Der Fall Hayabusa (Archivversion) Voll auf Entzug

Frankreichs Innenminister blies zur Hatz auf Temposünder. Und nahm die Kollegen von Moto Journal ins Visier. Wegen Hayabusa, 340 km/h und so.

Für eine Motorradzeitschrift ist das der Supergau: Importeure rücken keine Testmotorräder mehr raus, die Industrie storniert alle Anzeigen. Und das fünf Wochen lang. Ziel dieser konzertierten Aktion: Die Redaktion auszuhungern. So geschehen in Frankreich mit den Kollegen von Moto Journal. Nach ihrem Bericht von der Hayabusa-Präsentation.Was an dem so verwerflich war? »Vorsätzliche Anstiftung zur Raserei«, warf das Verkehrsministerium den Journalisten vor. Und gemäß einem Gesetzentwurf, der demnächst in Kraft treten soll, können Temposünder bei unseren Nachbarn eh wie Kinderschänder, Bankräuber oder Vergewaltiger bestraft werden. Und mitten in Gallien hinter schwedische Gardinen wandern. Mit fahren ist dann nämlich nichts mehr. »Ein bißchen arg übertrieben, das Ganze«, meint Klaus Martin, Chefredakteur des Schwesterblatts von MOTORRAD, rief mit auf zur Unterschriftenaktion und Demonstration gegen diese Pläne. Und dachte sich, daß ein bißchen Ironie wohl nicht schaden könne. Also »340 km/h« dick aufs Titelblatt mit dem Hayabusa-Fahrbericht , und auf einer parodistisch aufgemachten Doppelseite prangte ein Aufkleber auf dem Visier des Testers. Worauf stand: »Genehmigt von Gassot«. So heißt der zuständige Minister für Verkehr .Verführung zum Schnellfahren, kombinierten die Beamten in Paris. Manchmal rächt es sich eben doch, nicht »Vorsicht Satire!« über die eine oder andere Seite zu setzen. Die Bürokraten jedenfalls verstanden keinen Humor, nahmen die Chose bitterernst. Und ihr Bannstrahl zeigte Wirkung. Ausgerechnet bei der Industrie. Die fürchtete, der nach langer Flaute wieder in Bewegung gekommene Motorradmarkt könne erneut stagnieren. Strafte also mit Testmotorradentzug sowie Anzeigenstopp Moto Journal, den Marktführer in Frankreich, und verlangte darüber hinaus allen Zeitschriften die Unterzeichnung eines Wohlverhaltenabkommens ab. Darin wird gefordert, daß weder Hochgeschwindigkeitsexzesse noch verkehrssicherheitsgefährdende Aspekte in Artikeln über ihre Produkte vorkommen sollen. Wer sich dran hält, bekommt ein Gütesiegel, auf dem, frei übersetzt, »herstellerfreundlich« zu lesen ist.»Nicht mit uns. Das widerspricht unserer Auffassung von journalistischer Unabhängigkeit«, betont Chefredakteur Klaus Martin nach diesem unsittlichen Angebot. »Solche Vorschläge sind für uns nicht tolerierbar.« Und er verweist auf die Geschichte, mit der alles anfing: »In der Story über die Hayabusa haben wir gefragt, ob man dieser Maschine den verkehrsmoralischen Prozeß machen muß. Und wenn man sie schon an den Pranger stellt, warum dann nicht auch Bikes vom Kaliber einer Yamaha R1, Kawasaki ZX-9R oder Honda CBR 1100 XX.« Am Pranger stand dann doch nur Moto Journal. Die Leser erwarteten Informationen, vor allem Tests, Tests, Tests. Ohne Motorräder schwierig zu machen. Was dann geschah, liest sich wie eine Asterixiade. »Wir befinden uns im Jahr 1999 nach Christus. Ganz Gallien ist von Bürokraten besetzt ... Ganz Gallien? Nein. Eine von unbeugsamen Journalisten bevölkerte Redaktion hört nicht auf, den Reglementierern Widerstand zu leisten.« Was freilich nur klappte, weil sie gute Freunde hatte. Händler und Leser, die den ganzen Unfug nicht mitmachen wollten und deshalb mit Testmaschinen aushalfen. Am 15. März lief der Boykott aus. Die Watschen, die Politik und Industrie den Kollegen verabreichen wollten, hatten nicht die erhoffte Wirkung. »Aber damit sind die Drohungen mit Sanktionen natürlich nicht von Tisch«, bemerkt Klaus Martin. »Die können jederzeit wieder ausgesprochen werden.“

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