Deutsche Bahnsport-Legenden (Archivversion) Die Runde der Wahrheit

Schade, daß auch der Bahnsport keine ewige Jugend kennt: Karl Maier hat beim WM-Finale in Scheeßel den Stahlschuh abgegeben, und Egon Müller möchte im nächsten Jahr aufhören. Eine Würdigung.

Dem deutschen Bahnsport drohen merkwürdige Zeiten: Dem deutschen Bahnsport gehen die Müllers und die Maiers aus. Kaum zu fassen. Über 20 Jahre war immer mindestens ein Müller oder Maier dabei. Meistens auch bei der Siegerehrung. Reich beschenkt war der deutsche Bahnsport, und jetzt gehen sie einfach so aus. Da müssen neue her, logisch. Aber denkste: Bei Vollgas-Müllers und Drift-Maiers geht es nicht zu wie im Telefonbuch. Da gibt`s nur Egon und Karl. EINMALIG, jeder für sich. Gut, in dieser Saison durften alle schon mal proben: Da hatte es Egon im April runtergehauen, und er mußte mit gebrochenem Fuß monatelang pausieren. Vorübergehend also keine Müllers im Angebot. Dafür konnte sich Karli trotz einer nicht optimalen Saison für das WM-Finale in Scheeßel qualifizieren. Sechster ist er geworden, und ohne das verdammte Motorenpech hätte noch einmal der ganz große Wurf gelingen können. Der fünfte Titel auf der 1000-Meter-Langbahn. Wer hätte es ihm nicht gewünscht? Als alle, die ihn nicht so genau kannten, dachten: »Na, dann probiert er`s halt im nächsten Jahr wieder«, da hat er sich ein Mikro geschnappt und lauthals verkündet, daß er jetzt aufhören werde. Sooo laut hat er das getan, daß niemand mehr lästern konnte: »Ach der Karl, der wollte schon oft aufhören.« Nein, ganz betreten sind sie dagestanden, und da war es sogar einem Maier mal zum Heulen.Ist doch klar: Nach 20 Jahren im Grenzbereich hört niemand ohne Gefühle auf. Alle Höhen und Tiefen rasen dem durch den Kopf, die ganze Bahnsport-Familie steht noch mal an der Box Spalier. »Viel Glück, Karl.« »Super gelaufen, Karl.« Dem braven Zweirad- und Mechanikermeister wird schlagartig klar geworden sein, daß er soviel Zuspruch als Besitzer eines Auto- und Motorradhauses niemals ernten kann. Ob er sie sich beim letzten Rennen noch mal genau angeschaut hat, seine Fans? Den eifrigen Analytiker, der ihn mit Rundenzeiten der schärfsten Konkurrenten versorgte. Die fidele Norddeutsche, die seinen bayrischen Akzent so mochte. Das geistig und körperlich behinderte Mädchen, das sich so rührend freute, wenn er ihr übers Haar gestrichen hat. Und umgekehrt? Sie vermissen ihn jetzt schon, garantiert, denn der Karl Maier, der ist trotz allen Charmes und aller Menschlichkeit so geworden, wie jeder gern wäre: gewissenhaft, konzentriert und willensstark. Irgendwie sieht er das selbst auch so, denn »nur mit Talent, da kannst nix wer`n.« Sagt er jedenfalls, wenn man ihn nach seiner Erfolgsformel fragt.Einiges freilich war dem Sproß einer Zweiradhändler-Familie aus Neufinsing bei München in die Wiege gelegt. Da hat niemand empört aufgeschrieen, wenn der zwölfjährige Filius eine Quickly als Sportgerät mißbrauchte, wenn der 15jährige benachbarte Kuhweiden zur Langbahn erklärte oder später mit dem Kleinkraftrad jedes Wochenende die niederbayrischen Bahnen abgeklappert hat. Mit 17 war der Spaß dann vorbei, da saß der Karl auf einer Bahnmaschine. Der MSC Eichenried durfte ihn im Jahr drauf erstmals als Sieger ehren, bei seinem allerersten Grasbahnrennen. Da hatte Karl längst erkannt, daß erst Talent plus Ehrgeiz plus Kondition minus Diskotheken einen guten Bahnfahrer ausmacht. Zwanzig Jahre ist das jetzt her. 1979 stellte sich der erste DM-Titel ein, sieben weitere sollten folgen. 1980 wurde Karl Maier Langbahn-Weltmeister, das hat er noch dreimal wiederholt und mit zwei Zweiten und vier Dritten garniert. Wer kann mehr?Einmal, da hat auch der Karl noch mehr gewollt, anfangs der Achtziger, und ist in der britischen Speedway-Liga rumgekurvt. In der Königsliga des Bahnsports. Aber da konnte er sich nicht recht durchsetzen, und gefallen hat`s ihm auch nicht, »wegen der ewigen Rumhängerei zwischen den Rennen«. Tja, da ist er eben wieder heimgekommen, hat zwischen den Rennen im Betrieb gearbeitet. Jeden Tag. Was G`scheits halt. Jetzt gehört er ihm, der Betrieb, und er gehört dem Betrieb, mit Haut und Haar. Das heißt, ein bißchen bleibt noch für die Leni übrig, die hat er geheiratet, im letzten November. Also: Rotieren wird er weiterhin.Knallhart zieht der Karl seinen Abschied durch: Schon bei der WM-Revanche in Parchim war er nicht mehr dabei. Kein Maier mehr. Nie mehr. Aber dafür gab`s wieder einen Müller, und dieses letzte wichtige Rennen der Saison war so ganz nach Egons Geschmack: Simon Wigg war in der ersten Kurve innen durch, aber Egon ist ihm außen, auf losem Sand, entwischt, »und dann voll kontrolliert vorneweg.