Deutschlands größtes Rennteam: UGT 3000 (Archivversion) Breitensport

Neun Fahrer, davon vier bei den 125er Straßen-Grand Prix: Das Rennteam des Grauhändler-Verbunds United Grey gibt auf breiter Front Gas - und will mit dem Projekt sogar Geld verdienen.

Vor zwei Jahren waren sie die bösen Buben im deutschen Motorradsport, jetzt ist »UGT 3000” mit neun Fahrern das größte Rennteam hierzulande, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt. Der Einstieg in den Rennsport anläßlich des Straßen-DM-Auftakts im April 1995 in Speyer wirkte wie ein Revolte. Ausgerechnet der Grauhändler-Verbund United Grey-Team (UGT) tauchte als General-Sponsor bei der von »Pro Superbike”, dem Marketing-Pool der offiziellen Importeure, promoteten Veranstaltung auf. Und auch weiterhin überraschte UGT-Chef Ralf Schindler die Zweirad-Szene mit außergewöhnlichen Aktionen. 1995 mit den Fahrern Helmut Bradl und Michael Liedl auf Kawasaki ein steter Dorn im Auge des Pro Superbike-Establishments, stockte Schindler 1996 seine rennsportlichen wie auch geschäftlichen Anstrengungen gehörig auf. Neben dem Ausbau des UGT-Händlerrings zum möglicherweise größten Motorradhandelshaus in Deutschland wurde das UGT-Racing Team schwerpunktmäßig in zwei verschiedene Meisterschaften geschickt. Zum Superbike-DM-Team, für das Brian Morrison auf der Schnyder-Ducati den ersten Sieg der grauen Hechte im Pro Superbike-Karpfenteich sicherstellte, gesellte sich ein 125er Grand Prix-Team. Ex-Rennfahrer und Fahrwerksspezialist Mario Rubatto begab sich mit dem hochtalentierten japanischen Nachwuchsfahrer Tomomi Manako unter die UGT-Fittiche. Am Ende des Jahres hatte Manako den Grand Prix auf dem Circuito Cataluñya bei Barcelona gewonnen und war Dritter in der 125er Weltmeisterschaft. Diese Erfolge waren genug, um Ralf Schindler zu weiterer Expansion zu treiben, zumal er schon wieder neue Ideen und auch eine Einsicht gewonnen hatte. »Superbike-Rennen sind einfach zu teuer”, stellte der Südbadener fest, den viele wegen seines hemdsärmeligen und direkten Auftretens als Geschäftsmann unterschätzen, »zumal auf nationaler Ebene. Der notwendige Etat steht in keinem Verhältnis zum Werbeerfolg. Wir steigen aus.” Dies war der erste Schritt zum heutigen UGT 3000-Multiteam mit insgesamt neun aktiven Fahrern in fünf verschiedenen Strukturen, die in fünf verschiedenen Meisterschaftsserien antreten werden. »Denn ein erfolgversprechendes 125er Grand Prix-Team”, so Schindler weiter, »kostet nur den Bruchteil eines Superbike-Teams, selbst wenn dieses nur auf DM-Niveau antritt.” Und da im letzten Winter sehr viel Bewegung auf dem Achtelritter-Markt war, schlug Schindler zu. Mario Rubatto bekam neben Manako, der 1997 als Hondas Nummer eins-Fahrer in der 125er Klasse einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel ist, seinen Wunschkandidaten als zweiten Piloten - den Bayern Tex Geissler, zuletzt für das inzwischen in die Superbike-WM gewechselte Eckl-Team unterwegs. Auch der andere Fahrer aus der Eckl-Erbmasse wird in Zukunft in UGT 3000-Farben antreten. »Aprilia-Cheftechniker Jan Witteveen wollte weiter mit mir zusammenarbeiten”, erklärt Peter Öttl, 1996 trotz des elften Gesamtranges bester Deutscher in der 125er WM, »und Stefano Cappanera, der Teamchef von Ex-Weltmeister Kazuto Sakata, hatte Platz in seinem Team für mich, aber nicht genug Geld. In diesem Moment trat UGT auf den Plan.” So kam es zu einer der außergewöhnlichsten Team-Konstellationen in der WM-Geschichte. Denn in den Teamfarben von UGT 3000 treten 1997 vier 125er GP-Fahrer auf zwei verschiedenen Maschinen an: Tomomi Manako und Tex Geissler auf den Honda von Mario Rubatto sowie Kazuto