Der Goldene Abfalleimer (Archivversion)

Verarscht

Derbe Motorradhandschuhe auf zartem Po - für die Women on Wheels sind nackte Tatsachen in der Motorradwerbung echt für’n Arsch und des Goldenen Abfalleimers würdig - Symbol ihres Kampfs gegen die Versexung der Biker-Szene.

Unglaublich, wie Biker sexuell belästigt werden: Kaum ist der neue Racing-Auspuff vom schnöden Karton befreit, der’s blanke Rohr vor geilen Blicken schützt, stürzen sich auch schon wonnebolzige Blondinen auf den genervten Schrauber, reißen sich die Klamotten vom Leib und ihm die Vier- in-eins aus der Hand, um damit phallische Spielchen zu treiben. So kommt der Auspuff nie ans Moped. Und die Weiber sind wieder mal an allem schuld. Anzuglotzen im Technikkatalog 1996/97 des Zubehörversenders Schuh. Ein klarer Fall für die Women on Wheels (WoW) und ihren alljährlich verliehenen »Goldenen Abfalleimer« - ein Negativpreis für üble Werbung der frauenfeindlichen Art. »Im Schuh-Katalog wurden Frauen zu bloßen Objekten degradiert«, begründet Inge Landmann, eine der Sprecherinnen des Clubs, die Wahl. Den Schuh zieht sich Wolfgang Helmstege, Vertriebschef der Firma, mittlerweile selbst an. »Der Abfalleimer steht als Mahnmal in unserem Büro.« Auf daß ein solches Malheur nie wieder passiere. Schuld waren, natürlich, wieder mal andere - der Hersteller der Anlagen. »Wir haben dessen Fotos übernommen, hatten keinen Einfluß auf die Gestaltung.« Weil Schuh den Eimer schon hatte, ging die Maschinenbau GmbH Krontec unbekübelt aus. Die läßt propere Mädels für ihre Bremsleitungen die Brüste hinhalten. Worauf ihr prompt ein Protestschreiben der WoW ins Haus flatterte. Das umgehend beantwortet wurde. Von einer Frau. Weil’s dann überzeugender klingt. »Es ist doch viel schöner, eine junge, gut aussehende Frau zu betrachten als das Gegenteil«, schrieb Krontec-Emanzenschreck Iris Ebkemeier. Und fügte schnippisch hinzu: »Allerdings kommt bei vielen Frauen dann der Neid auf, daß sie vielleicht nicht unbedingt mit diesen Schönheiten konkurrieren können.« Das beliebte Argument von der Neidgesellschaft trifft die WoW überhaupt nicht. »Wir haben nichts dagegen, daß attraktive Frauen abgebildet werden, nur sollte noch zu erkennen sein, daß sie auch Motorrad fahren.« Und das sieht Inge Landmann weder bei Krontec noch beim aktuellen Polo-Katalog. »Die leichtbekleideten Models da drin sind einfach nur Blickfang und Staffage.« Mit dem Erwerb der Ware legt der Kunde eben auch an Attraktivität zu, suggeriert die Werbung. Das richtige Deo - und Mädels rennen dem Besprühten rudelweise nach; der richtige Auspuff - und Beauties sind mal wieder voll Rohr. Sex sells - diese uralte Weisheit der Werbebranche gilt eben immer noch. Wenngleich unter veränderten Voraussetzungen. Das Durchschnittsmodel von heute trägt nicht mehr dick auf, von der Diätmagarine mal abgesehen. »Die plumpe Masche ist passé«, meint Schuh-Mann Helmstege. »Der Anteil der motorradfahrenden Frauen nimmt zu, das ist ein wichtiges Kundenpotential, das nicht durch sexistische Werbung vergrault werden sollte.« Erst kommt der Umsatz und dann die Moral. Nackte Mädels sind Mittel zum Zweck, wenn der nicht realisiert wird, sollten sie sich schnell was überziehen. Dann arbeiten Frauenbewegung und die Marketingabteilungen prima Hand in Hand. »Eine Gruppe enthusiastischer junger Damen« nennt Eimer-Mann Helmstege die WoW und fügt allen Ernstes hinzu: »Schade eigentlich, daß sie so viel zu tun haben.« 1994 hatte »mopped«, eine Schwesterzeitschrift von MOTORRAD, den Goldenen Abfalleimer bekommen. »Mir ist aufgefallen«, erzählt Inge Landmann, daß danach die nackten Frauen aus dem Heft verschwunden sind.« Ein unmittelbarer Erfolg? Volker Koerdt, mopped-Entwickler und heute Chefredakteur der Hifi-Blätter Audio und Stereoplay, sieht die Chose anders. »Wir haben versucht, ein Motorradblatt im Boulevardstil zu machen. Da das Neuland war, haben wie einfach Elemente dieses Genres ausprobiert. Dazu gehörten Fotoroman, Horoskop, Kreuzworträtsel und eben auch Pin-ups.« Als Leserbefragungen zeigten, daß der Erfolg des Blattes damit überhaupt nichts zu tun hatte, verschwanden diese Elemente wieder - Mädels inklusive. »Dennoch: Der Goldene Eimer war für uns auch eine PR-Geschichte« erinnert sich Koerdt. Publicity, die sogar Neid erweckte. »Nach der Preisverleihung auf der IFMA kam der Bert Poensgen von Suzuki zu mir und sagte: Schade, daß wir den Preis nicht erhalten haben. Eine bessere Werbung hätten wir uns nicht wünschen können.« Jetzt kann er sicher noch lange auf den Eimer warten.
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WoW und der Goldene Abfalleimer (Archivversion)

Inge Landmann, einer der Sprecherinnen der Women on Wheels
Wie kam’s zum »Goldenen Abfalleimer«?Sexismus in der Motorradwerbung war für WoW schon immer ein Thema. Und als wir uns überlegten, wie wir unsere Kritik medienwirksamer ‘rüberbringen könnten, kamen wir auf die Idee mit dem Goldenen Abfalleimer.Erhofft frau sich Besserung von den Preisträgern?Selbstverständlich. Allerdings haben wir das nicht immer genau verfolgt. Die Zeitschrift »,mopped« hat den Goldenen Abfalleimer ja ebenfalls erhalten. Danach waren keine nackte Frauen im Heft. Allerdings spielten Frauen dann fast überhaupt keine Rolle mehr, was mir auch nicht gefällt. Denn wir sind daran interessiert, daß Frauen vorgestellt werden, die tatsächlich auch Motorrad fahren.Und solche Frauen möchten Sie auch in der Werbung sehen?Richtig. Frauen, die Netzstrümpfe und Stöckelschuhe tragen, die fahren nicht. Wie reagierten denn die Preisträger während der Verleihung?Die Tendenz ist die, die Sache runterzuspielen, lächerlich zu machen. Uns ist bewußt, daß wir da als zickige Frauen angesehen werden, die sich über alles aufregen.Können Sie mit diesem Image leben?Ich finde das nicht schön, aber ich denke schon, daß über diese oberflächliche Reaktion hinaus doch einige Leute zum Nachdenken anregen.

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