« Das kann einer wie Egon, der hat mittlerweile auch hinten Augen. Außerdem fährt der gebürtige Kieler zur Zeit einen echten Hammer spazieren. Kürzlich hat ihn nämlich der Ehrgeiz gepackt, es auch als Tuner noch mal allen zu zeigen. Aber genau, wie Egon treu und ehrlich Sepp Angermüller und Ivan Mauger als sportliche Vorbilder angibt, gennauso gesteht er, die besten Ideen der Jawa-Päpste Zierk, Lausch und Nischler umgesetzt zu haben. »Und dann noch Feinarbeit.«Egon weiß seine Rezeptur zu hüten, aber daß sie wirkt, bekam nicht nur Simon Wigg zu spüren: Im Sommer ist er einfach in Vojens in Dänemark aufgekreuzt und hat sein 500er Einzylinder-Triebwerk bei Tomasz Gollob in der Box abgestellt. »Das größte Talent seit langem«, meint Egon, und daß ja niemand mitansehen könne, was für Material der arme Junge bewegen müsse. Gollob hat den Motor eingebaut - und ist allen davongefahren.Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist Egon jetzt so was wie der Bahnsport-Professor. Alle Teilexamen mit eins bestanden: Fahren, Tunen und Show, natürlich. Also die Nummer in Parchim, die war super. Da ist er nämlich nach zwei furiosen Läufen zum Mikro, hat den Leuten erzählt, daß jetzt so langsam das Metall in seinem Fuß rumoren würde und daß er ja noch mal wiederkäme. Die Fans haben verstanden, und der Gerd Riss hat gesiegt. Aber der Gewinner war wieder mal Egon.47 Lenze zählt er, aber wirklich nur Lenze, so frisch und quirlig wirkt der Mann. Trotzdem glotzen alle auf seinen Geburtsschein, und dann ist ja klar: aufhören. Nur die echten Fans, die gucken auch auf seine aktuellen Erfolge. Sicher, die letzte seiner vier Weltmeisterschaften liegt mittlerweile zwölf Jahre zurück. Erster und bislang einziger Speedway-King made in germany. »1983, in Norden, vor 25 000 heimischen Fans. Das ging gar nicht anders, ich mußte gewinnen.« Aber auch all die Jahre danach können sich wahrhaft sehen lassen. Bei jedem, der Egons Sohn sein könnte, wären sie Anlaß zu größten Hoffnungen. Immer mit dabei unter den besten Drei, Vier, Fünf in Deutschland, immer wieder gut für einen Platz ganz vorn im internationalen Langbahn-Geschäft. Was braucht einer, um im so lange Triumphe zu feiern? Erfahrung? Nein, die Fähigkeit, alle Erfahrungen richtig abzuspeichern. Das funktioniert so: Wenn auf der Bahn Y mit soundsoviel Hektoliter zuviel gewässert wird, dann reduziert Egon den Luftdruck hinten um X Zehntel. Zum Beispiel. Was noch? Durchsetzungskraft, sagt Egon. Da mußte er wohl Bahnfahrer werden, als letztes von zwölf Kindern. Außerdem war er ein Bewegungstalent, und eigentlich wurde der direkte Weg vom Handstand auf dem Fahrrad zum Driftkünstler nur durch seine Liebe zur Musik in Frage gestellt. Jahre hat er sich mehr der Klampfe als dem Krad gewidmet. Dann kam die Trial-Periode, aber nachdem er sich dort ans Siegen gewöhnt hatte, fiel ihm auf, »daß in diesen Kiesgruben verdammt wenig Zuschauer rumstehen.« Nicht die richtige Bühne. Also stieg er vor nunmehr 25 Jahren um auf die Bahn. Eine kluge Wahl, wie mittlerweile alle wissen: 1973 erster von fünf DM-Titeln auf der Langbahn, 1974 in derselben Disziplin die erste von drei Weltmeisterschaften, außerdem diverse nationale Speedway-Titel und eben das Superding von Norden. Und die ganze Zeit war er der beste Promoter, den die Bahn sich wünschen konnte. Noch ein Beispiel: 1983, da hatte Egon gerade bei Mainz zu tun. Hin zum ZDF und den Herrn Friedrichs, damals Ressortleiter Sport, verlangt. »Warum denn ?«, hat Hajo gefragt. Weil ich Weltmeister bin und weil jedes Wochenende Tausende kommen, um meine Kollegen und mich zu sehen. Hat Egon gesagt. Hajo war damals schon so reserviert wie später bei den Tagesthemen und mochte keine staubigen Sachen. Aber manchmal ist Egon unwiderstehlich: Zwei Wochen später saß er im Aktuellen Sportstudio. Es geht also, und daß andere die Show Bahnsport nicht hartnäckiger verkaufen, das regt ihn immer noch am meisten auf. Deshalb würde er gerne ein kleines Team managen, mit zwei jungen Talenten und ein, zwei Stars. Im zweiten Leben wahrscheinlich, denn falls die Sponsoren mitspielen, macht Egon noch eine komplette Saison. »Voll reinhängen, um ins WM-Finale zu kommen.« Aber so oder so steigt eine Reihe von Abschiedsveranstaltungen. Nicht wie bei Müller, Meier, Schulze. Nein, schon jetzt verspricht er tolle Rennen, tolle Fahrer, tolle Show. Wie bei Egon eben.

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