Der Zweikampf Biaggi gegen Rossi (Archivversion)

Gipfeltreffen

Respekt ja, Sympathie nein: Wenn Max Biaggi und Valentino Rossi aufeinandertreffen, knistert es vor Spannung. Im nächsten Jahr setzen die italienischen Erzfeinde ihr Duell mit neuen Viertakt-Rennern fort.

Nach dem Gewinn der 500er-Vizeweltmeisterschaft in Rio war Max Biaggi mit der Welt im Reinen. »Außer mir waren noch sieben Piloten auf Yamaha unterwegs, Valentino Rossi hat aber trotzdem elf von sechzehn Rennen gewonnen. Neben seinem unbestrittenen Fahrkönnen gibt es dafür auch technische Gründe«, wiederholte er als Beweis, der Honda-Star habe eben auch das beste Motorrad gehabt. Dass sein großer Gegner auch der bessere Fahrer war, erwähnte er natürlich nicht. Rossi zieht am Kurvenausgang so fein kontrollierte Slides, dass man sie zwar an der Motordrehzahl hören, nicht aber an einem qualmenden Hinterrad erkennen kann. Nach dem Sachsenring-GP, wo er mit Platz sieben vernichtend geschlagen wurde, drehte er auch bei der Vorbereitung der Rennen am Gasgriff. »Viele meiner Vorschläge wurden bis dato ignoriert. Doch nach dieser Niederlage begriff Cheftechniker Jerry Burgess, dass er meinem Weg folgen und noch mehr Tricks beim Set-up ausprobieren musste. Und prompt leisteten wir in Brünn fantastische Arbeit.« Während selbst Hondas ehemaliger Dominator Mick Doohan pro Boxenstopp höchstens zwei, drei Änderungen ausführen ließ, entpuppte sich Rossi als analytisches Genie, das laut Burgess »eine unglaubliche Anzahl an Modifikationen spüren und auswerten« könne. Unter dem Druck eines noch stärker gewordenen Gegners baute Biaggi drei Stürze in vier Rennen und musste sich sagen lassen, er habe die Umstellung von einer 250er zur 500er verschlafen. »Er hat dort vier Titel geholt und fährt immer noch extrem übers Vorderrad. Nie, überhaupt nie kannst du ihn sliden sehen«, beobachtete Rossi. »In diesem Stil kannst du maximal drei, vier Rennen pro Jahr gewinnen, denn du brauchst ein hundertprozentiges Set-up. Wenn du es nicht hast, geht es dir wie mir letztes Jahr – ich bin anfangs ebenfalls pausenlos übers Vorderrad gestürzt.« Biaggis Rennstürze haben aber noch einen zweiten Grund: Die innige Feindschaft mit Rossi, die beim Barcelona-Grand-Prix mit einem Faustkampf hinter dem Siegerpodest kulminierte und nach dem sich Biaggi geschworen hatte, auf der Strecke Revanche zu üben sowie Rossi mit Siegen um jeden Preis die richtige Antwort zu verpassen.»Was in Barcelona passiert ist, nimmt etwas weg von unserem Sport«, sucht Biaggi nach Worten. »Ein Teil des Problems sind Rossis Fans. Sie sind arrogant und aggressiv. Motorsport sollte ein Genuss für alle sein und nicht enden wie Fußball, wo die Hooligans nicht mehr aus Freude am Sport, sondern aus purer Lust an der Auseinandersetzung in die Stadien gehen.« Biaggi ist selbst ein talentierter Fußballspieler, dessen Lebenstraum ursprünglich darin bestand, für den AS Rom auf Torjagd zu gehen. Bis er einen Freund auf einen kleinen Rundkurs begleitete. »Ich war sofort fasziniert von der Geschwindigkeit und der Art, in der die Fahrer in die Kurven gingen. Eine Liebe auf den ersten Blick.