrag loefert für den heftigen Disput, was denn Biker- vom Arztromanen unterscheide. Nichts. Abgesehen von dem kleinen, aber feinen Unterschied, daß die Schönschreiber der Götter in Weiß genau wissen, was sie tun: wohlverkäuflichen Stuß ausspucken - ohne allen Anspruch auf höhere Weihen. Mit dieser Erkenntnis sind sie dem Biker-Poeten K. Randall Ball meilenweit voraus. Auch darin, daß Arztheftchen nicht für Mediziner, sondern für Lieschen Müller geschrieben werden. Romane nur für harte Biker zu verfassen macht nicht mehr Sinn als Gedichte exklusiv für Hasenzüchter. Zumal das Motorrad diese Isolation gar nicht nötig hat, weil’s schon längst in die Literatur eingefahren ist, wo es die unterschiedlichsten Rollen spielt. DAS AKUSTISCHE MOTORRAD. Kräder sind beim deutschen Großdichter Arno Schmidt stets mit Lärm verbunden. Sie stören beim Rendezvous mit der Liebsten auf der grünen Wiese, oder machen an, wecken Mobiltätssüchte: Weg aus dem Kaff. Womit der kluge Mann bereits die zweite Funktion des literarischen Mopeds genannt hat: eine oder mehrere Personen von A nach B zu bringen. Wozu sich einige Autoren eine ganze Menge einfallen ließen. Zuletzt John Berger (Porträt Heft 3/1997) DAS SCHELMISCHE MOTORRAD. Der amerikanische Bestsellerautor John Irving frönt seinem Hang zu Bären und Motorrädern - in dieser Reihenfolge. In »Laßt die Bären los«, 1968, flüchten zwei Studenten aus dem spießigen Wien der fünfziger Jahre in die Alpen, wo Siggi die 750er Enfield gegen einen Laster voll mit Bienenkörben knallt - seine letzte, wahrlich bestechende Aktion. Doch Freund Graff erfüllt sein Vermächtnis, befreit die Tiere aus dem Wiener Zoo. In dem herrlich skurrilen Schelmemroman macht auch eine Renn-DKW von sich kreischen, aufgebaut von einem »mystischen« Rennmechaniker, der während des Zweiten Weltkriegs eine Kradfahrerstaffel anführt, desertiert und in einem slowenischen Scheißhaus ein unrühmliches Ende findet. Irvings Abgänge ins Jenseits haben immer einen makabren Nachgeschmack. DAS BÄRIGE MOTORRAD. Ein Kapitel kurz, 70 Seiten, kurvt ein Bär durch das melancholische und dennoch witzige Irving-Buch »Das Hotel New Hampshire«, 1982. Meister Petz hat sich sterblich in das Indian-Gespann seines Dompteurs, des österreichischen Juden Freud verliebt, duldet nicht, daß die Maschine losfährt, solange er nicht im Seitenwagen hockt. Als ein Kreuzfahrtschiff mit Nazis an Bord vor einem Hotel vor New Hampshire festmacht, animiert Freud, einen widerlichen Deutschen zur Probefahrt. Der zuckelt ein paar Meter weit, hört’s auf Brummen, gibt Gas. Zu spät. DAS EROTISCHE MOTORRAD. Donnert doch im Roman »Das Motorrad«, 1963, eine ungetreue Ehefrau mit ihrer Harley vom Elsaß nach Heidelberg, wo ihr Lover an der Uni lehrt. Die Chance für Autor Pieyre de Mandiargues, den gängigen Nonsens zum Thema Sex und Motorrad fast schon enzyklopädisch abzuhaken. Rebecca trägt unter der schwarzen Lederkombi nur Höschen, schmiegt eng sich an die Maschine, deren Kolben mächtig stampfen. Weil’s die Kehrseite schlüpfriger bürgerlicher Moral so will, findet die Ehebrecherin bei einem Verkehrsunfall ein tragisches Ende. DAS SINGLE-MOTORRAD. Philippe Djian stellt in »Rückgrat«,1988, die erotische Beziehung Pieyre de Mandiargues zum Motorrad auf den Kopf: Nach der Trennung von seiner Frau möchte ein Schriftsteller keine ernste Beziehung eingehen, läßt die holde Weiblichkeit nicht mal ins Haus, das er mit seinem Sohn teilt. »Ich hatte den Wagen verkauft und mir ein Motorrad zugelegt. Ich war sicher, daß es auf einem Motorrad keine drei Plätze gab.