Der Motorradfahrer des Jahres 2004 – Das Finale (Archivversion) stolz wie ulrich

Die 27 besten Motorradfahrer Deutschlands trafen am Nürburgring aufeinander, um den Allerbesten zu finden. Von Konkurrenz keine Spur – sie waren stolz, es bis hierher geschafft zu haben.

Es ist Anfang September. Und im
Radio erzählt einer etwas von Hoch »Lasse«, blauem Himmel und Motorradwetter. Sogar über der Nordschleife des Nürburgrings, dem launischsten Fleckchen Deutschlands, scheint die Sonne. Ein Wetter zum Helden zeugen oder eben zum Motorradfahren. Alles prima, wäre da nicht der Spuk im Kopf.
Als hätten sich die Teilnehmer abgesprochen, sagen alle das Gleiche. »Nur Letzter will ich nicht werden, alles andere wird sich zeigen.« Haben die alle zu
viel Olympia gekuckt? Von wegen »dabei sein ist alles«. Das ist ein Wettbewerb, bei dem es eine 12000-Euro-BMW R 1200 GS zu gewinnen gibt! Mal sehen, wie stark
der Siegeswille ist. Schließlich dauert das Finale beim »Motorradfahrer des Jahres« drei Tage, 15 Prüfungen sind zu bestehen, und es kann eine Menge passieren...
Maik weiß das. Er ist zum vierten Mal dabei, geschickter Trialfahrer und sozusagen der Routinier im Feld. So gibt er sich auch: ruhig, zurückhaltend, beobachtend. Schachspieler-Mimik. Letztes Jahr ist er auf einem der vorderen Plätze wegen
Sturzes ausgeschieden. Und diesmal legt er sich wieder ab. Gott sei Dank in der einzigen Prüfung, in der so ein Missgeschick lediglich mit Punktabzug und nicht mit Ausschluss bestraft wird: im Enduro-Parcours. Er platscht mit voller Breitseite in eine Pfütze. »Zum Glück habe ich rechtzeitig Mund und Augen zugemacht, sonst hätte ich Schlamm schlucken müssen.«
Beim Abendessen werden die ersten Erfahrungen ausgetauscht, lange bleibt keiner, und eine Stippvisite in der Hotelbar fällt flach; morgen geht es auf die Nordschleife, da muss man fit sein.
Montag, 7.45 Uhr, Entspannungsübung, und los geht’s. Nicht viel später kehren Helfer Ölbindemittel von der
Strecke. Ein Favorit, der beste Fahrer aus
Luxemburg, Tom, hat zu viel riskiert. Seine KTM schlittert mit dem fiesesten aller Kratzgeräusche über den Asphalt. »Uuhh, autsch«, stöhnt das Publikum. Tom ist nichts passiert. Nur das Ego ist angekratzt, er reist ab, kein Tschüs, kein Au revoir.
Zu dieser Zeit fahren die anderen Achten. »Als ich gesehen habe, wie der Maik da mit
seiner Kawa rumzirkelt, ist mir die Kinnlade runtergefallen«, meint Teilnehmer Ralf.
Am Nachmittag ist der Handlingparcours dran. Wieder Kratzgeräusche. Erik schmeißt sich und seine CBR 900 aus dem Rennen. Ihm ist nichts passiert, seiner CBR nicht viel; den linken Spiegel hebt er als Andenken auf. Erik ist tapfer, er bleibt bis zum Schluss. Und kann sogar wieder schmunzeln, als er sieht, wie die anderen bei der Überraschungsprüfung mit einem extravaganten Buell-Gespann rumgurken. Der Standard-Instruktor-Spruch dazu: »Wer Motorradfahrer des Jahres werden will, muss auch damit umgehen können, schließlich dürft ihr mit eurem Schein
ja auch solche Teile fahren.« Später wird
es heißen, es war eine der besten, weil
ungewöhnlichsten Prüfungen überhaupt.
Zu guter Letzt geht es noch für einige geführte Runden auf die Nordschleife. Für Ingos Kreislauf ist das zu viel. »Die Auf-
regung und das Rauf und Runter bin ich nicht gewohnt.« Nach einer Pause, etwas Süßem und viel Wasser ist er wieder okay und dreht seine Runden auf dem Grand-Prix-Kurs. Dort gibt es Punkte für sauberen Fahrstil und gleichmäßige Zeiten.
Dienstag, Tag der Entscheidung. Erste Prüfung: Jägerparcours mit dem Langsam-Slalom kurz vorm Ziel. Der Platz liegt im Schatten, ist entsprechend kühl. Innerhalb von wenigen Minuten rutschen Ingo und Florian an der gleichen Stelle weg. »Oh Mann, so ein blöder Anfängerfehler, das kommt davon, wenn man sich zu sicher
ist und zu viel will.« Aha, dabei sein
ist also doch nicht alles. Beide machen
zerknautschte Gesichter. Wenig später
ist der erste Frust vorbei. Die Maschinen
sind halbwegs in Ordnung, und Ärgern bringt eh nichts mehr.
Nachmittags stehen bewertete Nordschleifenrunden an. Dann folgt Show-Programm: Christian Pfeiffer – weltbester Motorrad-Akrobat, manche nennen ihn Physik-Überlister, zeigt sein Können. Und Markus Barth, schneller Rennprofi und MOTORRAD-Tester, lädt zum Mitfahren ein. 21 Ring-Kilometer, 33 Links-, 40 Rechtskurven in einem Tempo, dass du hinterher nur noch stammeln kannst. Wie Claudia: »Unvorstellbar, was der macht«, erklärt die erste Frau, die es je ins Finale der Veranstaltung geschafft hat.
Abends: Sekt, Häppchen, Siegerehrung. Und der Gewinner ist, tada, Ulrich Kunzi aus Winnenden bei Stuttgart. Tosender Applaus. Seine Familie ist ebenfalls anwesend. Und alles passt zusammen. Ulrich feiert nämlich heute auch noch
den neunten Hochzeitstag mit seiner Frau Beate. Die hatte sich damals beim Motorradkauf durchgesetzt. Ulrich wollte eigentlich eine Pan European, Beate gefiel aber die knallrote, inzwischen 13 Jahre alte
VFR 750 viel besser. Und weil ihr die BMW auch gefällt, wird die VFR nun in den Zweitmotorrad-Ruhestand geschickt.
Unser tragischer Held Maik landet mit zwei Punkten Rückstand auf dem zweiten Platz. »Tja, vielleicht nächstes Jahr...«
Wir sind gespannt – auf Maik und
die anderen und das Wetter am Ring.
Weitere Infos unter www.motorradfahrer-
des-jahres.de.

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