« Wenige Monate später kehrte er mit einem eigenen Motorrad auf jene Strecke zurück und war »auf Anhieb sehr gut und sehr schnell«. Monatelang schuftete der 18-Jährige, um sich den Einstieg auf eigene Faust leisten zu können, und blieb in seiner kometenhaften Karriere immer ein einsamer Außenseiter, besessen vom Drang, aus den kleinbürgerlichen Verhältnissen des väterlichen Lebensmittelgeschäfts herauszuwachsen, getrieben von der Sucht nach Status und Anerkennung.Was teuer ist, muss gut sein, denkt der Monaco-Resident bei Restaurantbesuchen. Er pflegt Bekanntschaften aus dem Jet-Set, und gibt gelegentlich peinliche Antworten wie auf die Spaßfrage, ob er Armani oder Prada bevorzuge. »Armani«, sagt Biaggi, »weil ich Giorgio so gut kenne!« Noch heute schwärmt er von den Beinen Naomi Campbells, einer kurzen, unbedeutenden Affäre, die Rossi frech dadurch parodierte, dass er beim Mugello-Grand-Prix 1997 eine aufblasbare Gummipuppe mit der Aufschrift »Claudia Schiffer« als Sozia mitführte. »Biaggi umgibt sich nur mit Sängern, Schauspielern, Models und Fußballstars. Richtige Freunde hat er nicht«, fiel Rossi schon damals auf und gab gerne bekannt, dass er ihn für einen guten Fahrer, aber unausstehlichen Menschen hielt. »Eintritt nur für Gott«, schrieb der ehemalige italienische Grand-Prix-Star Loris Reggiani einmal über die Biaggi-Box, weil der stets auf Sonder-Privilegien pochte - neurotische Profilierungsversuche des Yamaha-Fahrers, der andererseits ein fürsorglicher Familienmenschen ist. Seinem Vater spendiert er alle Reisen zu den GP und richtete wegen seines im August an Leukämie gestorbenen zehnjährigen Neffen eine Stiftung ein. Die Herkunft ist freilich ein weiterer Grund für Biaggis Isolation. Rom zählt in den Augen der Norditaliener zu Süditalien und damit eher zu Marokko als zur zivilisierten Welt. Vor allem ist es weit weg von jenem Gürtel zwischen Bergamo und Venedig, in dem das eigentliche Herz des Motorradrennsports, seiner Fans und seiner Geldgeber pocht. Rennfahrersohn Valentino Rossi ist in diesem Gürtel aufgewachsen und durfte sich sein Leben lang vor allem darauf konzentrieren, seinen Spaß zu haben. Seine Freunde aus dem 2000-Seelen-Dorf Tavullia kennt er »schon aus dem Kindergarten«. Als Knirpse spielten sie Indianer, als Reminiszenz trägt Rossi den Schriftzug »Tribu del Chihuaha« auf dem Helm. Dieser Indianerstamm erfand »um zwei Uhr früh in der Bar von Tavullia« auch die berühmten Gags, bei denen Rossi mal als Robin Hood mit Pfeil und Bogen, mal als Superman, mal als Adriatourist mit Badehose und mal mit Flower-Power-Kostümierung auftrat.Trotz des Spaßfaktors war seine Transformation von Rossifumi zu Valentinik und jetzt Doktor Rossi sorgfältig orchestriert. »Rossifumi stammte von Norifumi Abe, denn ich war einer seiner größten Fans. Nach meiner ersten, schwierigen 250er-Saison stießen wir auf Donald Duck, der in den italienischen Comics Paparino heißt, tollpatschig ist, sich gelegentlich aber in einen Superhelden namens Paparinik verwandelt – so entstand Valentinik. Auf den Doktor kamen wir, weil ein Doktor ein ruhiges, wissenschaftliches Image hat. Ein Doktor zu sein ist ein Karrieresprung«, schmunzelt Valentino. In der nächsten Saison kämpfen die beiden italienischen Superstars mit neuen Waffen. Die Umstellung auf Viertakt-Prototypen mit knapp einem Liter Hubraum ist angesagt. Rossi soll den Titel auf der V5-Honda holen, Biaggi wird das gleiche Ziel mit der Reihenvierzylinder-Yamaha anvisieren. Dass seine Maschine so schonend mit den Reifen umgeht, könnte zu jenem »radikalen Neubeginn« werden, den Biaggi von Yamaha gefordert hat - und jenen alten Biaggi-Fahrstil begünstigen, bei dem sich der Römer schräg wie kein Zweiter in die Kurve hängt.
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Biaggi gegen Rossi: Reportage über den Zweikampf (Archivversion)

