Deutsche Enduro-Meisterschaft (Archivversion) Auf der letzten Rille

Noch nie war sie so stark wie heute. In der Enduro-DM geben sich die internationalen WM-Stars die Klinke in die Hand. Wer ganz vorn landen will, kennt nur eins: volle Kraft voraus.

Maschine im Parc Fermé aufgebockt, Helm runter, schnell ein paar Autogramme gegeben, und ab geht´s im Sturmschritt Richtung Festzelt. Kari Tiainen weiß, wann was zu tun ist: Geschäft ist Geschäft, Schnaps ist Schnaps. Und Bier ist Bier – für den stämmigen Finnen jedenfalls. Den geschäftlichen Teil hat er beim Enduro-DM-Lauf in Zschopau bereits hinter sich gebracht. Wie immer mit Bravour. Tagessieg in der großen Viertakt-Klasse. Danach hat keiner was gegen ein Bierchen oder zwei oder drei.Warum auch. Mit insgesamt fünf Enduro-Weltmeistertiteln bestimmt der Mann aus Rihimäki längst selbst, was er unter Sportgetränk versteht. Nur die Entscheidung über den alljährlichen Saisonausklang nimmt ihm Arbeitgeber KTM seit längerem ab. Jedes Jahr im Herbst zieht der hochdekorierte Anführer der Stollenritter durch deutsche Lande, um im Auftrag der österreichischen Firma den Enduro-DM-Titel zu erobern. Muss ein Championat gewinnen, das vor wenigen Jahren keinen Pfifferling mehr wert. Denn sie schienen bereits k.o., die letzten Enduro-Veranstalter, die den anscheinend aussichtslos Kampf gegen die für sie unheilvoll geballte Macht der Naturschutz-Behörden und Jägerlobby noch nicht aufgegeben hatten. Die ehemals prachtvollen Touren durch Feld und Wald degenerierten samt und sonders zu einer Aufreihung von Moto Cross-Strecken, die meist über asphaltierte Wege miteinander verbunden waren. Vom ursprünglichen Gedanken, Mensch und Material den Unwägbarkeiten der Natur und der Technik auszuliefern, war nichts mehr geblieben.Buchstäblich in letzter Minute kam die Rettung. Schwierigere wirtschaftliche Verhältnisse, die den Beamtenapparat zwangen, sich mit gravierenderen Problemen als versprengten Off Road-Freaks zu beschäftigen, und ein generelles Einsehen mit vielen Randsportarten öffneten den Organisatoren in den vergangenen Jahren plötzlich verschlossene Tore – sowohl bei den Genehmigungsbehörden als auch auf den Wiesen. Und flugs machte es die Runde: Die Enduro-DM ist wieder wer. Was die Sportsmänner zwar freute, in erster Linie aber die Marketing-Abteilungen der spezialisierten Hersteller auf den Plan rief. Denn trotz aller Schwierigkeiten, hierzulande legalerweise Erde unter die Stollenräder zu nehmen, gehört Deutschland weltweit zu den ersten Adressen, was die Verkaufszahlen von Enduros angeht. Und wenn’s auch nicht mehr ganz so einfach funktioniert wie früher, gilt im Motorradsport noch immer die alte Faustregel: Win sunday, sell monday – gewinne am Sonntag, verkaufe am Montag. Kein Wunder, dass die Off Road-Schmieden ihre für die Weltmeisterschaft ohnehin verpflichteten Recken auf innerdeutsche Verkaufsfahrt schicken. Und so tummelt sich in der größtenteils nach dem Ende der WM-Saison ausgetragenen Enduro-DM-Serie inzwischen die Crème de la crème der Off Road-Branche. Neben der skandinavischen Abordnung von KTM – 125er-Weltmeister Juha Salminen musste nach einer Handverletzung für den Rest der Saison passen – schickt Husqvarna die beiden Schweden Rickard Larsson, seines Zeichens WM-Dritter bei den 125ern und sogar 500er-Weltmeister Anders Eriksson in den Kampf. Gas Gas lässt den 250er-WM-Fünften Jani Laaksonen einfliegen, während Moto TM der Konkurrenz mit dem Tschechen Radek Matoska das Leben schwer macht. Drei von fünf DM-Titeln räumten die Gaststars in diesem und im vergangenen Jahr ab. Ein Blick auf das sogenannte Enduro-Championat, einer klassenübergreifenden DM-Gesamtwertung, lässt die eigentlich nationale Ausrichtung des DM-Titels ohnehin kaum mehr erahnen. In der Schlusswertung rangiert in den Top fünf mit Nico Klaus gerade noch ein einziger einheimischer Pilot. Wobei die schwarz-rot-goldenen Enduro-Cracks, die ob manch entgangener Prämien-Mark zu Recht auf die Gastarbeiter sauer sein könnten, durchweg die positive Seite der Medaille sehen: viel Feind, viel Ehr. Sowohl Nico Klaus als auch Dirk von Zitzewitz auf Rang sieben des Championats lassen sich von der steifen sportlichen Brise mit nach oben wehen. »Klar hätten wir ein paar Mark mehr in der Tasche, doch diese starke Konkurrenz bringt dem gesamten Sport mehr Publicity. Dadurch profitieren wir indirekt«, meint Speditionskaufmann Klaus. Vor allem aber profitieren die Zuschauer von den Schlachtrössern der Importeure. Wenn Weltklasse-Piloten wie Eriksson oder Laaksonen Steilauffahrten oder Schlammlöcher in Angriff nehmen, gilt das Prinzip Räumpanzer: Kein Hindernis dieser Welt scheint diese Menschen stoppen zu können. Erlebnis und Augenweide für jeden Fan - von denen es trotz aller positiven Entwicklungen noch immer nur wenige gibt. Außer in Zschopau. Der DM-Lauf in dem Erzgebirgs-Städtchen in der Nähe von Chemnitz gilt bis heute als das Mekka des deutschen Enduro-Sports. Zu Recht. Wenn die Grobstöller sich einmal im Jahr die steinübersäten sächsischen Steilhänge hochwühlen, wird in der Gemeinde der Ausnahmezustand ausgerufen. Wer auch nur ein Fünckchen Begeisterung für die Matadoren des Unterholzes übrig hat, lässt sich irgendwo am Rand der insgesamt 80 Kilometer langen, drei Mal zu durchfahrenden Runde blicken. Gelegenheiten gibt’s für die gut 20000 Zuschauer genügend. Ob auf einer superkniffligen, felsigen Auffahrt am Stadtrand von Zschopau, an einem der beeindruckenden Schlammlöcher oder auf dem städtischen Skihang, der kurzerhand zur riesigen Sonderprüfung umfunktioniert wurde.Und wenn die DM in dieser Saison letztlich in Burg bei Magdeburg in die letzte Runde ging, spätestens im nächsten Jahr wird in Zschopau das DM-Finale ausgefahren. Denn nicht nur Kari Tiainen wird´s wissen: In Sachsen gibt’s außer anspruchsvollen Enduro-Strecken auch gutes Bier. Viel gutes Bier.

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