Der Weg eines Testmotorrads (Archivversion) Schnee von gestern

Es ist der Weißheit letzter Schluß, daß der Redaktor Kilometer fressen muß. Wie die MOTORRADler es schafften, die neuen Modelle aus dem winterlichen Deutschland frisch für den Frühling ins Heft zu hieven.

Es war die reine Holle. Die Frau kannte kein Erbarmen: Schnee, Schnee, Schnee. Die Alpen deckte er zu wie ein Leichentuch. Selbst in Stuttgart gingen Lawinen nieder. Gaben sich dachabwärts voll die Kante. »Hier fahren kannste vergessen«, stöhnte MOTORRAD-Testchef Gerhard »Gegesch« Lindner, Und rief abermals zur Krisensitzung. Der dritten von Fünfen an diesem 1. Februar. »Stefan, Matthias, ab in den Süden mit Trophy, Cyclone, den GSX 600 und 750 F.« Triumph und Buell müssen in ‘nen Einzel-, die Suzis in den Doppeltest. Und alle auf einmal vor die Kamera. Nicht nur das schneebringende Tief, auch der Termin drückt. Gewaltig. Donnerstag, 4. Februar. Von neun bis halb drei warnblinkte der redaktionseigene Mercedes Sprinter stupido im Parkverbot vor der Motor-Presse. Lockte, eisiger Niederschläge zum Trotz, wetterfeste Politesse an. Die, als Matthias Schröter sie erblickte, eben flink den Griffel zückte. »Ohne Leute wie Sie herrschte ja die reine Anarchie«, charmierte der Tester gegen das Knöllchen an. Eine geniale Strategie, so schien es. Aber am Ende seiner Lobrede auf die Uniformierte löhnte Matthias statt der ursprüngllichen 30 happige 50 Märker. Eine Schiebung sondergleichen. Doch die zweite folgt sogleich. Denn Warnblinklampen, so sie zu lange leuchten, meucheln Batterie, bringen Redaktor zum Keuchen. Stefan Kaschel, erst seit vier Tagen fest im Team, gab einen grandiosen Einstand, pardon: Auflauf. Joggte, den Mercedes samt der vier Bikes und Matthias drin vor sich hertreibend, die Straße entlang. Bis der Sprinter endlich seinem Namen Ehre machte ... In Mulhouse dann lief alles normal: Rauschgiftkontrolle. »Wenn die Zöllner Typen mit Motorrädern sehen, denken sie sofort, die geben voll Stoff«, griente Matthias, der hier des Winters öfter vorbeikommt. Man kennt sich. Anscheinend noch nicht gut genug. Nachts um elf und etliche hundert Kilometer später einchecken im Hotel an der Ardèche. Restaurant dicht, Bar ebenso. Gute Nacht ... Konnte man brauchen. Denn am Morgen danach gab’s nur noch eins: Streß. »Gegesch hat angeläutet, ob ich nicht mal g’schwind Trophy, Buell und Suzis ablichten könnte«, gähnte Morgenmuffel Markus Jahn in die Runde. Die sich Punkt neun am ausgemachten Treffpunkt fand. Zusammen mit MOTORRADlerin Monika Schulz war der Fotograf mal eben schnell aus Marseille raufgedüst, wo die beiden wild gerödelt hatten, um sich von Suzuki SV 650 und Ducati Monster Dark ein vergleichlich klares Bild zu machen.. 1200 Kilometer war die Trophy, der dezent facegeliftete letzte Triumph-Vierzylinder, in MOTORRAD-Diensten nun schon durch die Lande gegondelt. Immer schön huckepack. Der Startschuß zur Schnee-Trophy war am 2. Februar gefallen. Da mußte eh ‘ne Kawasaki retour zum Importeur in Friedrichsdorf. Praktischerweise ließ sich Triumph im selben hessischen Städtlein am Taunusrand nieder. Und auf dem Weg dorthin macht der schnieke Importeurssitz von Harley-Davidson in Mörfelden, nur ein paar Minuten abseits von Autobahn und Startbahn West, echt was her. »Ist doch prima, drei Fliegen mit einer Klappe«, freute sich Gerry Wagner, bei MOTORRAD für die Testmaschinen, Transport, Wartung, Werkstatt und die ganze Messerei verantwortlich. Der Truckerjob - ein Fall für Christian Vetter, der sich mit solchen Trips sein Studium der Produktionstechnik finanziert. Bei Schneeregen auf die angeweißte Autopiste, Buell bei Harley abgreifen, ZRX bei Kawa auf den Hof schieben, die, im wahrsten Sinn des Wortes, einzigartige Lokalität des Friedrichsdorfer Industriegebiets entern - eine Imbißstube im resopalfreudigen Stil der fünfziger Jahre -, dortselbst in Gesellschaft zweier in nobles Tuch gewandeter Japaner leckere Currywürste verzehren, alsdann Trophy abgreifen ... »Paßt auf beim Testen, die Reifen sind noch ganz neu«, rief ein Triumph-Techniker noch hinterher.. »Vorsicht, die Reifen!