Max Biaggi30 Jahre alt, geboren 26. Juni 1971 in Rom, Italien. Freundin ValentinaWohnort: MonacoAutogrammadresse: Max Biaggi c/o Yamaha Motor Racing B.V., Koolhovenlaan 101, NL-1119 NC SchipolHomepage: www.max-biaggi.com

Biaggi gegen Rossi: Reportage über den Zweikampf (Archivversion)

RENNKARRIEREErste RennenItalienischer Sportproduktionsmeister auf ApriliaEuropäischer Meister auf Aprilia, Grand-Prix-Debüt mit zwei LäufenErste komplette 250-cm3-GP-Saison auf Aprilia, 5. Gesamtrang250-cm3-GP auf Honda, 4. Gesamtrang, 1 Sieg250-cm3-Weltmeister auf Aprilia, 5 Siege250-cm3-Weltmeister auf Aprilia, 8 Siege250-cm3-Weltmeister auf Aprilia, 9 Siege250-cm3-Weltmeister auf Honda, 5 Siege, erster GP-Pilot mit vier 250- cm3-Titeln hintereinanderErste 500-cm3-Saison auf Honda, Sieg zum Saisonauftakt in Suzuka, 2. Gesamtrang, 2 Siege500-cm3-Weltmeitserschaft auf Yamaha, 4. Gesamtrang, 1 Sieg500-cm3-Weltmeisterschaft auf Yamaha, 3. Gesamtrang, 2 Siege500-cm3-Weltmeisterschaft auf Yamaha, 2. Gesamtrang, 3 Siege

Biaggi gegen Rossi: Reportage über den Zweikampf (Archivversion)

Valentino Rossi22 Jahre alt, geboren am 16. Februar 1979 in Urbino, Italien. Sohn von Graziano Rossi, WM-Dritter 250 cm3 1979 auf Morbidelli. Derzeit keine FreundinWohnort: LondonAutogrammadresse: Valentino Rossi c/o Honda Nastro Azzurro, Via della Cecchignola 5/7, I-00143 RomHomepage: www.valentinorossinet.com

Biaggi gegen Rossi: Reportage über den Zweikampf (Archivversion)

RENNKARRIEREErste Minibike-RennenTeilnahme an der italienischen 125 cm3-Sportproduktionsmeisterschaft auf CagivaTitelgewinnTeilnahme an der 125 cm3-EM auf Aprilia, 3. Gesamtrang. Italienischer Meister 125 cm3Erste GP-Saison auf Aprilia 125 cm3, 9. Gesamtrang mit 111 Punkten, 1. Sieg in BrünnJüngster 125-cm3-Weltmeister aller Zeiten auf Aprilia mit 321 Punkten und 11 SiegenErste 250-cm3-Saison auf Aprilia, 2. Gesamtrang mit 201 Punkten und 5 SiegenJüngster 250-cm3-Weltmeister aller Zeiten auf Aprilia mit 309 Punkten und 9 SiegenErste 500-cm3-Saison auf Honda, 2. Gesamtrang mit 209 Punkten und 2 Siegen500-cm3-Weltmeister mit 325 Punkten und 11 Siegen, jüngster der drei Fahrer mit Titeln in drei verschiedenen GP-Klassen (Phil Read 125, 250, 500/ Mike Hailwood 250, 350, 500), Sieg bei Suzuka 8 Stunden mit Colin Edwards,

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