Sakata, den UGT 3000 quasi als Zugabe bekommen hat, und Peter Öttl in Stefano Cappaneras Aprilia-Mannschaft. Cappanera fühlt sich, ganz Italiener, ziemlich wohl in der Großfamilie: »Was mich an Ralf Schindler und UGT am meisten beeindruckt hat: Es ist ein Sponsor, der sich mehr und mehr engagiert und eben nicht aus der Tabakindustrie kommt. Mit so jemanden zusammen zu arbeiten ist heute ein Glücksfall. Denn die Zigaretten-Teams werden durch zunehmende Werbeeinschränkungen immer mehr Probleme bekommen, und andere Sponsoren gibt es kaum.” Auf die Frage nach dem Gesamt-Teamgeist hält sich der schlaue Italiener zurück: »Zuerst einmal geht es darum, daß Kazuto Sakata und Peter Öttl möglichst weit vorn sind. Das ist unser Job und nichts weiter. Wenn wir aber schon einmal verlieren müssen, dann würde es sicher am wenigsten weh tun, wenn es gegen einen von Marios Piloten passiert. Denn dann findet die Siegesfeier trotzdem in unserem Hospitality-Zelt statt.” Auch endlich feiern will Ralph Stelzer. Der zweifache deutsche Vizemeister in der Supersport 600-Klasse gehört als UGT-Fahrer der ersten Stunde schon fast zum Inventar. Mit seinem gesamten Team des ihn direkt unterstützenden UGT-Händlers Held & Gutheber von Ducati 748 auf Honda CBR 600 F umgestiegen, will der Schwabe 1997 den DM-Titel holen. Um dem zukunftsträchtigen Namen UGT 3000 Rechnung zu tragen, gehört zu den vereinigten Grau-Rennern auch eine umfangreiche Jugendabteilung, die strukturell ebenfalls zweigeteilt an drei verschiedenen Fronten angreift. Der vielfache deutsche 125er Meister vergangener Tage, Alfred Waibel, organisiert den UGT 3000-Auftritt in der 125er Straßen-DM. Der 19jährige Benny Jerzenbeck, 1996 im dritten Anlauf Gesamtsieger des ADAC-Junior-Cups und die gerade 18jährige Alexandra Eble debütieren auf Honda RS 125-Production Racern mit bewährtem Waibel-Tuning in der DM. Nesthäkchen bei UGT 3000 ist der 13jährige Sachse Marcel Schneider, der auf einer Aprilia im ADAC-Junior-Cup startet. Gerade mal fünf Tage älter als Schneider ist Philipp Hafeneger, Sohn des früheren 125er DM-Fahrers Dirk Hafeneger und ADAC-Mini-Bike-Meister 1996. Er wird 1997 mit einer Honda im OMK-Pokal der 125er Klasse fahren. Seine technische und organisatorische Betreuung liegt bei Horst und Jörg Seel ebenfalls in besten Händen. Der Rennkindergarten ist im übrigen auch ein besonderes Anliegen von Teambesitzer Schindler: »Die intensive Nachwuchsförderung zahlt sich natürlich auch für uns aus. Wenn es der eine oder andere unserer Nachwuchs-Leute tatsächlich bis hinauf in die GP-Szene packt, gehört er bereits zu unserem Team und muß nicht erst teuer eingekauft werden.” Mit dem Hinweis auf die Finanzen kommen wir zum entscheidenden Teil von Ralf Schindlers eigenen und neuen Vorstellungen vom Rennsport. Was versteckt sich hinter UGT 3000? Zusätzlich zur im Rennsport üblichen Praxis, Werbefläche auf dem Motorrad oder dem Fahrer für Geld oder Material an Sponsoren zu verkaufen, nutzt der findige Geschäftsmann aus Lörrach seine Sonderstellung als Einkäufer des UGT-Händlerverbands. Sponsoren des UGT 3000-Teams finden ihre Produkte - das können Motorrad-Ersatzteile, aber auch Mini-Salami-Würstchen sein - nämlich umgehend auf den Verkaufstheken der knapp 60 Filialen starken Vertriebsorganisation. Im Kampf um knappe Sponsorenbudgets ein riesiger Vorteil. Worüber der 41jährige Schindler auch schnell ins Träumen gerät. In spätestens zwei Jahren sollen die Einnahmen von Sponsoren die Kosten des Teams einspielen, bald darauf soll das ganze Projekt sogar Gewinn abwerfen. Ein guter Plan. Ob er auch klappen wird?

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