« Korrekt. Dumm nur, daß der Roman mit der Anschaffung eines Aston Martin endet. Aber das war zu erwarten: Djian beschreibt die Triumph so emotionslos wie eine Kaffeemaschine. DAS GESINNUNGSMOTORRAD. Mit dem Kauf eines MG-Cabrios endet die Rebellenkarriere des Walter von Brunt in»World’s End«, 1987, von T.C. Boyle. Zuvor hat sich Walter - verfolgt von Traumbildern seiner unglückseligen Vorfahren - mit der Norton Commando bei zwei Unfällen beide Füße abgefahren. Symbolträchtige Katastrophen: Schatten der Vergangenheit berauben ihn seiner eigenständigen Existenz. Sein Vater hat die Familie und die besten Freunde, Kommunisten und Bürgerrechtler, an die Mächtigen verraten, Walter wird seinen Hippie- und Ökologen-Kumpels ebenfalls ein Judas sein. Moped weg, Überzeugung weg. DAS PHILOSOPHISCHE MOTORRAD: Motorräder transportieren nicht nur Personen, sie eigenen sich auch als Vehikel für Ideen. Im Kultbuch »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten«,1974, postuliert Robert M. Pirsig: »Andere mögen darüber sprechen, wie man am Geschick der Menschheit weiterbauen kann. Ich möchte darüber sprechen, wie man ein Motorrad richtet.« Am besten so, daß es der »Pflege des Seelenfriedens dient«. Dann geht, wie beim HB-Männchen, alles andere wie von selbst. Pirsigs Ergüsse fließen dröge dahin, verquasen manchmal fürchterlich - keine Unterhaltungslektüre, denn der Autor hört den Weltgeist trapsen, kurvt ihm auf seiner Honda behäbig hinterher. DAS GÖTTLICHE MOTORRAD. Mit praktischen Tips für ein geistig erfülltes Leben möchte sich Joan Brady mit »God on a Harley«, 1995, der Leserschaft andienern. Christine, eine 37jährige Krankenschwester kehrt in ihre frühere Klinik zurück, stellt erschüttert fest, daß ihr Ex eine arrogante Ziege geheiratet hat, besäuft sich in einer Bar, bis ein netter Biker den Laden betritt. Weil sie der Männerwelt für immer abgeschworen hat, geht sie Zum-sich-Ausheulen an den Strand. Und wer wartet da auf sie? Joe heißt der Bursche, der im Auftrag des Herrn unterwegs ist - nicht Jesus persönlich, der hat wegen Überlastung seinen Stiefvater Josef von Nazareth auf Christine angesetzt. Joe bringt ihr den verlorenen Glauben wieder, dazu einen Freund fürs diesseitige Leben. Auf die Frage aller Fragen, warum Gott als Biker erscheine, antwortet Joe: »Seit die Hippies so rumlaufen wie Jesus, muß sich Gott, wegen der Verwechslungsgefahr, eben was Neues einfallen lassen.« Eine unfreiwillige Satire, die ihresgleichen sucht. DAS VIRTUELLE MOTORRAD. Seltsame Typen bevölkern auch die Zukunftswelt des SF-Romans »Snow Crash«, 1992, von Neal Stephenson. In der Rolle des Bösewichts: Raven, ein Hüne mit Harley-Gespann, in dessen Seitenwagen eine Atom-Bombe tickt. Hiro Protagonist, der Gute, fährt im realen Leben Yamaha und hat fürs Computer-Metaversum ein Motorrad-Programm geschrieben. Nach einer dramatischen Verfolgungsjagd im Cyber Space legt Hiro den grimmigen Raven das Handwerk, befreit die Erde von einem Supervirus aus babylonischen Zeiten. DAS MAGISCHE MOTORRAD. Auf eine völlig andere Art abstrus und phantastisch, weil mit nordischer Mythologie befrachtet, rollt »Das Schlafrad« ,1990, des Isländers Gyrdir Eliasson. Die entscheidenden Ortswechsel geschehen allerdings nicht mit der blauen Suzuki, sondern in der Badewanne. Abends drin einschlafen, morgens in einer anderen Wohnung aufwachen. Das Moped verliert seine Funktion, degeneriert zum Fahrrad. Freilich nichts Neues in der Literaturgeschichte. Denn da gibt es ja noch DAS VERKANNTE MOTORRAD. Aus dem Wort »bike« im Gedicht »Sanies«, 1933-35, von Samuel Beckett hat die Übersetzerin ein Fahrrad gemacht, obwohl Motorrad gemeint war (»Pounding along in three ratios«). Sie konnte sich wohl nicht vorstellen, daß sich ein solcher Geistesriese mit Motorräder abgab. Hat er aber, nicht nur im Gedicht. Weswegen das Motorrad schon längst auf dem Olymp der Hochkultur parkt.

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