«. »Schon gecheckt«, antwortete Stefan beim Ausladen im Tal der Ardèche. Wo’s auf dem Weg nach Süden beginnt, dezent mediterran zu werden. Schon ein paar Kilometer weiter nördlich wär’s zappenduster gewesen. »Natürlich könnte ich mitten im deutschen Winter fotografieren. Aber unsere Leser würden sich wundern, solch angegraute Fotos im Heft zu sehen. Sie sind Besseres gewöhnt. Und jetzt hau endlich ab.« Sie nervte, diese Wolke, die Markus das Licht versaute. Weil sie sich just immer dann vor die Sonne schob, wenn der Fotograf abzudrücken gedachte. Zeit überbrücken. Notstromaggregat angeworfen und Scheinwerfer zum Leuchten gebracht, um ordentliche Standard- und Detailaufnahmen zu schießen. Derweilen kurvten Matthias und Stefan die Bergsträßlein auf den Mopeds, die gerade nicht Modell standen, rauf und runter. Fahreindrücke sammeln. Endlich. Wolke weg. Schnell raus aus der Kombi, rin in die Kombi. Auf der Triumph kannste nicht in derselben Kluft wie auf ‘ner GSX 600 rumturnen. Sonst läuft der Grafikchef amok. Markus schuftete im Akkord. In der Zeit, die’s normalerweise braucht, ein Motorrad zu fotografieren, knallte er zwei Einzeltests (Trophy, Buell M2 Cyclone) und einen Doppeltest (Suzuki GSX 600/750 F) weg.Punkt 16 Uhr: Schluß. Licht weg, und Matthias mußte eh los. Mutter hatte Geburtstag. Mitternacht im Wintersturm ab von der Autobahn. Übern metertief beschneiten Schwarzwald Richtung Freudenstadt. Matthias dort vor der Haustür abgesetzt. Stefan - allein nach Haus. Ankunft: Stuttgart, Samstag 4.30 Uhr. Am Montag drauf, dem 9. Februar, klemmte sich Stefan hinters Steuer eines angemieteten 7,5-Tonners. Ab nach Spanien. Für seine Trophy war da freilich kein Platz drin. Reserviert für Maschinen, die noch nicht fotografiert waren. Konsequenz: nach der Rückkehr hierzulande testen. Hieß: die winterlich erfahrenen Eindrücke zu interpolieren, zu relativieren, mit den in Frankreich zurückgelegten Kilometern zu vergleichen. Motorräder sind nicht darauf abgestimmt, bei Temperaturen unter Null im Schnee und Eis bewegt zu werden. Bedeutete für Gerry, den Meß-Diener: Auf dem Hockenheimring, wo er immer wieder montags zusammen mit Rennfahrer und MOTORRAD-Mitarbeiter Markus Barth die Werte-Diskussion in der Leserschaft anheizt, lief gar nichts. Anruf beim Wetteramt. Nördlich von Würzburg könnte mit einigermaßen erträglichen Straßenbedingungen zu rechnen sein. Also nichts wie rauf auf die Autobahn mit Christian, dem truckernden Studenten, als Ballast. Raus aus dem Parkplatz. Gas, Gas, Gas. »Mit der Triumph Trophy kein Problem, die läuft ja gerade mal 200 und ein paar Zerquetschte.« Achtmal rast Gerry die A 81 rauf und runter, ohne, was schon mal vorkommen kann, eine dritte Spur aufzumachen. Zweimal Geschwindigkeit messen, einmal mit, dann gegen den Wind, ebenso Durchzug. Dann die ganze Chose noch mal. Zu zweit. Ein Trucker, der sich an diesem trostlos verhangenen Tag eine Zigarette im Schneeregen gönnte, quatschte die Meßieurs von der Seite an. »Das ist doch ein Scheißjob, oder?« Findet Christian überhaupt nicht. Einen Tag später war er erneut auch Achse. Wettergeschützt im Sprinter. Trophy abgeben, Currywurst einwerfen.

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